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Fuß nach Maß

Das neu gegründete Dresdner Unternehmen Stamos und Braun hat sich auf Hightechprothesen spezialisiert. Die Branche wächst.

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© Steffen Füssel

Von Christiane Raatz

Wirklich tragen lässt sich die Unterarmprothese nicht, dafür ist sie zu schwer: In Silikon ist eine Glasröhre eingefasst, darin schwimmen bunte Fische umher. „Das haben wir für eine Messe entworfen“, sagt Christoph Braun. Aber die Spezialanfertigung zeigt zumindest, was heute technisch möglich ist. Denn individuelle Kundenwünsche nehmen zu, sagt der Orthopädietechnikermeister. Und erzählt etwa von einem Patienten, der bei einem Motorradunfall drei Zehen verlor und sich nun neue aus Carbon anfertigen lässt. „Damit es auch cool aussieht.“

In der vergangenen Woche hat Christoph Braun gemeinsam mit Alex Stamos in Dresden das Stamos und Braun Prothesenwerk eröffnet. Auf rund 300 Quadratmetern werden in der Dresdner Johannstadt elektronische Hightechprothesen und täuschend echte Finger oder Zehen aus Silikon gefertigt. Stolz ist Braun vor allem auf die Silikonwalze – die teuerste Anschaffung für die neue Firma: Hier wird durchsichtiges Spezialsilikon so gemischt, dass die spätere Prothese der echten Hautfarbe des Patienten möglichst ähnlich sieht. Dafür geben die Spezialisten einen Hauch von Blau, Rot oder Gelb aus einem der vielen Farbfläschchen bei. „Wenn wir mischen, gehen wir immer wieder zum Patienten und stimmen die Farbe ab. Das kann manchmal Stunden dauern“, erklärt Braun. Dafür ist das Ergebnis täuschend echt. Der 34-Jährige präsentiert ein hautfarbenes Bein, das über die eigentliche Prothese gezogen wird – samt Tattoo und nackten Zehen, die in Flip-Flops stecken. Allerdings dienen solche Prothesen allein der kosmetischen Verschönerung und werden meist nicht von den Krankenkassen übernommen. Rund 8 000 Euro sind dafür fällig, sagt Braun.

Stück für Stück in Handarbeit

Silikonprothesen liefert das junge Unternehmen deutschlandweit, über einen Partner in der Schweiz wird auch nach Australien oder in die USA geliefert. Hergestellt wird alles Stück für Stück in Handarbeit in Dresden. Das Hauptgeschäft macht allerdings immer noch die klassische Orthopädietechnik aus: Ein neuer Schaft für Patienten, Oberschenkel- und Unterschenkelprothesen. Zudem baut Braun auch elektronische Hightechprothesen in Dresden zusammen. Empfindliche Sensoren messen 100-mal pro Sekunde die Bewegungsabläufe des Patienten und passen sich diesen an.

Der Bedarf steigt: „Die Menschen bewegen sich weniger, essen ungesund, Diabetes tritt häufiger auf“, sagt Braun. Wird die Durchblutung schlechter und sterben die Nerven ab, bleibt manchmal nur noch die Amputation. Auch wer durch Entzündungen oder Unfälle Gliedmaßen verliert, ist auf Prothesen angewiesen. „Wir haben vom Obdachlosen bis zum Politiker ganz verschiedene Patienten“, sagt Braun. Das mache den Beruf zum einen spannend – zum anderen auch schwierig. „Schließlich hängen immer Schicksale dran.“

Der Beruf des Orthopädietechnikers gehört zu den Gesundheitsfachberufen. Dazu zählen auch Augenoptiker, Zahntechniker oder Hörgeräteakustiker. „Eine Branche, die angesichts des demografischen Wandels deutlich wächst“, sagt Ralf Krüger, Sprecher der Handwerkskammer Dresden. Im gesamten Kammerbezirk gibt es derzeit 64 Orthopädietechnik-Betriebe, davon 17 in Dresden. „Viele sind nicht nur regional, sondern auch bundesweit tätig“, so Krüger.

Zu den größten Betrieben der Branche gehört die Orthopädie- und Rehatechnik Dresden. In neun Filialen, unter anderem auch in Großenhain, Freiberg oder Pirna, beschäftigt das Unternehmen rund 220 Mitarbeiter. „Die Menschen werden älter und damit kränker, der Bedarf steigt“, erklärt Geschäftsführer Thomas Mitzenheim. Allerdings wird es immer schwerer, Fachkräfte und Azubis zu bekommen – vor allem im Bereich Orthopädietechnik. Erst jüngst auf der Messe Karrierestart hat das Unternehmen dafür geworben.

Dass der Bedarf wächst, zeigt auch die im Januar veröffentlichte Engpassanalyse der Bundesagentur für Arbeit. Demnach fehlen in zwanzig Berufen in Deutschland ausgebildete Experten, vier mehr als im Juni 2013. Neu zu den Mangelberufen hinzugekommen sind demnach unter anderem Meister der Orthopädie- und Rehatechnik.