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Fünf Prozent sind radioaktiv

Beim Abriss des Reaktorgebäudes gibt es immer Überraschungen. Nebenan entstehen derweil moderne Strahlenschutzlabors.

Von Kay Haufe

Damit hätte keiner der Fachleute gerechnet: Der Schornstein des Rossendorfer Reaktorgebäudes, der im Juli 2013 abgebaut wurde, wies weit geringere Kontaminationen auf als gedacht. „Er war über 50 Jahre in Betrieb, deshalb hatten wir hohe radioaktive Werte vermutet. Doch wir konnten ihn leicht reinigen. Er ist bereits in Einzelteile zerlegt und soll als Metallschrott verkauft werden“, sagt Peter Sahre, der Chef des Vereins für Kernverfahrenstechnik und Analytik (VKTA).

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Messgeräte stehen heute dort, wo einst Radiopharmazeutika hergestellt wurden. Im Hintergrund wird das Bürogebäude saniert.
Messgeräte stehen heute dort, wo einst Radiopharmazeutika hergestellt wurden. Im Hintergrund wird das Bürogebäude saniert.
Möglicherweise radioaktiv belastetes Material wird in der Freimess-Anlage auf Strahlung untersucht.
Möglicherweise radioaktiv belastetes Material wird in der Freimess-Anlage auf Strahlung untersucht.

Seit 1999 arbeitet sein Verein am Abriss des ehemaligen Forschungsreaktors, wo einst 951 Brennstäbe aktiv waren. Auch die Halle der Radio-Isotopen, in der Medikamente entstanden, muss abgetragen werden. Von ihr ist mittlerweile nichts mehr zu sehen. Allerdings sind gesäuberte und damit unbedenkliche Mauerreste tief im Boden geblieben, bevor das Areal aufgefüllt wurde. „Vom gesamten Bauwerk sind nach der Reinigung drei Prozent radioaktiv belastete Stoffe wie Bauschutt, Plaste oder Rohrleitungen übrig geblieben“, sagt Sahre. Diese werden in einer großen Halle auf dem Gelände des VKTA streng gesichert gelagert, bevor ein deutsches Endlager bestimmt ist. Derzeit weisen nur noch Strahlenmessgeräte auf der Fläche der einstigen Isotopenproduktion darauf hin, dass hier einst mit radioaktiven Substanzen gearbeitet wurde. „Wir wollen das Gelände noch dieses Jahr freigeben“, sagt Sahre. Es geht dann in die Hände des Helmholtz-Forschungszentrums über.

Gleich nebenan dreht sich ein großer Kran am früheren Bürogebäude der Medikamenten-Produktion. Von ihm ist nur die Hülle übrig geblieben. Bis Herbst 2015 sollen hier moderne Labore und Büros der Strahlenschutz-Bereiche des VKTA einziehen. Diese sind bisher über das gesamte Gelände des Forschungszentrums verteilt. Später sind sie im Bürogebäude vereint. 3,75 Millionen Euro kostet die Sanierung. Noch vier Jahre gehen ins Land, bevor das Reaktorgebäude und Nebengebäude abgerissen und die umgebende Fläche rekultiviert sind. „So ist zumindest unser Zeitplan“, sagt Peter Sahre. Stück für Stück sollen die Bauten verschwinden. Immerhin muss dabei ständig gemessen und kontrolliert werden, ob Gefährdungen vorhanden sind. Zuerst ist die ehemalige Filterhalle dran, die sich hinter der Reaktorhalle befindet.

Geplant ist, dass bis Ende 2015 nur noch Reste der Bodenplatte in der Tiefe übrig bleiben. Im Anschluss wird das komplette Reaktorgebäude mit Bürotrakt und Halle abgerissen. Im Erstgenannten sind sämtliche Einbauten bereits entfernt und Fußböden rausgerissen worden. Von der Reaktorhalle selbst sollte eigentlich der Kellerbereich im Boden bleiben. Doch hier wurden strahlende Teilchen nachgewiesen. Deshalb muss er nach dem Abriss des unbelasteten Hallenteils unter strengster Kontrolle abgebaut werden. Den kontaminierten Betonbruch säubern die Mitarbeiter des VKTA und lagern ihn bei starker Verschmutzung zwischen. Dies soll bis Ende 2016 abgeschlossen sein. „Vom Reaktor bleiben am Ende fünf Prozent an belastetem Material übrig“, sagt der Vereinschef.

Zwei Jahre sind dann noch nötig, um die geforderten Messungen auf der Fläche durchzuführen, sie zu verfüllen und landschaftsgärtnerisch zu gestalten. „Ende 2018 wollen wir diesen Bereich nach Möglichkeit freigeben“, sagt Sahre. Dafür muss der Freistaat allerdings noch das erforderliche Geld zur Verfügung stellen. Das war in der Vergangenheit nicht immer problemlos möglich. Gut sichtbar wird das am einstigen Fertigstellungsdatum des Rückbaus von 2011. Das möchte heute kaum noch jemand hören.

„Aber das Wissenschaftsministerium hat großes Interesse daran, dass wir endlich fertig werden“, sagt der VKTA-Chef. Deshalb ist er zuversichtlich, dass in den Haushaltsverhandlungen für 2015/16 die von ihm genannten Summen auch bestätigt werden. „Wir benötigen im kommenden Jahr rund 1,7 Millionen Euro, 2016 sind es nur 0,4 Millionen Euro“, sagt Sahre. Allerdings verfälschen diese Zahlen immer ein wenig das Bild. „Denn das Teure ist die Lagerung des radioaktiven Abfalls.“ Die Kapazitäten reichen dafür auf dem eigenen Gelände aber definitiv aus.

Um die behandelten Materialien sehr sorgfältig auf radioaktive Belastung zu prüfen, hat der VKTA dieses Jahr eine neue Freimess-Anlage für eine halbe Million Euro angeschafft. „Die alte ist bereits seit dem Jahr 1997 in Betrieb. Falls sie ausfällt, sind wir auf der sicheren Seite. Über unsere Erfahrungen mit der Technik haben sich sogar die Wissenschaftler der Europäischen Organisation für Kernforschung (CERN) bei uns informiert“, so der Vereinschef.