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Für Pfiffige eine Fundgrube

Neugersdorf. Das Ehepaar Wohnberger erinnert sich an frühere Jacobimärkte. Heute bietet es den Schützen wieder Quartier fürs Böllerschießen.

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Von Cornelia Mai

Die Schützen eröffnen heute 14 Uhr mit ihren traditionellen Böllerschüssen das Gierschdurfer Schissn. Seit einigen Jahren feuern sie ihre Kanone nun schon im Garten der Wohnbergers ab. Davor war die Hauptwache ihr Domizil. Doch der Schützenumzug endete immer schon hier oben, nahe des Umgebindehauses der Wohnbergers.

Häuser hatten Schankrecht

Die 80-Jährige wurde in dem Haus am Zugang zum Jacobimarkt geboren und ist hier aufgewachsen. Ihre Großeltern hatten das Schankrecht während der Markttage. Ihre Eltern setzten diese Tradition fort. Denn dieses Privileg wurde immer auf die nachfolgende Generation vererbt. „Alle Häuser hier oben schenkten Getränke aus“, erzählt sie. Sie erinnert sich, wie sie einmal als Kind zum Riesenrad gehen durfte – es steht noch heute gleich hinterm Haus. Sie sucht in den Papieren auf dem Küchentisch und wird fündig: „Hier habe ich noch eine Rechnung von 1938“, sagt sie: „1 471,5 Liter Pilsner hat der Vater damals in der Neugersdorfer Brauerei Robert Jentsch gekauft.“ Für Herbert Wohnberger steht fest: „Das Schiss’n 1938 war das größte. Was damals hier los war, ist mit der heutigen Zeit nicht zu vergleichen.“ Jeder Zentimeter des Platzes wurde bebaut, eine Bude stand neben der anderen, überall gab es Verkaufsstände, dafür weniger Fahrgeschäfte. „Jetzt gibt’s ja fast nur Gaudi“, so das Rentnerpaar. „Früher sparten die Leute aufs Gierschdurfer Schiss’n, dann wurde für Weihnachten eingekauft“, erzählt Trautel Wohnberger. Sie erinnert sich, dass aus dieser Tradition heraus Weihnachten für ihre Großmutter einmal „ausfiel“. Die Oma hatte zu Jacobi Pfefferkuchen gekauft und diese für das ferne Weihnachtsfest in einem Karton aufgeräumt. „Als sie den hervorholte, wunderte sie sich schon, weil der so leicht war“, weiß Trautel Wohnberger. Die Mäuse hatten alle Pfefferkuchen aufgefressen.

Die Erinnerungen sprudeln wie Selters aus den beiden Neugersdorfern. Denn auch Herbert wohnte nahe des Schiss’ns, bevor er 1947 zu seiner frisch gefreiten Trautel zog. Für Herbert war das Fest eine Fundgrube: „Da gab es viele Fischhändler, die täglich frische Waren angeliefert bekamen. Die Fischkisten schmissen sie einfach hinter die Bude“, erzählt er. Herbert räumte die Holzbehälter über Nacht weg und machte daraus das schönste Feuerholz. Früh belieferte er die Budenbetreiber mit frischen Semmeln, holte die Ausschreier von der Bahn ab und brachte ihre Koffer, Sonnenschirme und Tische mit dem Leiterwagen zum Jacobimarkt.

Der Schlagbaum blieb oben

Die Leute kamen von überall her geströmt – mit dem Zug, auf Fahrrädern oder zu Fuß. „Der Schlagbaum nach dem Böhmischen blieb während des Schiss’ns gleich oben“, erzählt Herbert Wohnberger. Während die tschechischen Grenzer auf deutscher Seite feierten, zogen ihre deutschen Kollegen rüber, um bei Butter August ein Pilsner Urquell zu trinken.