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Dynamo reagiert kritisch auf Geisterspiel-Beschluss

Die Fußball-Bundesligen dürfen weiterspielen, aber in Dresden ist man wenig begeistert – fünf Fragen und Antworten zur politischen Entscheidung.

So sieht’s dann aus: Fußball vor leeren Rängen – wie bei Dynamos bislang letztem Geisterspiel noch mit Justin Eilers (am Ball) im Februar 2015 gegen Erfurt.
So sieht’s dann aus: Fußball vor leeren Rängen – wie bei Dynamos bislang letztem Geisterspiel noch mit Justin Eilers (am Ball) im Februar 2015 gegen Erfurt. © Archivfoto: Robert Michael

Dresden. Die Saison in den Fußball-Bundesligen darf mit Spielen ohne Zuschauer fortgesetzt werden, das heißt: Dynamo Dresden wird den Kampf um den Klassenerhalt in der zweiten Liga wieder aufnehmen. Nachdem die Politik das grüne Licht für die Geisterspiele gegeben hat, beraten am Donnerstag die 36 Profi-Klubs bei einer Videokonferenz über die konkreten Schritte, wann und wie es weitergehen soll. Noch neun Spieltage stehen aus. Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) visierte zuletzt den 15. Mai für den Neustart an.

Die SZ beantwortet die wichtigsten Fragen, die sich für Vereine und Fans stellen.

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Unter welchen Bedingungen darf weitergespielt werden?

Außer den Auflagen eines Sicherheits- und Hygienekonzeptes, das eine Taskforce unter der Leitung von Nationalmannschaftsarzt Tim Meyer erstellt hatte, wird „eine Quarantäne-Maßnahme, gegebenenfalls in Form eines Trainingslagers“ vorgeschrieben. Damit soll gewährleistet werden, dass im Zweikampfsport Fußball nur gesunde Spieler auf dem Platz stehen und sich niemand mit Covid-19 anstecken kann. Allerdings müsse die Quarantäne nicht zwei Wochen dauern, weil die Spieler, Trainer und Betreuer regelmäßig getestet werden.

Rund 20.000 Tests wird der Profifußball wohl bis zum Saisonende benötigen. In der ersten Testreihe hatte es bei 1.724 Abstrichen insgesamt zehn positive Fälle gegeben, einen davon unter 41 getesteten Personen bei Dynamo Dresden. Der Verein schützt die Anonymität des Spielers. Die zweite Testreihe blieb dann ohne weiteren Befund. Bei Erzgebirge Aue wurde dagegen ein Mitarbeiter des Funktionsteams positiv auf das Coronavirus getestet, das Team ist bis Donnerstag in häuslicher Quarantäne.

Wie beurteilt Dynamo den Beschluss?

In einer Pressemitteilung, die nur wenige Minuten nach der Konferenz von Bundeskanzlerin Angela Merkel und einiger Ministerpräsidenten verschickt worden ist, klingt die Skepsis durch. Man habe „die Entscheidung der Spitzenpolitik … zur Kenntnis genommen“, wird der kaufmännische Geschäftsführer Michael Born zitiert. Angesichts der schon jetzt bedrohlichen Situation für einige Klubs müsse man dennoch von einem guten Tag für den deutschen Profi-Fußball sprechen.

Bei einem Abbruch würden insgesamt etwa 770 Millionen Euro an Fernsehgeldern ausbleiben – zusätzlich zu den Zuschauer- und anderen Einnahmen, die bei Geisterspielen fehlen. Nach einer Umfrage gaben 13 Erst- und Zweitligisten an, in ihrer Existenz bedroht zu sein. Das hatte Dynamos Sportgeschäftsführer Ralf Minge kritisiert. Er habe kein Verständnis dafür „auf Gedeih und Verderb Fernsehgelder an die Bank zu verpfänden oder zu verbrauchen“, meint der 59-Jährige angesichts in den vergangenen Jahren exorbitant gestiegener Transfersummen und Gehälter.

Minge war wegen seiner sparsamen Personalpolitik im Herbst noch scharf kritisiert worden, hatte sich selbst als „alten Schotten“ bezeichnet. Er denkt dabei auch an die heilsamen Lehren aus der Vergangenheit, als Dynamo wegen des Lizenz-Entzuges von der ersten in die dritte Liga stürzte. Jetzt steht die SGD wirtschaftlich gut da. Für das Geschäftsjahr 2018/19 wurde ein Gewinn von 4,5 Millionen Euro ausgewiesen, das Eigenkapital stieg auf 10,1 Millionen.

Wie ist die Entscheidung sportlich zu bewerten?

Inwiefern es einen fairen Wettbewerb geben kann, ist schwierig zu beurteilen. Eines ist aber klar: Bei Geisterspielen fehlt eine wichtige Komponente: die Emotionalität auf den Rängen. Die Fans können einen Spielverlauf durchaus mit der Stimmung beeinflussen, das hatten Dynamos Anhänger vor der Zwangspause beim 2:1-Sieg im Sachsenderby gegen Aue einmal mehr bewiesen. „Wir werden uns mit der Entscheidung anfreunden müssen“, erklärt Minge – und deutet an, dass es andere Vorschläge gegeben hat. Derzeit gebe es unter den Vertretern der Klubs „keine mehrheitsfähige Alternative zu Geisterspielen“.

Die aktive Fanszene, auch die Ultras Dynamo, hatte sich klar gegen dieses Szenario ausgesprochen. „Wir sind als Verein geisterspielerprobt und können deshalb sagen: Was da in den kommenden Wochen auf uns wartet, wird nicht annähernd die Faszination des Fußballs entfalten können, die wir an diesem Sport so lieben“, betont Minge. Trotzdem wolle man das sportliche Ziel, den Klassenerhalt, auch unter diesen besonderen Voraussetzungen erreichen. Dynamo ist Tabellenletzter der zweiten Liga, hat einen Punkt Rückstand auf den Relegationsrang und vier auf den ersten Nichtabstiegsplatz. Zuletzt hatte die Mannschaft von Cheftrainer Markus Kauczinski mit Siegen in Regensburg und gegen Aue eine positive Serie gestartet.

Wer darf bei Geisterspielen überhaupt ins Stadion?

In den Stadien sollen sich nur etwa 300 Personen befinden, etwa gleichmäßig auf die drei Zonen Innenraum, Tribüne und Stadiongelände verteilt. Spieler und Betreuer sollen die Aufenthalte in den Kabinen auf ein Minimum reduzieren und auf Rituale wie das gemeinsame Einlaufen oder die Begrüßung auf dem Platz verzichten. Alle Anwesenden – außer aktive Spieler und Schiedsrichter – sind verpflichtet, einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen. Die Spielbälle sollen vor und während der Partie desinfiziert werden.

Wie Dynamo mitteilt, ist nur eine festgelegte Anzahl an TV-Mitarbeitern zugelassen, am Spielfeldrand dürfen nur drei Fotografen und auf der Pressetribüne zehn Journalisten arbeiten. Es gibt keine Pressekonferenzen und Interviews.

Wieso bekommt der Profi-Fußball eine Sonderrolle?

Viele Sportler, auch sächsische Top-Athleten, kritisieren eine vermeintliche Sonderrolle des Profi-Fußballs. Tatsächlich können andere Sportarten weiterhin keine Wettkämpfe austragen, was allerdings mit daran liegt, dass sie ohne Zuschauereinnahmen finanziell nicht umzusetzen wären. Im Wirtschaftszweig Fußball stehen auch etwa 56.000 Arbeitsplätze vom Zeugwart bis zur Buchhalterin sowie die Nachwuchsakademien mit Tausenden Talenten auf dem Spiel. Es gehe nicht nur um die Fußball-Millionäre, hatte Aue-Präsident Helge Leonhardt im Interview gesagt. Mit Geisterspielen fließt zumindest das Geld aus der Fernsehvermarktung.

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Der Galopprennsport, der auf Wetteinnahmen angewiesen ist, startet die Saison am Donnerstag in Hannover mit einem Geister-Renntag. Für Hoppegarten wurden für den 10. und 31. Mai zwei genehmigt, Dresden plant derzeit Rennen ohne Besucher am 30. Mai und 13. Juni. (mit sid, dpa)

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