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Fünf Hürden für den Industriepark Oberelbe

Die Initiatoren würden das Groß-Gewerbegebiet bei Pirna am liebsten sofort erschließen. Doch so einfach ist das nicht.

© John-Frisch, Gundula

Von Christian Eissner

Pirna. Eine vierstellige Zahl neuer Arbeitsplätze und ein Entwicklungsschub für die gesamte Region: Die Idee, zwischen Pirna, Heidenau und Dohna 140 Hektar Fläche für Gewerbe-Ansiedlungen freizugeben, hat viele Befürworter – zumal große freie Gewerbe-Grundstücke rund um Dresden knapp geworden sind.

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Die drei beteiligten Kommunen treiben das Projekt „Industriepark Oberelbe“ (IPO) konsequent voran, auch weil sie auf Fördergeld für Planung und Erschließung hoffen. Am 22. Mai haben sie einen Zweckverband gegründet, der in ihrem Auftrag die IPO-Geschäfte nun führt. Doch das Projekt ist nicht unumstritten, gewichtige Interessen stehen ihm entgegen. Wie könnten hier Lösungen aussehen?

Problem 1: Es gibt keine „freie“ Fläche

Das Plangebiet für den Industriepark Oberelbe umfasst rund 230 Hektar Land entlang des Pirnaer Autobahnzubringers zwischen Dohna, Heidenau-Großsedlitz, Pirna und dem Dörfchen Krebs. Etwa 140 Hektar davon sollen für die Ansiedlung von Betrieben zur Verfügung stehen, der Rest sind unter anderem Verkehrs-, Grün- und Ausgleichsflächen. Der Großteil des Areals wird heute landwirtschaftlich genutzt. Da der Boden hier hochwertig ist und es auch für Landwirte immer schwieriger wird, geeignete Flächen zu finden, ist nicht klar, ob alle bereit sind, ihre Felder abzugeben.

Ohnehin müssen die Kommunen bei den unterschiedlichen Eigentümern der über 400 vom IPO betroffenen Grundstücke Überzeugungsarbeit leisten. Nach Auskunft des Pirnaer Oberbürgermeisters Klaus-Peter Hanke (parteilos) sind nur rund 45 Hektar in kommunaler Hand beziehungsweise gehören Bund oder Freistaat. Weitere rund 50 Hektar seien durch Vorverträge gesichert, über den Rest muss mit Privateigentümern verhandelt werden.

Hinzu kommt ein weiterer Aspekt. Der Korridor für die geplante neue Bahntrasse Dresden–Prag könnte die fürs Gewerbegebiet geplante Fläche schneiden. Das Freihalten dieses Korridors hat gegenüber dem IPO Priorität. Da der genaue Verlauf der Bahntrasse noch nicht feststeht, könnte das die IPO-Planungen deutlich verzögern.

Die Rechte der Grundeigentümer in dem betroffenen Gebiet schränkt der von den IPO-Kommunen gegründete Zweckverband bereits ein: Gleich auf ihrer Gründungssitzung hat die Verbandsversammlung eine sogenannte Veränderungssperre für das Gebiet beschlossen, die ab 15. Juni gilt. Landeigentümer dürfen in dieser Zeit keine Nutzungsänderungen ihrer Grundstücke im Plangebiet vornehmen.

Problem 2: Landschafts- und Denkmalschutz


Der Industriepark würde sich direkt am Barockgarten Großsedlitz befinden. Das Gartendenkmal besitzt vier Sichtachsen in Richtung Sächsische Schweiz und Osterzgebirge, die frei von Bebauung gehalten werden müssen. Gelöst werden könnte dies mithilfe von Grünschneisen durch das Gewerbegebiet.

Zudem befände sich ein Teil des IPO im und direkt am Landschaftsschutzgebiet „Großsedlitzer Elbhänge und Hochflächen“. Dies gehört zum Schutzgebietsverbund im Elbtal, der unter anderem dafür sorgen soll, dass bestimmte Areale unbebaut bleiben, um das Landschaftsbild des Elbtales zu erhalten.

Problem 3: Pirnaer brauchen Frischluft

Im Jahr 1994 hat die Stadt Heidenau ein klimatologisches Gutachten erstellen lassen. Darin wurde unter anderem deutlich, dass nachts in den oberen Lagen der Stadt, in Wölkau und Großsedlitz, Kaltluft entsteht, die morgens ins Elbtal fließt und dort die warme, abgestandene Luft verdrängt. Auch die Fläche des geplanten Industrieparks gilt bisher als ein solches Kaltluft-Entstehungsgebiet, unter anderem für Pirna-Zehista und Dohna. So ist es im Regionalplan von 2009 ausgewiesen. Normalerweise sollen solche Flächen nicht überbaut werden, zumal Pirna aufgrund seiner Lage vor der Elbtal-Verengung ohnehin ein Frischluft-Problem hat – verbunden mit gesundheitlichen Nachteilen für die Stadtbewohner.

Die aktuell in Überarbeitung befindliche Regionalplanung verzichtet zugunsten des Industrieparks auf die erneute Ausweisung von Kaltluft-Entstehungsgebieten an dieser Stelle. Nach einem Abwägungsprozess sei man zu dem Ergebnis gekommen, dass dies sowohl für die Anwohner in Dohna als auch in Zehista vertretbar sei, da es weitere Kaltluft-Schneisen gebe, sagt Heidemarie Russig, die Geschäftsführerin des regionalen Planungsverbandes Oberes Elbtal/Osterzgebirge. Es werde dazu aber weitere Untersuchungen geben, die in die Planung des Industrieparks einfließen.

Problem 4: Anschluss ans Straßennetz wird schwierig

Ein vierspuriger Autobahnzubringer mittendurch und die Autobahn gleich nebenan – verkehrsgünstiger kann ein Gewerbegebiet gar nicht liegen. Denkt man. Aber gerade die Anbindung ans Straßennetz wird eine Herausforderung für die IPO-Planer. Denn das Gewerbegebiet direkt an den Pirnaer Autobahnzubringer B 172a anzubinden, ist eigentlich unmöglich. Diese übergeordnete Straße muss möglichst kreuzungsfrei bleiben, bestätigt das Sächsische Landesamt für Straßenbau und Verkehr (Lasuv). „Wir sehen eine Anbindung zwischen der Autobahnanschlussstelle Pirna und der im Bau befindlichen Ortsumgehung äußerst kritisch“, sagt Lasuv-Sprecherin Isabel Siebert. Der Mindestabstand zwischen zwei Knotenpunkten müsse auf der B 172a drei Kilometer betragen – aus Gründen der Verkehrssicherheit. Dieser Abstand sei dann nicht mehr gegeben. Man beginne aber bereits im jetzigen frühen Planungsstadium, nach einer Lösung zu suchen.

Als Lösung derzeit ausgeschlossen wird eine Haupt-Anbindung des Industrieparks ans untergeordnete Straßennetz wie zum Beispiel die Straße zwischen Pirna und Großsedlitz. Der hierüber abfließende Verkehr würde mitten in den umliegenden Ortschaften wie Pirna, Großsedlitz oder Krebs landen. Das soll vermieden werden.

Problem 5: Wohin mit dem Regenwasser?

Das für den Bau des IPO vorgesehene Gebiet ist keine ebene Fläche. Die Hänge hier entwässern Richtung Dohna ins Müglitztal, geringfügig direkt ins Elbtal, vor allem aber ins Pirnaer Seidewitztal. Wie schwierig die Wasserhaltung selbst bei unbebauter Fläche ist, beweisen einerseits die Sturzfluten, die sich bei Starkregen ihren Weg am Großsedlitzer Elbhang bahnen und andererseits die Tatsache, dass das in einer Talsenke liegende Dorf Krebs seit dem Bau der A 17 und des Autobahnzubringers nach jedem starken Niederschlag unter Wasser steht.

Mit dem IPO wird man an den Hängen in Größenordnungen weitere Flächen versiegeln. Den Initiatoren ist die Herausforderung offenbar bewusst. Man habe, sagt Pirnas Stadtentwicklungs-Chef Christian Flörke, das Regenwasserproblem als einen der wichtigsten Punkte bei der Planung des IPO im Blick. Eine Idee: Regenwasser soll so weit wie möglich in Vorflutern auf den Gewerbegrundstücken selbst gesammelt und dann kontrolliert abgeleitet werden. Ob und wie das funktionieren kann, weiß man allerdings erst, wenn die Planungen konkreter werden.