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Frust und Zoff kommen mit der Bahn

Reisezentrum. Riesaer beschweren sich über lange Schlangen vorm Fahrkartenschalter.

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Von Antje Becker

Das gibt’s doch nicht“, ruft Annelies Peschel wütend dem Zug nach Dresden hinterher, der ihr gerade vor der Nase weggefahren ist. Zu mehr ist die Rentnerin noch nicht fähig, ist sie doch gerade die Treppen zum Gleis zwei im Eiltempo heraufgelaufen. Ihre Schwester Marianne, bei der die Hannoveranerin hier ihren Urlaub verbringt, hat dagegen auf halber Strecke aufgegeben. Sie steht bereits wieder im Reisezentrum vor dem Fahrkartenschalter. Inmitten der Warteschleife und hitzigen Diskussionen hatten die Schwestern glatt den Zug verpasst und stehen nun wieder ganz hinten.

Nettigkeiten werden hier keine ausgetauscht. Obwohl sich die beiden Peschels in der halben Stunde, die sie nach eigenen Angaben bereits in der Schlange gestanden haben, durchaus mit den anderen Wartenden verbrüdert haben – gegen die Deutsche Bahn. Die nämlich hat an diesem noch zeitigen Dienstagabend nur einen so genannten Counter besetzt. Und an jenem lässt sich seit geraumer Zeit eine junge Frau beraten. Ihr kann man schlecht einen Vorwurf machen, also trifft der die Bahnangestellte umso härter. „Was ist das denn hier für ein Sau-Verein“, wettert ein Mann, der sich schon an die zweite Stelle vorgearbeitet hat und angeblich hier schon oft wartete, „die kassieren so viel Geld von uns und lassen uns Deppen dafür auch noch stundenlang stehen.“

Scheinbar gewohnt, antwortet die Bahnangestellte nur, beschweren könne man sich in den Chefetagen der Deutschen Bahn. Dort versteht man die ganze Aufregung allerdings nicht: „Wir haben sehr lange Öffnungszeiten“, sagt Pressesprecherin Karin Schwelgin auf Nachfrage der SZ. „Zu Spitzenzeiten haben wir zwei Counter besetzt, ansonsten einen. Das ist für eine Bahnhofsgröße wie Riesa mehr als angemessen. Änderungen sind nicht geplant.“

Automatenguides für Senioren

Außerdem stünden zum Kartenkauf auch zwei Automaten im Außenbereich zur Verfügung. Dass die angeblich öfter nicht funktionierten, lässt Karin Schwelgin nicht gelten: „Ende Mai gab es bedauerlicherweise gleich an zwei Tagen hintereinander Störungen. Ansonsten beträgt die Verfügbarkeit über 95 Prozent.“ Und auch gegen die Abneigung vor allem älterer Menschen, mit solchen Geräten umzugehen, hat die Bahn bereits eine Lösung parat: Automatenguides. Diese sollen sporadisch eingesetzt werden und Reisenden die Nutzung der roten und blauen Ungetüme schmackhaft machen.

Annelies und Marianne Peschel sehen darin allerdings keinen Vorteil. „Eine Karte kostet so viel Geld, da kann ich wohl eine persönliche Beratung erwarten. Man weiß ja auch gar nicht, welche Tarife gerade gelten“, sagt die niedersächsische Schwester. „Dann müssen die Leute aber mehr Zeit mitbringen“, erklärt Karin Schwelgin. Denn lange Schlangen allein zählten nicht. Nur wenn der Automat kaputt sei, verzichte die Bahn auf den meist zehnprozentigen Aufschlag beim Fahrkartenkauf im Zug.