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Für ihren Traum trotzt sie der Höhenangst

Wie Maria Klemm als Maschinistin am Theater Junge Generation Monde aufgehen und Menschen fliegen lässt. 

Hoch hinaus hat es Maria Klemm als Fachfrau für komplizierte Technik unterm Theaterdach geschafft.
Hoch hinaus hat es Maria Klemm als Fachfrau für komplizierte Technik unterm Theaterdach geschafft. © Sven Ellger

Das Gefühl wird sie nie vergessen. Brausepulversalven im Magen. Maria Klemm stand auf einem Metallrost und sah in die Tiefe. „Unser neues Theater im Kraftwerk Mitte war noch im Bau, und der Bühnenboden fehlte“, erzählt sie. Ihr Blick fiel sozusagen vom Dachboden eine Unendlichkeit ins Dunkel. Von hier aus bis zu den berühmten Brettern sind es 22 Meter, ohne sie fast 30. Eine Herausforderung für jemanden, dem in luftigen Höhen mulmig zumute wird.

Maria Klemm ist Obermaschinistin am Theater Junge Generation. Das „Ober...“ bezeichnet weniger den Grad ihrer Funktion als den Ort ihrer Tätigkeit. „Ich bin für den Bereich oberhalb der Bühne zuständig. Für alles, was hängt, sich dreht und rauf- und runterfährt“, erklärt die 29-Jährige. Also für all die Technik, die ein Theater braucht, damit Scheinwerfer oder Kulissenteile über der Bühne schweben und sogar Schauspieler durch den Raum fliegen können. „Am alten Standort des TJG gab es gar keinen Bühnenturm“, sagt Maria. Folglich auch keinen Schnürboden dieser Dimension. Bezeichnungen wie diese gehören für die Fachkraft für Veranstaltungstechnik zum Berufsalltag. Dem Laien müssen sie erklärt werden. Schnürboden ist die Zwischendecke unterm Theaterdach. Dort sind Seile, Stangen, Winden und Motoren untergebracht. Für insgesamt 75 einzelne Antriebsmaschinen ist Maria verantwortlich und muss sie alle am Computer programmieren und bedienen können. „Weil wir zuvor diese Technik nicht hatten, gab es auch keinen entsprechenden Maschinisten“, erzählt sie. Während einer Baustellenbegehung hörte sie, dass ihr Chef eine Lösung für das Problem suchte. „Ich war sofort begeistert und habe ihm gesagt, dass ich die Aufgabe übernehmen möchte.“

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Über Umwege ist Maria Klemm zu ihrem Traumjob gekommen, für den sie viel gelernt, Neues gewagt und mit Schweinehunden gekämpft hat. „Eigentlich wollte ich Erzieherin werden und habe deshalb zwei Jahre lang die dafür nötige Ausbildung zum Sozialassistenten gemacht“, sagt sie. Ihre Eltern hatten sich im heimatlichen Borna zwischen Leipzig und Chemnitz als Tagesmutter und -vater selbstständig gemacht, als der landwirtschaftliche Betrieb der Familie nach der Wende nicht mehr zu halten gewesen war. Maria konnte sich vorstellen, in ihre Fußstapfen zu treten. Doch während eines Freiwilligen Sozialen Jahres im Gorbitzer Jugendclub Passage kam sie erstmals mit dem Thema Veranstaltungstechnik in Berührung. Ihre Chefin dort gab ihr den Tipp, dass an der Operette ein Ausbildungsplatz zum Veranstaltungstechniker ausgeschrieben sei. Die Bewerbungsfrist ende am nächsten Tag. „Dann muss ich jetzt los“, entgegnete Maria.

Im Sommer 2012 begann sie die Ausbildung – Praxis in Dresden, Berufsschule in Berlin. „Das war eine schwere Zeit“, denkt sie zurück. „Ich war in Berlin so unglücklich und bin meinen Eltern sehr dankbar. Sie haben mich all die Jahre unterstützt, mit langen Telefonaten und Zuschüssen für die nächste Tankfüllung.“ So hielt sie durch und sagt heute: „Ich kann mir keinen schöneren Arbeitsplatz vorstellen als das Theater.“

Technische Systeme und künstlerische Kreativität treffen hier aufeinander. „Regisseure und Bühnenbildner haben Ideen, und wir versuchen, sie umzusetzen.“ Als Maria Klemm im Anschluss an ihre Ausbildung und mit Start der ersten Spielzeit am neuen Standort Kulturkraftwerk den Job als Maschinistin übernahm, war wieder Lernen angesagt. „Ich bekam von der Firma, die die Theatertechnik eingebaut hat, Einweisungen und habe Schulungen zu den rechtlichen Vorgaben besucht.“ Traglasten sind ein gewichtiges Thema. „Es kann sein, dass der Bühnenbildner einen Vollmond so am Bühnenhimmel aufgehen lassen möchte, dass kein Seil und keine Befestigung zu sehen ist.“ Dann müsse sie ihm unter Umständen sagen: Entweder man sieht es, oder es wird nur ein Halbmond. Sicherheit geht vor.

Noch viel mehr, wenn Menschen fliegen. Das ist nicht nur für den Schauspieler aufregend. „Ich habe mir zur Gewohnheit gemacht, jeden Flug selbst auszuprobieren“, sagt Maria, „Ich will wissen, wie sich das für den Kollegen genau anfühlt.“ Dabei habe sie eine entscheidende Erfahrung gemacht: „Es ist ein krasser Unterschied, ob ich vom Boden aus hinaufgezogen werde oder seitlich von oben aus starte und gefühlt ins Nichts falle.“ Dass sich Maria solche Übungen jemals zutraut, hätte sie früher nicht gedacht. „Ich hatte echt Höhenangst, bevor ich mich für meinen Beruf begeistert habe.“ Große Tiefen vor sich zu sehen, setzten sie zwar nie außer Gefecht, unwohl war ihr dabei trotzdem. Obermaschinistin zu ebener Erde, das gibts natürlich nicht. „Also habe ich mich überwunden, und jetzt macht es mir nichts mehr aus. Weil ich es wirklich wollte!“

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