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Für Schausteller ohne Jahrmärkte ist es hart

Peter Bügler reinigt in Weißwasser Fassaden, um seine Familie durchzubringen. Die Monster-Trucks sind eingemottet.

Peter Bügler, Lebenspartnerin Priscilla Gassmann und Töchterchen June leben vorübergehend auf dem Gelände der Telux. Geplant war das so nicht. Doch Schausteller sind Überlebenskünstler.
Peter Bügler, Lebenspartnerin Priscilla Gassmann und Töchterchen June leben vorübergehend auf dem Gelände der Telux. Geplant war das so nicht. Doch Schausteller sind Überlebenskünstler. © Foto: Joachim Rehle

Weißwasser/Hoyerswerda. So lange wie jetzt sind sie noch nie in ein und demselben Ort geblieben. Der Stadt Weißwasser könnte Peter White, der mit bürgerlichem Namen Peter Bügler heißt, schon beinahe etwas Heimatliches abgewinnen. Wenn da nicht die Angst um die nackte Existenz wäre. Peter White ist Stuntman und normalerweise mit einer Monster-Truck-Show unterwegs. Doch was ist schon normal in diesen Corona-Zeiten?

Das Schaustellergeschäft betreibt der 30-Jährige in dritter Generation. Irgendwann sei sein Großvater auf die Idee mit den Monster-Trucks gekommen. Von Kind an war das fahrende Leben auch Peter Büglers Welt. Fast jede Woche in einer anderen Stadt bedeutete für ihn, jede Woche in eine andere Schule zu gehen. Anschluss habe er immer schnell gefunden, erinnert er sich. Mit etwas Wehmut fügt er hinzu: „Bindungen sind daraus nie geworden, für bleibende Freundschaften war die Zeit viel zu kurz.“ Lebenspartnerin Priscilla Gassmann kennt das ebenso. Ursprünglich Puppenspielerin stammt auch die 27-Jährige aus einer Schaustellerfamilie, zog als Kind mit den Eltern von Stadt zu Stadt und damit von Schule zu Schule. Dennoch kam für beide nie etwas anderes infrage. „Schausteller sein, das hat man im Blut. Und es macht natürlich auch Spaß“, sagen sie und verweisen auf tausende Artisten, Clowns und andere Zirkusleute, auf Karussellbetreiber und das übrige fahrende Volk, welches auch in Deutschland für Staunen, Action und Belustigung auf Jahrmärkten und Volksfesten sorgt. Kennengelernt haben sie sich vor zehn Jahren auf einer Kirmes in Berlin. Seitdem sind sie ein Paar.

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Der Autozirkus in der Zwangspause

Die letzte Tornado-Stuntman-Show fand Ende Oktober in Bautzen statt. Da ahnte noch keiner, dass es nicht nur das Ende der Saison war, sondern auf lange Zeit tatsächlich die letzte Show sein würde. Nach der Winterpause wäre es im März wieder losgegangen. Nicht so in diesem Jahr. Zum Schutz vor Corona waren erst bis Ende August und sind nun sogar bis Oktober sämtliche Großveranstaltungen verboten. Peter Bügler blieb gar nichts anderes übrig, als die neun Angestellten im April nach Hause zu schicken. Zwei der Männer halten dem Familienbetrieb schon seit 20 Jahren die Treue. Ob sie und die anderen zurückkommen, falls es irgendwann mal wieder losgeht, da zuckt er die Schultern.

Die Stunt-Show ist sein Leben

Seit er 14 war, ist er Teil der Stunt-Show, mit waghalsigen Aktionen. Aber selbst etliche Blessuren und Verletzungen konnten ihn nicht davon abhalten. Spezielles Training gibt es nicht. „Die Shows sind mein Training, um fit zu bleiben. Es darf aber nicht zur Routine werden“, sagt er. Wenigstens könne er froh sein, dass in seinem Autozirkus die „Tiere“ aus Stahl sind und im Ruhezustand kein Futter brauchen. Es hat etwas von Galgenhumor, wie er das so erzählt. Dabei kennt er zur Genüge Beispiele von Zirkusfamilien, wo monatlich allein Futterkosten von 4.000 Euro auflaufen, dazu Gebühren für Amtstierarzt und anderes mehr. In mancher Stadt bringen hilfsbereite Menschen Futterspenden und Heu vorbei, anderswo dagegen müsse der Platz geräumt werden, weil die Standmieten ohne Vorstellungen nicht zu bezahlen sind. Die Branche steht vor dem Ruin. Staatliche Unterstützung wie die Soforthilfen für Firmen gibt es nach Aussage von Peter Bügler für Schausteller nicht. Vielen wird nur der Verkauf bleiben, vermutet er.

Die Stunt-Show ist sein Leben. Ein anderes könne er sich trotz allem nicht vorstellen. Dann erzählt der Stuntman von den Monster-Trucks: Von Kiddy-Ride zum Beispiel, der 2,40 Meter breit und 5 Meter lang, aber mit drei Tonnen Gewicht und 400 PS unter der Haube eher einer der kleineren Monster ist. Excalibur mit 1.000 PS haben sie vor fünf Jahren in den USA gekauft. Es ist mit 7,5 Tonnen nach seinen Worten „der schwerste Monster-Truck in Europa“. Zum Glück sei er seit dem vorigen Jahr abbezahlt und die anderen der fünf Monster-Trucks sowieso selbstgebaut.

Die Kosten laufen weiter

Darüber hinaus stehen jeden Monat die Finanzierungen für die Transport-Lkw an wie auch die 500 Euro teure Versicherung für die Show, die selbst dann weiter zu bezahlen ist, wenn es keine Auftritte gibt. Ob in diesem Jahr überhaupt noch Shows stattfinden, darüber macht sich Peter White keine Illusionen. Selbst wenn Sachsen Jahrmärkte als kleinere Veranstaltungen erlaubt, bleibt es eine Frage der Wirtschaftlichkeit. In die Shows kommen normalerweise 1.000 bis 2.000 Zuschauer. Der Aufbau der 40 mal 80 Meter großen Fläche samt Absperrungen, Zuschauertribüne und Imbiss dauert fünf Stunden, Team und Benzin müssen ebenfalls bezahlt werden. Mit weniger Einnahmen bei limitierten Zuschauerzahlen würde das nicht viel Sinn haben. Ganz abgesehen von den Hygieneregeln. Auch seien Veranstalter vorsichtig, wollen aus Sorge um eine zweite Corona-Welle lieber kein Risiko eingehen.

Ab sofort Klinken putzen

Schausteller sind Überlebenskünstler. Jammern bringt nichts, ist deshalb das Motto von Peter Bügler. „Von Luft und Liebe allein kann man den Kühlschrank nicht füllen“, sagt er. Um über die Runden zu kommen, wollen er und seine Partnerin ab sofort Dächer und Fassaden reinigen. Sie werden von Haus zu Haus gehen, an den Türen klingeln und ihre Leistungen anbieten. Für den Stuntman ist das nicht neu. Er und sein Vater hätten das den Winter über schon öfter gemacht oder aber, wenn eine Saison mal nicht so gut lief. Allerdings ist er sich nicht so sicher, ob man so ein wanderndes Gewerbe auch in Weißwasser kennt. „Wir wollen nichts vom Staat nehmen“, begründet Priscilla Gassmann ihr Vorhaben.

Die Monster-Trucks sind derweil in Hoyerswerda eingemottet. Über einen Freund fanden sie die Unterstellmöglichkeit. Um in der Nähe zu sein, wohnt das Paar zusammen mit dem vierjährigen Töchterchen June eigentlich auch in Hoyerswerda. Derzeit aber leben sie in einem Wohnanhänger auf dem Gelände der Telux – in der Hoffnung, in Weißwasser Aufträge für die Fassadenreinigung zu bekommen. Für Essen und Trinken werde es irgendwie reichen. Wie die meisten Schausteller bedrückt Peter Bügler aber die Frage, was aus seiner Tochter wird, wenn das Monster-Truck-Geschäft nach Corona nicht wieder zum Laufen kommt.

Stuntman Peter White mit einem der Monster-Trucks. Ob angesichts der Corona-Bestimmungen in diesem Jahr überhaupt noch eine Show stattfindet, da macht er sich keine Illusionen.
Stuntman Peter White mit einem der Monster-Trucks. Ob angesichts der Corona-Bestimmungen in diesem Jahr überhaupt noch eine Show stattfindet, da macht er sich keine Illusionen. © Foto: privat

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