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Für den Traum über den Balkan

Maka Gurtskaia aus Georgien hilft Flüchtlingen, sich in Deutschland zurechtzufinden. Sie weiß, wie sie sich fühlen.

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© Steffen Unger

Von Constanze Knappe

Bischofswerda. Jeden Tag einfach nur herumsitzen, das ist schwer. Maka Gurtskaia zuckt mit den Schultern. Nichtstun sei nicht ihre Art, sagt sie. Die Georgierin suchte sich eine Aufgabe. Sie übersetzte für Tschetschenen, die auf dem Weg in ein neues Leben in Deutschland zunächst in der Erstaufnahme in Bischofswerda strandeten. Die Einrichtung des Freistaats wird am 30. Juni geschlossen. Vor neuneinhalb Monaten war sie praktisch über Nacht in einer leerstehenden Werkhalle der ehemaligen Dresdner Herrenmode in der Belmsdorfer Straße eingerichtet worden und zählte mit 700 Plätzen zu den größten in Sachsen. Seitdem lebten über 2 600 Flüchtlinge dort, auch aus Tschetschenien. Einige von ihnen begleitete Maka Gurtskaia zum Arzt oder auf anderen Gängen. Sie brachte ihnen die ersten Wörter in Deutsch bei. Zuletzt stand die Einrichtung leer, weil nach dem Schließen der Balkanroute immer weniger Flüchtlinge nach Deutschland kamen.

Wie es den Menschen in der Erstaufnahme in Bischofswerda erging, das kann die 37-Jährige nachempfinden. Sie selbst ist ebenfalls ein Flüchtling. „Es war nicht möglich, in Georgien ein Visum nach Deutschland zu bekommen“, sagt sie. Die Flucht sei „schwarz“ und ein großes Risiko gewesen. In der Hoffnung auf ein besseres Leben habe sie die Strapazen auf sich genommen. Und 2 500 Euro dafür bezahlt. Über die Balkanroute landete sie im Oktober 2015 in München, danach in der Erstaufnahme in Chemnitz. Sie habe zunächst Angst gehabt. „Als einzige Christin allein unter lauter Muslimen“, begründet sie. Wie sich zeigte, lebten in dem Camp aber vor allem Familien, die meisten waren sehr nett. Dennoch, so sagt Maka Gurtskaia, mit so vielen Menschen aus verschiedenen Kulturen auf engem Raum zusammen sein, das sei Stress. So sei es auch in der Erstaufnahme in Bischofswerda gewesen, weiß sie. Seit Februar wohnt sie nun im Asylbewerberheim des Kreises an der Belmsdorfer Straße. Wie 88 andere, von denen acht aus der benachbarten Erstaufnahmeeinrichtung kamen. Sie hat ein eigenes Zimmer, muss sich Toilette und Küche mit anderen teilen. Das Schlimmste aber sei, dass man den ganzen Tag nichts machen kann.

Kein Geld für Praktika

Deutsch lernte Maka Gurtskaia in der Schule. „Das ist lange her. Ich habe viel vergessen“, erklärt sie beinahe entschuldigend. Dabei erzählt sie in fast astreinem Deutsch. Nur manchmal schaut sie in ihr Smartphone, wenn ihr eine Vokabel partout nicht einfallen will. Sie hätte gern einen Deutschkurs mitgemacht. Umso mehr freut sie sich, dass es jetzt in Bautzen klappt mit einem Intensivkurs für Flüchtlinge, die nicht aus Syrien sind. Sechs Stunden täglich über sechs Monate. Danach möchte sie sich einen Job suchen. Noch viel lieber würde sie eine Ausbildung zur Zahnarzthelferin machen. Maka Gurtskaia ist diplomierte Zahnärztin. Um nach dem Studium in Georgien arbeiten zu können, hätte sie mehrere Praktika absolvieren müssen. Dafür aber fehlte ihren Eltern das Geld.

Ihre Familie war vor 24 Jahren aus Abchasien geflohen. Die Region im Süden des Kaukasus gilt völkerrechtlich gesehen als Teil von Georgien, ist aber eine autonome Republik. Immer wieder leiden die Menschen im Kaukasus unter kriegerischen Unruhen. Wer nach Georgien flieht, kriegt dort kaum zu essen, keine Bleibe und erst recht keine Arbeit. Dort Fuß zu fassen, das fiel den Eltern von Maka Gurtskaia schwer. Sie engagierte sich dort in der Flüchtlingshilfe. Selbst wissend, „wie es ist, wenn man durch Krieg alles verliert“. Auch in Deutschland hilft sie denen, die vor Kriegen flohen in ein fremdes Land, eine fremde Kultur und ohne ein einziges Wort der Sprache zu verstehen. Ihr Einsatz in der Erstaufnahme Bischofswerda war ehrenamtlich. Arbeiten darf die Asylbewerberin nicht. Dabei würde sie es gerne, um Geld zu verdienen. Um eine Aufgabe zu haben.

Warten bis zur Anhörung

Mit den Leuten im Verein Mosaika spricht sie Russisch. In Bischofswerda liege alles dicht beieinander, da könne man sich schnell zurechtfinden. „Ich würde gern für immer hierbleiben“, sagt sie. Sie befürchtet aber, in der Stadt weder Job noch Ausbildung zu finden. Dafür jeden Tag nach Dresden zu fahren, das sei zu teuer. 320 Euro Sozialgeld bekommt sie im Monat. Wenn das Geld da ist, ruft sie ihre Eltern in Georgien an. Die seien zu alt für eine Flucht, sagt sie traurig. Und dass sie nicht weiß, wann sie sie wiedersieht. Im Dezember stellte Maka Gurtskaia ihren Antrag auf Asyl. Eine Anhörung dazu gab es noch nicht. Wer nicht aus Syrien kommt, muss sich gedulden, hat sie in der Zeit gelernt. Und auch öfter gehört, dass sie als Georgierin nur geringe Chancen habe. Dennoch gibt sie die Hoffnung nicht auf. Darauf, dass sie hierbleiben und eines Tages vielleicht doch noch als Zahnärztin arbeiten darf. Für diesen Traum möchte sie kämpfen.