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Für Johnson gibt es keine Schonfrist

Boris Johnson tritt die Nachfolge von Theresa May als britischer Premier an. Die Wahl offenbart den traurigen Zustand der politischen Kultur - ein Kommentar. 

SZ-Redakteur Frank Grubitzsch.
SZ-Redakteur Frank Grubitzsch. © dpa/Montage: SZ-Bildstelle

Nun also ist er tatsächlich am Ziel: Kaum jemand hatte in den letzten Wochen daran gezweifelt, dass sich Boris Johnson im Rennen um den Vorsitz der Konservativen Partei durchsetzen und damit auch das Amt des britischen Premierministers übernehmen wird.

Angesichts der Herausforderungen für das Land stellen sich nicht nur seine Landsleute vor allem eine Frage: Besitzt Johnson wirklich das Format, das man für ein solches Amt braucht? Zweifel daran hat er selbst geweckt – mit verwirrenden Äußerungen, verbalen Rüpeleien und clownesken Auftritten.

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Dass aber derlei Peinlichkeiten öffentliche Aufmerksamkeit erzeugen und der Werbung in eigener Sache dienen, offenbart den traurigen Zustand der politischen Kultur. Wenn Unberechenbarkeit und Clownerie an die Stelle von Seriosität und Ernsthaftigkeit treten, braucht sich niemand wundern, wenn sich viele Menschen enttäuscht abwenden.

Denn ein solcher Politikstil taugt nicht, um die Probleme des Landes zu lösen. Die Briten erwarten vom neuen Premier, das zu Ende zu führen, woran seine Vorgängerin Theresa May gescheitert ist. Doch statt einen Ausweg aus dem Brexit-Dilemma zu finden, könnte er das Land noch tiefer hineinstürzen – mit schweren Folgen für Bürger und Wirtschaft. Woher Johnson die Überzeugung nimmt, der EU noch Zugeständnisse abringen zu können, bleibt sein Geheimnis. Allein mit starken Worten in Richtung Brüssel wird er nichts erreichen.

Und verbale Kraftmeierei hilft auch nicht im Umgang mit dem Iran. Der Konflikt verlangt von Johnson eine klare Position. Folgt er dem Kurs von US-Präsident Trump, der das Atomabkommen gekündigt hat und auf eine Politik des maximalen Drucks gegen den Iran setzt? Oder steht der Name Johnson dafür, dass Großbritannien weiter am Vertrag festhält?

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Nach der Amtsübernahme gibt für den neuen Premier keine Schonfrist. Mit lockeren Sprüchen und derben Späßen gibt sich keiner zufrieden. Johnson muss beweisen, dass er durchdachte Konzepte besitzt. Sonst könnte auch er rasch scheitern und bestenfalls als schrill-bunte Fußnote in die Geschichte eingehen.

E-Mail an Frank Grubitzsch.

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