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Fürs Lernen ist es nie zu spät

Anja, Axel und Philipp sind drei von fast 2 500 erwachsenen Schülern. Sie wissen: Der zweite Bildungsweg ist mühsam.

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© Robert Michael

Von Carola Lauterbach (Text) und Robert Michael (Fotos)

Es sieht wie Schule aus, es riecht wie Schule – und doch ist alles ein wenig anders. Kein Pausengeschrei. Kein Geschubse. Kein Lehrer, der als Aufsicht ordnend einschreiten muss. Es herrscht Ruhe. Und durch die Fenster scheint der Mond: Willkommen in der Abendschule.

Axel Wagner, 25, hat momentan einen Teilzeitjob. Sein großer Traum ist es, Verkehrspilot zu werden.
Axel Wagner, 25, hat momentan einen Teilzeitjob. Sein großer Traum ist es, Verkehrspilot zu werden. © Robert Michael
Philipp Raatz, 22, hat einen anspruchsvollen Vollzeitjob als Werkzeugmechaniker. Er will Maschinenbau studieren.
Philipp Raatz, 22, hat einen anspruchsvollen Vollzeitjob als Werkzeugmechaniker. Er will Maschinenbau studieren. © Robert Michael

2 456 Erwachsene in Sachsen nutzen im laufenden Schuljahr die Möglichkeit des zweiten Bildungsweges, um einen oder einen weiteren Schulabschluss zu erwerben. Die Mehrzahl von ihnen ist 20 bis 30 Jahre alt. Reichlich 1 000 wollen derzeit an den Abendoberschulen den Haupt- oder Realschulabschluss machen, 869 streben in dreijährigem Vollzeitunterricht in Kollegs die allgemeine Hochschulreife an und 569 sitzen an den Abendgymnasien auf der Schulbank, um das Abitur abzulegen. Mehr als 150 von ihnen tun das am „Agy“ in Dresden. Immer montags bis freitags von 17 bis 21.10 Uhr, mit Ausnahme der Ferien.

Die spätere Einsicht

Philipp Raatz ist Abendschüler. Er muss manchmal ganz schön zirkeln. Der 22-Jährige arbeitet als Werkzeugmechaniker beim Uhrenhersteller A. Lange & Söhne in Glashütte, in der Regel von 6 bis 15 Uhr. Halb fünf aufstehen, 23 Uhr zu Bett gehen. Mit Anfang 20! Die Frage drängt sich so auf: Warum tut man sich das an? Der junge Mann hat diese Frage wohl schon oft gehört. Weil er bereits während der Lehre gemerkt habe, „das kann noch nicht das Ende der Fahnenstange sein, da muss noch was kommen“. Und da ist auch dieser Satz seiner Mutter. „Sie hat oft gesagt, wie stolz sie ist, auf diversen Fragebögen bei ,Allgemeiner Hochschulreife’ ihr Kreuz machen zu können“, erzählt Philipp. Aber hätte er nicht gleich ein Abi anstreben können? Seinen Realschulabschluss hat er mit einem Notendurchschnitt von 1,3 gemacht. „Na klar“, antwortet er, „doch damals hatte ich einfach keine Lust mehr auf Schule.“ Jetzt geht er den zweifellos schwierigeren Weg.

So, wie die Mehrzahl seiner Schüler, sagt der Leiter des Dresdner Abendgymnasiums, Gerd Vettermann. Persönliche oder familiäre Probleme hätten meist zu Brüchen in der Biografie geführt. Glücklicherweise gebe es dafür aber den zweiten Bildungsweg. Speziell am Abendgymnasium ist das ein dreijähriger Weg. Er beginnt mit einem Jahr Einführungsphase, deren erfolgreicher Abschluss in die zweijährige Kursphase – analog der Jahrgangsstufen 11 und 12 am Gymnasium – und zum Abitur führt. Augenzudrücken gibt es nicht. „Vielleicht“, räumt der Schulleiter ein, „werden die Hausaufgaben mit mehr Bedacht als am Tagesgymnasium gegeben.“ Am Ende hat der Abend-Abiturient aber das gleiche Schulpensum zu leisten wie der Tages-Abiturient, die Prüfungen sind die gleichen. Der einzige, aber gravierende Unterschied: Der Abendschüler hat meist einen Tag Arbeit hinter sich, ehe er sich zum Unterricht einfindet. „Das ist eine sehr hohe Belastung und wird von manchen auch unterschätzt“, sagt Vettermann. Die Abbrecherquote liegt bei 50 Prozent.

Anja Krumpholz sitzt bereits seit 2009 auf der Abend-Schulbank. Die heute 23-jährige Frau ist seinerzeit zur Abendmittelschule gegangen, um erst ihren Haupt- und anschließend ihren Realschulabschluss zu machen. Den übrigens mit 1,0. Nahtlos ging es weiter am Abendgymnasium, wo sie im Sommer das Abitur machen wird. Ihr Traum wäre dann ein Medizinstudium, sie fürchtet aber, dass sie den dafür erforderlichen Notendurchschnitt verfehlt. „Dann studiere ich Maschinenbau“, sagt sie. Mit ihren beiden Leistungskursen Mathe und Physik fühlt sie sich dazu berufen. Auch Philipp strebt dieses Studium an.

Im Schnellzug zum Abitur

Warum Anja ihre ganze Schullaufbahn buchstäblich im Schnellverfahren absolviert, ist schon sehr außergewöhnlich. „Mein Vater hat mich nicht zur Schule gehen lassen“, sagt die junge Frau. Zwar sei sie, Tochter einer Thailänderin und eines Deutschen, seinerzeit in den alten Bundesländern eingeschult worden. Doch als sie neun Jahre alt war, ist ihre Familie nach Asien gegangen. Für sie war das eine komplett schulfreie Zeit. Was sie aber keineswegs glücklich gemacht hat. 2009 zurück in Deutschland, hat sie mithilfe ihres Halbbruders in Dresden sofort den Weg zur Abendmittelschule gesucht. Kurz vor den Prüfungen dort kam ihr Liebling Emil zur Welt. Die junge Mama nahm ihn unmittelbar nach der Geburt mit zum Unterricht, dort wurde er von Mitschülern und Lehrerinnen verwöhnt. Eine liebevolle Abendmutter betreut ihn immer, wenn Mama abends zur Schule muss, und bringt ihn auch zu Bett. Ihr Dienst endet, wenn Frau Krumpholz gegen 22.30 Uhr nach Hause kommt. Die Abendschülerin selbst dreht dann nochmal richtig auf, lernt, macht Hausaufgaben – manchmal bis gegen 5 Uhr. Die Tage gehören Anja und Emil.

Axel Wagner zieht den Hut vor seiner Mitschülern. Verglichen mit Anja und Philipp geht es ihm, dem 25-Jährigen, momentan wohl am besten. Zwar musste er sich an der Schule mehr schinden, doch kann er sich seine Zeit besser einteilen. Er absolviert zurzeit einen Teilzeitjob und bezieht darüber hinaus – wie auch Anja – elternunabhängiges Bafög. Das gestattet es ihm, der wie die beiden Mitschüler als Leistungskursfächer Mathe und Physik gewählt hat, sich gut aufs Abi vorzubereiten. Auch er, der in Finsterwalde zur Schule ging und dort auch Fluggerätemechaniker lernte, dachte seinerzeit: Realschulabschluss und Schule ade. Dann reifte in ihm der Wunsch, Verkehrspilot werden zu wollen. Und dafür braucht er die allgemeine Hochschulreife. Die konnte er nur im zweiten Bildungsweg nachholen. „Ich war sieben Jahre raus aus der Schule“, sagt Axel, „viel länger hätte ich nicht warten dürfen.“

Die drei sind sich ihrer Sache sicher. „Klar“, sagt Philipp, „war ich manchmal sauer, wenn andere am Badesee liegen und ich arbeiten und zum Unterricht muss. Was soll’s?“ Dass sie zurzeit alle nicht in einer festen Beziehung leben, machen sie nicht zum Thema. Es hat aber den Anschein, dass das schon mit dem derzeitigen Lebensabschnitt zu tun hat. Der ist nicht wirklich förderlich für soziale Kontakte. Es sei denn, man wird ein Schulpärchen. Anja, Philipp und Axel lachen. Und gehen in den Matheunterricht. Bis 21.10 Uhr.