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"Für Geisterspiele kann ich mich nicht begeistern"

Eduard Geyer spricht sich für ein Saisonende aus. Warum der Fußball jetzt nicht an erster Stelle stehen darf, erklärt er im exklusiven Interview.

Eduard Geyer verfolgt den Fußball als kritischer Beobachter. Auch in der Corona-Krise hat der einstige Erfolgstrainer von Dynamo Dresden und Energie Cottbus eine klare Meinung.
Eduard Geyer verfolgt den Fußball als kritischer Beobachter. Auch in der Corona-Krise hat der einstige Erfolgstrainer von Dynamo Dresden und Energie Cottbus eine klare Meinung. © Robert Michael

Dresden. Seine Meinung ist klar. Wie immer. Wenn es nach Eduard Geyer geht, müsste diese Saison in den Fußball-Bundesligen ohne Meister und Absteiger abgebrochen und nach der Corona-Krise neu gespielt werden. Das hat der 75 Jahre alte Dresdner, der als Trainer einst Dynamo zur DDR-Meisterschaft und Energie Cottbus in die Bundesliga führte, kürzlich in seiner Kolumne für das Fachmagazin Kicker geschrieben.

Nun hat die Debatte an Schärfe zugenommen, denn auch die führenden Fangruppierungen haben sich gegen die Wiederaufnahme des Spielbetriebs ausgesprochen. Eine Fortsetzung mit Geisterspielen, also ohne Zuschauer, sei „nicht vertretbar – schon gar nicht unter dem Deckmantel der gesellschaftlichen Verantwortung“, erklärt das Bündnis in einer Stellungnahme, der sich auch Dynamo Dresdens Ultras anschlossen und diese auf ihrer Internetseite veröffentlichten.

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Im SZ-Interview erklärt Geyer nun ausführlich seine Ansicht und sagt, wie er selbst mit der Corona-Krise umgeht.

Herr Geyer,  Sie haben gefordert, die gerade unterbrochene Saison zu annullieren. Warum?

In erster Linie geht es um die Gesundheit der Menschen. Deshalb sollte man auf die Wissenschaftler und die Politik, die von den Wissenschaftlern beraten wird, hören und kein künstliches Gebilde aufbauen, um den Profit für den Fußball zu retten. Es geht darum, die Menschen zu schützen, dafür muss auch der Fußball zurückgefahren werden. Wenn es Lockerungen gibt, dann für die Wirtschaft, der Fußball muss dabei nicht an erster Stelle stehen.

"Bevor wir rumeiern, einen klaren Schnitt machen"

Es ist vollbracht! Nach zehn Jahren hat Dynamo Dresden die Herrschaft des Vornamensvetters aus Berlin, des BFC, gebrochen. Eduard Geyer hat die Schwarz-Gelben zum DDR-Meistertitel 1988/89 geführt. Stolz hält er den Siegerpokal nach oben; die Spieler Uwe J
Es ist vollbracht! Nach zehn Jahren hat Dynamo Dresden die Herrschaft des Vornamensvetters aus Berlin, des BFC, gebrochen. Eduard Geyer hat die Schwarz-Gelben zum DDR-Meistertitel 1988/89 geführt. Stolz hält er den Siegerpokal nach oben; die Spieler Uwe J © Archivfoto: Frank Dehlis

Könnten Fußballspiele nicht auch ein positives Zeichen sein, dass es eben weitergeht?

Es steht außer Frage, dass der Fußball eine gesellschaftliche Bedeutung hat. Er berührt die Menschen emotional, bringt sie zusammen, vermittelt Gesprächsstoff. Das ist eine nicht zu unterschätzende Komponente. Aber das, was wir gerade erleben, passiert vielleicht aller 50, aller 100 Jahre. Dafür muss man spezielle Lösungen finden. Deshalb sage ich: Pass mal auf, bevor wir rumeiern und sagen, wir fangen im Juni an, dann im Juli, August und immer später, ist es besser, einen klaren Schnitt zu machen. Dann starten wir eben neu, wenn es wieder möglich ist. Wenn man sieht, dass die Olympischen Spiele und die Fußball-Europameisterschaft bereits auf nächstes Jahr verlegt worden sind, sollte das auch ein gewisser Fingerzeig für die Bundesliga sein.

Sehen Sie bestimmte Bedingungen, unter denen weitergespielt werden könnte?

Jetzt wird schon von Physiotherapeuten diskutiert, ob man nicht bloß drei, sondern fünf, sechs, acht Spieler auswechseln könnte, weil die Belastung sonst zu hoch wäre. Was soll denn der Pfeffer? Dann können wir es nicht machen! Wir suchen nach Notlösungen, um ja den Fußball fortzusetzen. Das geht doch nicht um jeden Preis. Lasst uns das konsequent beenden. Dann haben wir zwar das Jahr verloren, was traurig ist für viele, aber wir könnten mit einem besseren Gewissen in die neue Zeit gehen. Ich finde, man sollte lieber später als früher wieder anfangen.

"Eine Gerechtigkeit wird nicht möglich sein"

Im September 1989 übernahm Eduard Geyer die Nationalmannschaft der DDR, die er zunächst parallel zu Dynamo betreute. Er brachte die Auswahl in der Qualifikation für die WM 1990 in eine aussichtsreiche Position. Doch vor dem entschieden Spiel gegen Österre
Im September 1989 übernahm Eduard Geyer die Nationalmannschaft der DDR, die er zunächst parallel zu Dynamo betreute. Er brachte die Auswahl in der Qualifikation für die WM 1990 in eine aussichtsreiche Position. Doch vor dem entschieden Spiel gegen Österre © Archivfoto: dpa

Wie erklären Sie Ihren Vorschlag den Klubs, die durch einen Abbruch um ihre Aufstiegschance gebracht würden?

Eine Gerechtigkeit wird nicht möglich sein, man kann es nicht allen recht machen. Es wird Einschnitte geben. Dann müssen sie einen neuen Anlauf nehmen.

Dynamo Dresden würde allerdings profitieren, müsste als derzeit Tabellenletzter in der 2. Bundesliga nicht absteigen. Ist das ein Hintergedanke?

(lacht) Wenn ich von allen spreche, dürfte mir niemand einen Hintergedanken unterstellen. Aber er liegt natürlich nahe.

Wie sehen Sie die Situation für Dynamo: Wäre ein Neustart für den Abstiegskampf gut oder problematisch?

Wir könnten jetzt die gläserne Kugel zu Rate ziehen. Das ist nicht vorauszusagen. Dynamo hatte Boden gut gemacht, insofern war diese Unterbrechung sicher nicht förderlich. Aber wie es die Vereine hinkriegen würden, inwieweit manche profitieren, andere in ein Loch fallen, das vermag keiner zu sagen. Mir persönlich wäre es auch für die Fangemeinde am liebsten, Dynamo bleibt drin, egal, ob mit oder ohne Spiele. Aber ich kann mich nach wie vor für Geisterspiele nicht begeistern.

Aber die wären wohl die einzige Alternative zum Abbruch ...

Da geht es doch schon los. Sollen die Spieler mit Mundschutz spielen? Eigentlich müssten sie Zweikämpfen aus dem Weg gehen. Es wären so viele Menschen involviert in der Vorbereitung, bei der Betreuung der Mannschaften - da sind Kontakte nicht zu vermeiden. Für mich ist das nicht relevant.

Fehlen Ihnen bei Geisterspielen die Emotionen?

Da fehlt eigentlich alles. Das ist wie ein Trainingsspiel, ob dann die Leistung der Spieler rausgekitzelt werden, sei dahingestellt.

"Da muss man genau hinschauen und klug entscheiden"

Was für ein Triumph! Im Mai 2000 feiert Cottbus mit Trainer Eduard Geyer den Aufstieg in die Bundesliga. 1994 hatte der Dresdner die Lausitzer übernommen und nach ganz oben geführt. Erst nach drei Jahren steigt der Außenseiter wieder ab, Geyer wurde im He
Was für ein Triumph! Im Mai 2000 feiert Cottbus mit Trainer Eduard Geyer den Aufstieg in die Bundesliga. 1994 hatte der Dresdner die Lausitzer übernommen und nach ganz oben geführt. Erst nach drei Jahren steigt der Außenseiter wieder ab, Geyer wurde im He © Archivfoto: dpa

Was entgegnen Sie dem Argument, dass viele Vereine in der Existenz bedroht sind und möglicherweise in die Insolvenz getrieben werden, weil die Millionen-Einnahmen aus dem Fernsehvertrag fehlen?

Das Fernsehgeld macht bei den meisten Vereinen ein Drittel aus, bei manchen mehr. Wir haben damals bei Energie Cottbus zu etwa 75 Prozent davon gelebt. Die Bereitschaft zur Solidarität der Klubs untereinander war vielleicht ein bisschen zögerlich, aber sie ist gekommen. Es wird darüber diskutiert, inwieweit man Vereine, die - und das hebe ich hervor - unverschuldet in eine finanzielle Schieflage geraten, helfen sollte und müsste. Es gibt aber auch Gerüchte, dass sich einige durch die Corona-Krise durchschlängeln und gerettet werden wollen, obwohl sie durch eigenes Verschulden sowieso in die Pleite gegangen wären. Da muss man genau hinschauen und klug entscheiden.

Wie kommen Sie selbst durch die Corona-Krise?

Ich esse weniger, sonst wird man zu fett. Ich gehe jeden Tag zwei, manchmal drei Stunden in der Dresdner Heide spazieren, lese viel, gucke ab und zu fern, meist nur abends. Und natürlich mache ich Sport. Ich habe zu Hause auch ein paar Geräte rumstehen, die bewegt werden wollen.

Fehlt Ihnen der Fußball schon?

Der Fußball fehlt uns, das ist klar. Aber erinnern wir uns daran, dass wir gesagt haben - ich zumindest: Von Montag bis Sonntag Fußball, das geht einem auf den Geist, man braucht mal eine Pause, um sich wieder auf ein besonderes Spiel zu freuen. Jetzt sagt man: Ohne Fußball gefällt mir die Welt auch nicht. Trotzdem könnte das ein Ansatz sein, darüber nachzudenken, wie man einer Überdrüssigkeit des Fußballs entgegenwirken kann. Die WM- und EM-Turniere mit immer mehr Mannschaften, der aufgeblähte Europapokal, die Nations League - die Belastung der Spieler ist enorm und es überfordert, übersättigt den Zuschauer.

"Der Fußball ist aus den Bahnen geglitten"

Im September 2007 kehrte Eduard Geyer als Trainer zu Dynamo zurück, folgte auf Norbert Meier. Der einstige Meistercoach erreichte mit der Qualifikation zur neu gegründeten 3. Liga das Saisonziel, allerdings war es auch ihm nicht gelungen, die Gräben in de
Im September 2007 kehrte Eduard Geyer als Trainer zu Dynamo zurück, folgte auf Norbert Meier. Der einstige Meistercoach erreichte mit der Qualifikation zur neu gegründeten 3. Liga das Saisonziel, allerdings war es auch ihm nicht gelungen, die Gräben in de © Robert Michael

Ist das die Chance, andere Weichen zu stellen und den Fußball insgesamt auf ein Niveau zurückzustufen, das dem Spiel angemessen ist - auch was Transfersummen und Gehälter betrifft?

Hundertprozentig. Das wird ja bereits diskutiert, auch darüber, die Kader zu verkleinern. In England hat mancher Verein 70, 80 Spieler unter Vertrag, leiht die Hälfte aus. Man könnte auch über den Trainerstab nachdenken. Es ist doch ein Wahnsinn, dass jetzt für jede Nuance des Spieles ein vermeintlicher Experte beschäftigt wird. Der Fußball ist ein bisschen aus den Bahnen geglitten. Man muss auch die Honorare für die Spieler-Vermittler ansprechen. Ich kenne das aus Cottbus. So schnell konnte man nicht gucken, wie die das Geld gescheffelt haben.

Glauben Sie daran, dass sich das zurückdrehen lässt?

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Im Kicker stand, Dortmund habe allein für die Spieler Personalkosten in Höhe von 140 Millionen, sei damit international aber nicht mal vorn dabei. Das ist doch ein Wahnsinn, dass sich die Schraube in diese Richtung gedreht hat. Ich glaube, man wird sich viele Gedanken machen müssen. Ich fürchte jedoch, dass solche Denkansätze nach der Corona-Pandemie in kürzester Zeit wieder aus den Köpfen verschwinden. Man wird in die alten Fahrwasser zurückkehren, was ich sehr bedauerlich finde. Es wäre eine Chance, viele Dinge anders zu machen - nicht nur im Fußball. Aber da mache ich mir keine Illusionen.

Das Gespräch führte Sven Geisler.

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