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Für die Goethestraße wurden Erdberge versetzt

Vor 125 Jahren wurde die Allee eingeweiht. Davor waren hier nur Täler und Felder

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Von Claus Bernhard

Vor mit liegt ein unscheinbares Foto. Es zeigt eine hügelige Landschaft mit Bauern bei der Getreideernte, einem verschlungenen Weg mit Pferdefuhrwerk, Frauen und Kinder beim Picknick und zwei seriös gekleideten Herren. Was machen die hier? Am Horizont kann man einen eckigen Turm und einen Schornstein mehr erahnen als sehen. Zum Glück trägt das Bild auf der Rückseite einen handschriftlichen Vermerk: „Vermessungsarbeiten zum Bau der Goethestraße“.

1905 war der Verlauf der Goethestraße als prächtige Allee gut zu erkennen.
1905 war der Verlauf der Goethestraße als prächtige Allee gut zu erkennen.
Wäre nicht das blasse Türmchen ganz hinten, könnte man die Szene kaum einordnen. Es gehört zur Brauerei. Auf einem Feld davor erkunden zwei Bauingenieure die Lage. Sie suchen nach einer Trasse für die spätere Goethestraße. Repros: Sammlungen C. Bernhard (
Wäre nicht das blasse Türmchen ganz hinten, könnte man die Szene kaum einordnen. Es gehört zur Brauerei. Auf einem Feld davor erkunden zwei Bauingenieure die Lage. Sie suchen nach einer Trasse für die spätere Goethestraße. Repros: Sammlungen C. Bernhard (

Dort soll die Goethestraße entlangführen? Unvorstellbar. Oder doch? Wenn die Goethestraße vor 125 Jahren eingeweiht wurde, wie herauszubekommen war, dann muss man die Suche davor beginnen. Ein Ausschnitt aus der topographischen Karte von Görlitz aus dem Jahr 1888 zeigt hier lediglich ein zweiarmiges Tal von der Zittauer Straße bis zur Neiße. In der Realität kann man das heute tatsächlich sehr gut nachverfolgen: Am Eingang Tierpark ist der höchste Punkt, dann erreicht man den Ententeich. Nun folgt eine Aufschüttung für den Ernst-Müller-Weg. Die anschließende Kleingartensparte „Renatenaue“ liegt wieder unter dem Straßenniveau. Dort soll mal eine Müllgrube gewesen sein. Das Niveau der Goethestraße ist ebenfalls eine Aufschüttung. Denn wer hat sich nicht schon mal gefragt, wieso der Parkplatz der Lands-kron Brauerei rund acht Meter unter der Goethestraße liegt? Und so kann man das ehemalige Tal bis in den Schellergrund verfolgen. Das Gelände der Brauerei selbst ist wieder eine Aufschüttung. So betrachtet, verdienen die Tiefbauer von einst Respekt: Was müssen damals für Erdmassen transportiert worden sein?

Der Obermühlberg mit dem Blockhaus und der Weinberg waren die höchsten Erhebungen dieser Gegend. Etwa in der Mitte des 19. Jahrhunderts rückte dieses Gebiet dann in den Fokus der Bebauung. Kein Wunder, denn 1847 entstand für die Eisenbahn der Viadukt, 1857 das Blockhaus zu dessen Schutz und 1868, auch der Bahn wegen, die Blockhausbrücke. Bis dahin führte ein Weg namens Sommergasse ebenerdig über die Gleise und als Feldweg weiter am Weinberg vorbei nach Weinhübel. Das ist, jetzt wissen wir es, sicherlich der Weg mit dem Fuhrwerk auf dem Foto. Die Brauerei wurde 1869 gebaut und 1872 die dazugehörige Gaststätte mit einem markanten Turm. Und damit hat man die Erklärung für Turm und den Schornstein im Bildhintergrund. 1866 bereits erschien zudem der Küstnersche Plan von Görlitz, der eine Verbindung vom Blockhaus zur Zittauer Straße andeutet – die Gürtelstraße. In den 1890er-Jahren begann dann der Ausbau dieser Gürtelstraße, deren edler Allee-Charakter auf Beschluss der Görlitzer Stadtverordneten den würdigeren Namen Goethestraße erhielt – und eine Besiedelung süd-östlich der Eisenbahnlinie begann.

Der Autor leitet den Zirkel Görlitzer Heimatforscher.