merken
PLUS

Frühlingserwachen in der Igel-WG

Sechs Igel-Junge hat Ina Conradi gerettet. Im Winterquartier raschelt es nun leise – und leider hustet es auch.

© André Wirsig

Von Nadja Laske

Wenn die Igel in der Abendstunde still in ihren Winternestern kauern, hört Ina Conradi ein leises Husten. Es dringt aus einer der Hütten, die sie im Garten ihres Mietshauses eingerichtet hat. Hinter Holz und Styropor warm verpackt, in Küchenkrepp, Stroh und Sägespäne gehüllt, schlummert auch Little, das kleinste von insgesamt vier Igel-Babys. Bald werden die Winterschläfer ihre Höhlen verlassen. Dass sie das frische Grün sehen und die wärmende Sonne genießen können, verdanken sie ihrer Retterin. Doch Little ist krank und ein echtes Sorgenkind.

Oppacher Mineralquellen
Genieß‘ die Heimat mit Oppacher!
Genieß‘ die Heimat mit Oppacher!

Im grünen Herzen des waldreichen Landschaftsschutzgebietes Oberlausitzer Bergland sprudelt ein ganz besonderer Schatz: Oppacher Mineralwasser, das überall dort zu Hause ist, wo Menschen ihre Heimat genießen.

Ende November hatte Ina Conradi die ersten vier Igel-Babys auf gut 550 Gramm gebracht. Zum Überwintern waren sie noch immer zu schwach. In der SZ erzählte sie von der Igelrettung.
Ende November hatte Ina Conradi die ersten vier Igel-Babys auf gut 550 Gramm gebracht. Zum Überwintern waren sie noch immer zu schwach. In der SZ erzählte sie von der Igelrettung.

Im Oktober des vergangenen Jahres waren die Tierfreundin und ihr Lebensgefährte unversehen Pflegeeltern der winzigen Igelkinder geworden. Auf der Terrasse hatten Mutter und Vater Igel ein verstecktes Nest gebaut, und als die Jungen schließlich durchs herbstliche Gras schnüffelten, sah Ina Conradi, wie klein sie waren: „Viel zu klein, um den Winter zu überstehen“, sagt sie. Rund 700 Gramm schwer sollten die Tiere sein, bevor sie sich zum Winterschlaf verkriechen. Doch die Geschwister brachten jeweils nur rund 250 Gramm auf die Küchenwaage.

Also nahm Ina Conradi das Quartett bei sich auf, ihr Freund verzichtete auf sein Arbeitszimmer und machte darin Platz für vier improvisierte Kisten voller Sägespäne, Krepp und Knüllpapier. Für die nächsten Monate sollten sie das Zuhause der Mitbewohner sein. Um beim Füttern und Wiegen nicht durcheinanderzukommen, gab Ina Conradi ihnen Namen und markierte sie entsprechend: Blue bekam einen blauen Nagellack-Punkt aufs Stachelkleid, Türke einen türkisfarbenen, Fred einen roten und Krümeline einen gelben. Später unterschied die 47-Jährige ihre Zöglinge auch ohne Punktesystem.

Mit gegarten Hühnerkeulchen, gekochtem Ei, Katzenfutter, Obst, Gemüse und Körnerbrei, viel Ruhe und Streicheleinheiten brachte Ina Conradi die Kleinen auf das stattliche Gewicht von jeweils rund 800 Gramm. „Geraucht werden durfte im Arbeitszimmer nicht, und laute Musik war auch tabu“, erzählt sie. Dass ihr Freund die stacheligen und raumgreifenden Gäste nicht nur akzeptierte, sondern mit für sie sorgte und ihnen schließlich warme Winterquartiere im Garten baute, rührt sie. Inzwischen hat er ihr dabei geholfen, draußen eine Art Freigehege anzulegen, damit die Igel mit geschützter Zwischenstation vom Schlafhaus in die Natur wechseln können. Gewechselt hat derweil auch die Igelbesatzung in Ina Conradis Obhut. Denn während sie Blue und Krümeline über die kalten Monate bei sich behielt, zogen Fred und Türke in der Adventszeit um. „Igelfreunde haben sich bei uns gemeldet, die wollten gern welche in ihrem Garten leben lassen und boten Winterquartier an.“

Der Anruf kam zurecht. Denn neue Igeljunge waren im Anmarsch. „Unser Tierarzt vermittelte den Kontakt zu einer Frau, die ebenfalls zwei Igel gefunden hatte, noch viel später im Herbst als wir“, erzählt die Hobbytierpflegerin. Diese Dame jedoch traute sich die Aufzucht der Winzlinge nicht zu und war dankbar, dass Ina Conradi sie zu sich nahm. Einer der beiden erhielt den Namen Little, denn er war der schwächste und wog nur 150 Gramm, als er im November bei Conradis einzog. Auch Bruder Jensen brauchte Fürsorge, doch er entwickelte sich gut, Littles Atem indes ging rasselnd, und nach der üblichen Entflohungs- und Entwurmungs-Kur zu Hause fuhr Ina Conradi mit ihr zu Christian Vockert, dem Tierarzt, der schon alle vier vorigen Igelkinder behandelt und immer als Ratgeber zur Seite gestanden hatte. Er verordnete Inhalationen – eigentlich kein Problem. Denn schon früher hatte Ina Conradi Igel mit Kamillenextrakt benebelt und ihren Husten gut kuriert. Weil sie jedoch nicht artig ein- und ausatmen, wenn man sie vor ein Inhaliergerät setzt, funktionierte ihre Pflegerin für sie einen Schuhkarton zur Dampf-Kammer um. Darin hockten sie dann 20 Minuten lang bei leiser Musik und atmeten die heilenden Stoffe.

Doch Little war ärger dran als alle zuvor und sogar zu schlapp für die Prozedur im Pappkarton. Sie bekam Antibiotikum, fraß gut, wurde kräftiger, doch der Husten wollte nicht verschwinden. „Der Arzt sagt, das seien wahrscheinlich die Folgen von Lungenwürmern.“ So ging Little schließlich mit rund 800 Gramm Gewicht ebenfalls in Winterschlaf. Sechs Wochen etwa habe das Igelmädchen durchgeschlafen, viel weniger als ihre Artgenossen. Doch Ina Conradi ist zufrieden: Alle Jungen haben überlebt. Nun wartet ihre Pflegemutter darauf, dass sie ihre Unterschlupfe verlassen. Einer ist bereits auf und davon: Blue will die Welt sehen und hat sich aus dem Freigehege gestohlen. Krümeline und Littles Bruder Jensen schlafen seit Ende Dezember, noch ist’s still in ihrem Haus.

Wenn Ina Conradi am Abend von ihrer Arbeit im Societaetstheater heimkommt, setzt sie sich in den Garten und lauscht, dann hört sie Little leise husten. „Bestimmt bleibt sie immer kränklich“, vermutet die Igelpflegerin, doch ein paar schöne Sommer werde sie genießen, daran glaubt Ina Conradi ganz fest.