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Arbeitslose Fußballer im Corona-Sommer

Die Spielergewerkschaft organisiert seit Jahren ein Trainingslager. Doch durch die Virus-Krise fällt es noch schwerer, Kicker an Vereine zu vermitteln.

Peter Neururer wurde im Dezember 2014 beim VfL Bochum entlassen. Es ist seine bisher letzte Trainerstation im Profi-Fußball. Jetzt versucht er, vereinslose Spieler für eine neue Aufgabe fit zu machen.
Peter Neururer wurde im Dezember 2014 beim VfL Bochum entlassen. Es ist seine bisher letzte Trainerstation im Profi-Fußball. Jetzt versucht er, vereinslose Spieler für eine neue Aufgabe fit zu machen. © dpa/David Inderlied

Von Frank Hellmann

Duisburg. Auf Platz drei der Sportschule Wedau sind die Schattenplätze rar an diesem sonnigen Vormittag. Eine Deutschland-Fahne flattert sanft im Wind neben den großen Bäumen, unter denen sich die meisten der rund 70 Kiebitze versammeln. Es ist eine bunte Mischung aus Beratern, Trainern, Scouts, Journalisten und Familienangehörigen, die der Vergleich zwischen einer Auswahl vereinsloser Vertragsfußballer und dem Wuppertaler SV (0:2) angelockt hat.

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Das Testspiel hat die Spielergewerkschaft VDV organisiert, deren Trainer Peter Neururer hinterher arg unzufrieden wirkt: „Drei, vier Leute müssen erkennen, dass sie für den bezahlten Fußball eher nicht geeignet sind.“ Man habe schließlich nicht gegen einen Bundesligisten, „sondern einen Regionalligisten verloren“. Er müsse wohl „dem einen oder anderen Spieler Augen öffnen, die Berater gern verschließen“. Der Motorradfreak, Schnauzbartträger und Stammtischplauderer rät dann im Vieraugengespräch dazu, lieber nicht darauf zu setzen, mit der schönsten Nebensache der Welt den Lebensunterhalt zu bestreiten.

Die Ansprüche runterschrauben

Das Camp läuft seit einem Monat bereits zum 18. Mal, und doch ist in diesem Sommer vieles anders. Die Corona-Krise hat auch das offenbar gegen alle Krisen resistente Fußball-Geschäft mit voller Wucht getroffen. „Die Ansprüche runterschrauben“ ist ein geflügelter Satz hinter der Absperrkette, wenn Agenten von der Marktlage erzählen. Das VDV-Sommercamp garantiert vereinslosen Fußballern regelmäßiges Training, medizinische Betreuung, sogar die Unterbringung im großen Wohnturm. Bei 80 Prozent lag in den vergangenen Jahren die Vermittlungsquote.

Ob die nun wieder erreicht wird, ist ungewiss, erklärt VDV-Geschäftsführer Ulf Baranowsky. Besonders schlimm sind die Einnahmeeinbußen für die Klubs der 3. Liga und Regionalligen, die zu einem Gutteil von Zuschauereinnahmen leben. Baranowsky beobachtet besonders in den fünf Regionalligen, also dem Unterbau des deutschen Profifußballs, den Trend zur Deprofessionalisierung. „Wo in der vorigen Saison ein Vollzeitprofi zu einem Gesellengehalt beschäftigt war, wird in der neuen Spielzeit vielleicht nur ein bezahlter Feierabendkicker auf Minijob-Basis eingestellt.“

Und wenn ein Regionalligaspieler plötzlich in der Pandemie von weniger als 800 Euro Kurzarbeitergeld leben soll, würden sich zwangsläufig Probleme ergeben. Generell ist es ja nicht verkehrt, wenn eine im Spitzenbereich zu ungezügelten Exzessen neigende Branche mit ihren exorbitanten Ablösesummen und Einkommen zu mehr Bodenständigkeit gezwungen wird. Doch wie so oft beißen die Hunde die Kleinen zuerst. Nicht die etwa 550 Erstligaprofis leiden unter den Einschnitten. „Spitzenspieler, die in der Bundesliga sehr viel Geld verdienen konnten, haben im Normalfall keine finanziellen Sorgen“, sagt Baranowsky. Vertragslose Bundesliga-Akteure wie Vedad Ibisevic (Hertha BSC), Philipp Bargfrede und Sebastian Langkamp (beide Werder Bremen), Fabian Johnson (Borussia Mönchengladbach) oder Daniel Baier (FC Augsburg) sind denn auch aufs erste telefonische Kontaktangebot der VDV nicht eingegangen. Früher haben sich in Duisburg noch A-Nationalspieler wie Christian Rahn oder Lukas Sinkiewicz blicken lassen.

Transferperiode endet in Deutschland am 5. Oktober

Jetzt haben sich eher namenlose Akteure angemeldet. Sie kommen vom FV Illertissen oder 1. FC Nürnberg II, TuS Koblenz oder Eintracht Frankfurts U19. „In den seltensten Fällen bieten sich die Spieler für die Bundesliga an“, sagt Neururer, der mit 65 Jahren schon das dritte Mal das VDV-Camp leitet. In der Pandemie verkneift der Stimmungsmacher sich bewusst die flotten Sprüche: „Der Optimismus fällt mir besonders schwer, weil man den Spielern klarmachen muss, dass die Lage noch nie so dramatisch war wie jetzt.“ Baranowsky denkt, dass am Ende mindestens bis zu 50 Spieler vorbeigeschaut haben werden, die raus aus der Warteschleife wollen. Der 45-Jährige kann Spielern ohne Verein die Teilnahme nur empfehlen: „Das ist besser, als halbherzig durch den Wald zu laufen und zu hoffen, dass jemand mit einem super Vertragsangebot anruft. Das passiert nämlich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht.“ In allen Spielklassen müssen gerade Kader verschlankt und Personalkosten gespart werden.

Arbeitslose Kicker können auch nach Abschluss der Transferperiode, in Deutschland am 5. Oktober, verpflichtet werden. Der Markt ist derzeit von Zurückhaltung geprägt. Trotzdem wird genau hingeschaut. Beim Testkick steht der ehemalige Bundesliga-Torhüter Georg Koch auf Höhe der Strafraumlinie: Er ist von einem Klub beauftragt, sich einen Torwart näher anzusehen. Zu den Folgen der Pandemie hat Koch, der früher als Torwarttrainer im VDV-Camp mitgearbeitet hat, eine klare Meinung: „Die erste und zweite Liga jammern auf hohem Niveau, aber die dritte und vierte Liga, die sind richtig gebeutelt.“

Eine halbe Platzlänge weiter sitzt der Trainer Stefan Vollmershausen von Alemannia Aachen und schaut nach günstigen Neuzugängen. Kollege Oliver Reck vom SV Jeddeloh II steht in der hintersten Ecke. Der ehemalige Meistertorhüter von Werder Bremen sagt lapidar: „Ich gucke mir gern gute Fußballspiele an.“

Auffällig ist das enorme Leistungsgefälle in der Arbeitslosen-Auswahl. Der Lauteste trägt die Kapitänsbinde: Robert Müller bekam beim Regionalligisten Energie Cottbus keinen neuen Vertrag. Der Verteidiger war mal U-21-Nationalspieler, kam 2006 einmal für Hertha BSC in der Bundesliga zum Einsatz und hat anschließend gut 300 Drittligaspiele bestritten. Der 33-Jährige begrüßt es, „mal wieder mit den Jungs in der Kabine zu frotzeln“. Er habe immer noch Lust auf Fußball. Ein, zwei Angebote hat er abgelehnt, „weil es bei mir passen muss. Schließlich bin ich schon 15 Jahre in dem Zirkus drin.“ Und unter Wert will er sich denn auch nicht verkaufen.

Einst sogar in der Champions League

Marian Sarr schien es sogar nach oben geschafft zu haben, als er mit Borussia Dortmund in der Champions League zum Einsatz kam. Doch der Traum vom gestandenen Bundesliga-Spieler erfüllte sich für das vermeintliche Ausnahmetalent nie. In der vergangenen Saison sortierte ihn der Drittliga-Absteiger Carl-Zeiss Jena bereits nach neun Spieltagen aus. Das Camp sei definitiv „was Besseres, als allein seine Runden zu drehen“, sagt der 25-Jährige. Der Offensivspieler, der im Testspiel einen zurückhaltenden Auftritt hingelegt hat, sehnt sich nach einem Tapetenwechsel. „Ich schaue prinzipiell ins Ausland. Ich möchte was Neues machen.“ Die Niederlande, Belgien oder Frankreich nennt er als Wunschziel für den nächsten Profivertrag.

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Und wenn das nicht klappt? Bliebe der Weg, für den sich sein jüngerer Bruder entschieden hat. Baranowsky sieht in ihm das beste Beispiel, wie die Krise auch zu meistern ist. Wílfried Sarr habe sich lieber um seine berufliche Weiterbildung gekümmert und im Finanzbereich eine Anstellung gefunden. Fußball spielt der 24-Jährige nur noch nebenbei: für die SpVg Schonnebeck in der Oberliga Nordrhein.

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