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Das hält Sachsens bester Schiri von Geisterspielen

Alexander Sather hat drei Partien in zweiter und dritter Liga gepfiffen. Die Bilanz des 33 Jahre alten Grimmaers ist auch ein Plädoyer für die Fans.

Am ersten Spieltag nach der Coronapause war Alexander Sather als vierter Offizieller bei der Partie zwischen RB Leipzig und dem SC Freiburg dabei. In normalen Zeiten ausgeschlossen, schließlich ist der 33-Jährige unweit der Messestadt zu Hause - in Grimma
Am ersten Spieltag nach der Coronapause war Alexander Sather als vierter Offizieller bei der Partie zwischen RB Leipzig und dem SC Freiburg dabei. In normalen Zeiten ausgeschlossen, schließlich ist der 33-Jährige unweit der Messestadt zu Hause - in Grimma © Jan Woitas/dpa-Zentralbild-Pool/dpa

Herr Sather, ist der Schiedsrichter-Job durch die Geisterspiele stressiger geworden?

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Der Garten ruft
Der Garten ruft

Die Gartenzeit läuft aber nichts geht voran? Tipps, Tricks und Wissenswertes haben wir hier zusammengetragen. Vorbei schauen lohnt sich!

Ja, allerdings nicht auf dem Spielfeld. Aber der Vorbereitungsaufwand ist wegen des engen Spielplans und der vorgeschriebenen Coronatests am Vortag immens gestiegen. Aber wir sind uns bewusst, dass wir als erste auf der Welt wieder unseren geliebten Sport ausüben durften. Deshalb nehmen wir diese Bedingungen gern in Kauf.

Welche sind das?

Ich bekomme die Ansetzung für einen bestimmten Tag und suche dann nach einem Verein in der Nähe meiner Heimatstadt Grimma, der auch zu diesem Termin antreten soll, um mich dort mit testen zu lassen. Denn der Test darf nicht älter als 24 Stunden sein, dass besagt die Matchday-minus-eins-Regel des gemeinsamen Hygienekonzepts von DFB und DFL. Dadurch bin ich viel in der Region unterwegs, war bei RB Leipzig, in Zwickau, Aue und Chemnitz. Beim Einsatz als Assistent in Köln habe ich mich auf dem Hinweg in Paderborn testen lassen. Diese Organisation ist schon eine kleine planerische Herausforderung.

Mit spontanen Komponenten…

Genau. Die konkrete Ansetzung wird erst bestätigt und bekannt, wenn der negative Befund vorliegt – also am Spieltag selbst. Vor Corona waren wir einen Tag vor dem Spiel im Hotel, am Spieltag ausgeruht und konnten uns als Team auf die Partie einschwören. Dass ist pandemiebedingt jetzt anders. Da aber die Strecken in der Regel nicht mehr so weit sind – in meinem Fall zum Beispiel Hannover, Leipzig, Nürnberg - ist eine Anreise am Spieltag gut machbar. Allerdings bin ich jetzt mehr mit dem Auto unterwegs, sonst eher mit dem Flugzeug oder der Bahn.

Mussten Sie sich privat zusätzlich einschränken?

Klar. Zwar sind die Strecken zu den Spielen kürzer geworden, aber es gibt eben auch die Tests am Vortag. Das geht natürlich zulasten der Freizeit. Aber das ist ein Rucksack, den in anderen Ausprägungen wahrscheinlich jeder im Moment zu tragen hat.

Wie haben sie sich auf die neue Situation bei den Spielen vorbereitet?

Es gab wöchentliche Regelschulungen, die mit Videoclips untermauert waren. So sind wir immer am Ball geblieben, auch wenn es nur theoretischer Natur war. Und auf die Geisterspiele wurden wir mit Beispielen aus der Europa League kurz vor der Coronapause vorbereitet. Zudem wurde uns das Bundesliga-Geisterspiel zwischen Mönchengladbach und Köln zur Sichtung zur Verfügung gestellt. Denn man muss auf völlig neue Parameter achten, weil die Rückkopplung zum Publikum fehlt. 

Warum ist die wichtig?

Man kann unter anderem an der Reaktion der Zuschauer ein stückweit herleiten, ob ein Pfiff tendenziell richtig oder weniger richtig ist. Und auch die Spieler verhalten sich ohne Fans anders, emotionsfreier. Sie lassen sich nicht mehr so schnell anstacheln, sind nicht so provokant in ihrer Spielweise. Das war vor allem beim Neustart stark spürbar. Inzwischen haben sie sich mit den neuen Gegebenheiten arrangiert. Langsam kehrt die Härte und Schärfe zurück.

Verhalten sich auch Trainer und Betreuer anders?

Zum Neustart war das noch so. Da war zu merken, dass jeder sein Bewusstsein für die Pandemie weiterentwickelt hat und dankbar war, dass es wieder losgeht. Jeder ist sich seiner Vorbildfunktion bewusst. Inzwischen ist dennoch auch zu spüren, dass es um Auf- und Abstieg, Meisterschaft und Existenzen geht. Aber auch das spielerische Niveau ist schon wieder auf dem vor Corona.

Ihr Kollege Daniel Siebert sprach davon, dass er durch die Kontaktgeräusche, die bei Partien mit Publikum untergehen würden, einschätzen kann, ob ein Foul vorgelegen hat oder ein Ball abgefälscht wurde. Haben Sie ähnliche Erfahrungen gemacht?

Ja, wenn man hört, wie es scheppert, kann man natürlich die Intensität besser wahrnehmen. Und auch als Assistent ist es von Vorteil, wenn man bei langen Bällen oder Diagonalpässen das Abspiel hört.

Deniz Aytekin, der Schiedsrichter des Jahres 2019, meinte, Zuschauer würden ihn pushen. Sie auch?

Pushen ist für mich der falsche Ausdruck. Aber ich würde mich natürlich freuen, wenn ich endlich wieder die jahrelang bekannten Resonanzen bekäme, die für mich bei einer Entscheidungsfindung normaler sind als die jetzigen. 

Im Moment ist es auch normal Spiele mit Mannschaften aus dem eigenen Landesverband zu leiten. Ist das eigentlich wirklich so problematisch?

Nein, da sind wir doch sehr professionell. Auch wenn da ein sächsischer Verein beteiligt ist, für mich spielt da Blau gegen Weiß oder Rot gegen Gelb. Und nach wie vor gilt, dass man nicht am eigenen Wohnort eingesetzt werden kann.

Was ist ihre Erkenntnis aus den bisherigen Geisterspielen?

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Alexander Sather ist nicht mehr nur Schiedsrichter in der 2. Bundesliga. Immer öfter entscheidet der Grimmaer auch am Bildschirm. Ein Gespräch.

Es wäre schön, wenn man sich bewusst bleibt, dass es etwas ganz Besonderes ist, hier Profifußball spielen und auf dem Platz stehen zu dürfen und es nicht als gegeben nimmt und dankbar ist. Da muss ich auch einmal für die Fans sprechen. Was die Woche für Woche für ihren Klub leisten und welche Euphorie durch die Anhänger entfacht wird – dafür sollte sich das Bewusstsein wieder schärfen, dass man durch die leeren Ränge im Moment vielleicht etwas verloren hat. Und vielleicht geht man dann auch sensibler mit manchen Sachen, zum Beispiel einem Pfeifkonzert, um, weil man anerkennt, dass die Fans teilweise ihr letztes Hemd dafür geben, ihren Verein im Stadion zu unterstützen.

Das Interview führte Cornelius de Haas.

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