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„Dann wird der Aufschrei ganz groß sein“

Erik Lesser ist Weltklasse-Biathlet – und leidenschaftlicher Fußballfan. Derzeit leidet er aber mehr, zum Beispiel mit Dynamo. Das Interview zum Ligastart.

Erik Lesser findet es irgendwie gut, dass die Fußball-Bundesliga wieder spielt. Doch begeistern kann sich der Weltklasse-Biathlet und leidenschaftliche Fußballfan nicht wirklich.
Erik Lesser findet es irgendwie gut, dass die Fußball-Bundesliga wieder spielt. Doch begeistern kann sich der Weltklasse-Biathlet und leidenschaftliche Fußballfan nicht wirklich. © dpa/Sven Hoppe

Herr Lesser, wie fühlt sich das Leben als Biathlet in Corona-Zeiten an?

Bei uns ist alles relativ normal. Wir haben Anfang Mai wieder mit dem Training angefangen, haben aber keinerlei Einschränkungen. Wir müssen nicht mit Mundschutz trainieren – was schon mal gut ist. Mittlerweile können wir uns auch in kleinen Grüppchen zusammentun.

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Und wie geht es Ihnen als Fußballfan und Anhänger von Erzgebirge Aue beim Gedanken an den Re-Start an diesem Wochenende?

Ehrlich gesagt, hätte ich in den letzten Wochen gar keine Zeit gehabt, um Fußball zu gucken. Ich habe also gar nicht richtig bemerkt, dass keine Bundesliga ist. Aber wenn’s jetzt läuft, würde ich es mir trotzdem mal anschauen.

Was sagen Sie dazu, dass der Fußball jetzt wieder rollt?

Ich schaue nebenbei gerne Formel 1 oder Radsport, aber momentan ist in der Sportlandschaft einfach nichts im Angebot. Da ist es natürlich schön, dass die Bundesliga wieder losgeht. Allerdings unter fairen Bedingungen wird das nicht ablaufen.

Inwiefern nicht fair?

Dynamo Dresden befindet sich in einer 14-tägigen Quarantäne, kann den Spielbetrieb nicht aufnehmen. Wenn es Dresden erwischt, kann es auch irgendjemand anderen erwischen. Die Wahrscheinlichkeit ist da schon ziemlich hoch. Bei uns in der Regionalzeitung war gerade eine schöne Auflistung, welche Sportligen abgebrochen wurden, wo kein Meister gekürt wurde. Da gab es neben dem Fußball nur die Basketball-Bundesliga der Männer, die noch offen ist. Da hat König Fußball aktuell schon eine Ausnahmestellung, mit Halb- oder Komplett-Quarantäne. Und Sportler wie Thomas Röhler (deutscher Speerwerfer, Olympiasieger von 2016, d. Red.) wissen zum Teil nicht, wie sie in den Kraftraum kommen.

Die Liga verspricht sich ein Milliardenpublikum weltweit, der Uefa-Präsident Aleksander Ceferin spricht von einem „leuchtenden Beispiel“. Was lösen solche Statements in Ihnen aus?

In der Politik würde man von Lobbyismus sprechen. Das ist ja ein Stück weit normal. Weil verständlicherweise alle froh sind, wenn es weitergeht und die Fernsehgelder wieder fließen. Wenn man bedenkt, was an Gehältern gezahlt wird und welche Budgets im Raum stehen. Aber die Fairness muss man schon auch im Kopf behalten. Von einem „leuchtenden Beispiel“ würde ich vielleicht nicht sprechen. Die italienische und die englische Liga überlegen jetzt auch, den Spielbetrieb wieder aufzunehmen. Also man kann für das System Bundesliga nur hoffen, dass kein Erstligist Probleme mit Corona bekommt und in Quarantäne muss. Dann wird der Aufschrei ganz groß sein. Wobei in zehn Jahren sowieso jeder auf die Spielzeit 2019/2020 zurückschauen und denken wird: Was für eine sinnlose Saison. Egal, ob man das jetzt durchführt oder abbricht. Mal ganz abgesehen davon, dass beim Duschen jetzt auch keiner aufpassen wird, dass die Fußballer den Abstand einhalten.

Alles zu überprüfen, was jenseits der Fernsehkameras passiert, ist ja auch nicht wünschenswert, oder?

Ehrlich gesagt, ich hatte heute Morgen beim Bäcker auch meinen Mundschutz vergessen.

Kommt man so überhaupt rein in den Laden?

Ja, das ging. Mit Abstand halten. Im privaten Bereich kann es ja jeder handhaben, wie er will. Aber in der Öffentlichkeit, wo man eine Vorbildfunktion hat, ist es einfach schwierig. Und um den Gedanken von vorhin noch mal aufzugreifen: Die Kanuten, die sowieso allein im Boot sitzen, haben international alle Wettkämpfe bis Ende September abgesagt oder verlegt. Und die Fußballer fangen jetzt wieder an, in der Öffentlichkeit mit Körperkontakt zu spielen. Das ist schon sehr bizarr.

Glauben Sie, dass der Ruf der Fußball-Branche durch die aktuellen Diskussionen Schaden nehmen wird?

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Nein. Wenn Corona vorbei ist, läuft das Fußballgeschäft genau so weiter wie vorher. Einige werden Einnahmeausfälle, hohe Spielergehälter und die enormen Ablösesummen beklagen. Dann wird der Spieler eben nicht für acht Millionen Euro transferiert, sondern für fünf Millionen. Da wird es ein bisschen Geheule geben – aber dann wird alles ganz schnell wieder in die Normalität übergehen. Genauso wie alle Unternehmen, die jetzt nach Staatshilfen schreien, in zwei Jahren wieder Boni an ihre Vorstandsmitglieder auszahlen werden. Es wird alles ganz genau so weiterlaufen wie bisher.

Das Interview führte Andreas Morbach.

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