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Für immer ein Tag der Befreiung

Zum bevorstehenden 8. Mai schreibt Rolf Höhndorf aus Löbau folgendes:

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Nur noch kurze Zeit trennen uns vom 8. Mai, einem besonderen Tag in der Geschichte des deutschen, aber nicht nur des deutschen Volkes. In den Medien wird dieses Tages vorwiegend als Tag der Beendigung des Zweiten Weltkrieges gedacht. Das ist offensichtlich historisch falsch, denn der vom deutschen Faschismus entfesselte Zweite Weltkrieg war ja noch nicht zu Ende. Er endete endgültig tatsächlich erst mit der Kapitulation des japanischen Aggressors und Verbündeten des deutschen Faschismus, Japan, Mitte August 1945. Und trotzdem: Der 8. Mai wird immer für mich der Tag der Befreiung vom deutschen Faschismus sein und bleiben. Ein Tag des achtungsvollen Gedenkens an alle, die dafür ihr Leben gaben. Obwohl ich selbst diesen Tag nicht in Freiheit erlebte. 15-jährig im Januar 1944 als Luftwaffenhelfer eingezogen und in einer Flakbatterie bei Leipzig eingesetzt, kam ich im Januar 1945 mit dieser Batterie an die Front an der Oder und 16-jährig am 5. Mai 1945 in sowjetische Kriegsgefangenschaft. So erlebte ich den 8. Mai zunächst zwar befreit von der ständigen Angst jeden Augenblick von Granaten zerrissen oder von Tieffliegern gejagt zu werden.

Ich erlebte ihn befreit von der Angst, die Sinnlosigkeit der Weiterführung des Krieges zu erleben und nach einem Ausweg suchend, von einem fliegenden Feldgericht aufgegriffen und mit einem Schild auf der Brust „Ich bin ein Feigling“ an einem Straßenbaum zu enden, weil es so manchem schon ergangen war. Noch heute verfolgen mich diese Bilder.

Von diesen Ängsten war mit der Niederlage des Faschismus die Befreiung gekommen, doch zugleich war da neue Angst, was wird diese Gefangenschaft mir bringen. Von der antikommunistischen Hetze und dem faschistischen Gedankengut durch Erziehung in Schule und faschistischer Jugendorganisation beeinflusst und mit dem zunehmenden Wissen um die Verbrechen des Faschismus war da die Frage: „Wird nun Gleiches mit Gleichem vergolten?“ Zerbrochen waren alle Zukunftsillusionen. Anstelle der verlorenen Ideale stand die Frage: „Werde ich eine – und was für eine – Zukunft haben?“

Sicher, die Jahre der Gefangenschaft waren hart. Aber es waren auch Jahre des Lernens, der Erkenntnis und der Selbstbesinnung – es waren Jahre der Befreiung von faschistischem Gedankengut. Es war Befreiung von Hass auf die Menschen anderer Nationalität, Religion, Herkunft und Hautfarbe. Es war die allmähliche Befreiung von der Angst um die Zukunft, und es wuchsen Hoffnung und Ideale für eine menschliche Gesellschaft, befreit von Angst vor neuem Krieg. So wurde für mich der 8. Mai im umfassenden Sinne ein Tag der Befreiung. Befreit vom Faschismus, frei für das Mitwirken für eine nun friedliche, menschliche Zukunft.