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Dynamos letzter Bundesliga-Kapitän brauchte Hilfe

Thomas Rath hat in Dresden die beste Zeit als Fußballer erlebt, ist privat glücklich. Doch plötzlich fühlte er sich antriebslos. Jetzt wird er 50 - und es geht ihm gut.

Thomas Rath (r.) im „Interview“ mit Trainer Siggi Held.
Thomas Rath (r.) im „Interview“ mit Trainer Siggi Held. © Wolfgang Wittchen

Dresden. Es ist ein zwiespältiger Moment. Einerseits ist Thomas Rath schon stolz, die Mannschaft als Kapitän auf den Platz zu führen. Andererseits weiß er, dass es ein Abschied ist – für Dynamo und auch für ihn. Schließlich spielen die Dresdner am 17. Juni 1995 zum letzten Mal in der Bundesliga, verabschieden sich mit einem 2:2 bei Bayer Leverkusen – Zwangsabstieg in die damals drittklassige Regionalliga.

„Präsident Otto wollte Geld machen und verkaufte, was zu verkaufen ging“, erinnert sich Rath an diese wilde Zeit. Für ihn zahlte der SC Freiburg eine Million Mark – so viel wie für keinen Spieler zuvor. Seine letzte Station als aktiver Fußballer erlebte er in Leipzig beim VfB. Doch mit 29 war plötzlich Schluss. „Nach einem Achillessehnenriss kam ich nicht mehr richtig auf die Beine, war Sportinvalide.“ Was kommt danach? Rath war nicht der erste Fußballer, der sich plötzlich Gedanken über seine berufliche Zukunft nach der sportlichen Karriere machen musste. Er ließ sich über die Berufsgenossenschaft zum Industriekaufmann ausbilden, aber die tägliche Büroarbeit war für ihn nicht das Nonplusultra. „Ich habe dann auf Minijobbasis diverse Berufe gemacht, unter anderem Hausmeisterdienste.“ Wegen seiner Verletzungen wurde er frühzeitig verrentet. Am Sonntag feiert Rath seinen 50. Geburtstag und ist dankbar, das auch genießen zu können.

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Er war 2005 mit seiner Frau Silke und den beiden Töchtern in ein ersteigertes Eigenheim gezogen. „Uns ging es gut“, sagt Rath, aber 2014 fühlte er sich auf einmal antriebslos. „Ich beteiligte mich kaum an Gesprächen, wenn wir Besuch hatten. Manchmal fiel es mir schwer, selbst die paar Meter aus dem Wohnzimmer bis in den Garten zu gehen.“ Rath nahm psychologische Hilfe in Anspruch, fuhr zur Kur. „Es war wohl ein schleichender Prozess. Irgendwie konnte ich das Leben nicht mehr genießen. Ich wollte immer allen helfen, alles perfekt zu Ende bringen, schaffen, was andere auch schaffen.“

Heute geht es ihm gut. „Ich kann mich jetzt auch an den kleinen Dingen des Lebens erfreuen, bin viel in unserer schönen Umgebung unterwegs und wieder ein kommunikativer Mensch.“ Rath fühlt sich, wie er selbst sagt, zu Hause angekommen. „In vieles, was Dresden groß gemacht hat, bin ich mit reingerutscht. Ich habe bei Dynamo gespielt, helfe seit Jahren beim Bühnenaufbau für den Semper-Opernball und beim Dixieland mit.“

Sein Andenken, die legendäre Binde, liegt im Museum

2016 hat er den Angelschein erworben, ist oft an der Elbe. „Es ist einfach schön, draußen an der frischen Luft zu sein. Meistens bin ich in Pillnitz, zwischen der Fähre und dem Schloss. Ich unterhalte mich gerne mit den Leuten, die vorbeikommen“, sagt Rath. „Ich genieße es, dass ich heute Sachen machen kann, für die früher gar keine Zeit blieb.“ Er hat als Fußballer gut verdient und sich finanzielle Rücklagen gebildet, auch wenn nicht alles glatt lief. „Wir haben auch mal Geld mit irgendwelchen Fonds in den Sand gesetzt. Aber das Leben ist eben ein Lernprozess, der nie endet.“

1992 war Rath von Hertha BSC zu Dynamo bekommen, bestritt in drei Jahren 75 Bundesligaspiele für Dresden und erzielte sechs Treffer. Im März 1994 traf er beim 1:2 in Mönchengladbach zum „Tor des Monats“. Noch heute hat die ARD-Medaille einen Ehrenplatz in seinem schmucken Einfamilienhaus. „Das war die beste Zeit meiner Laufbahn. Wir hatten gute Spieler und einen unglaublichen Zusammenhalt. Sicher haben wir auch Blödsinn gemacht, aber auch der hat uns als Truppe zusammengeschweißt.“

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Sein Andenken an das letzte Bundesligaspiel, die legendäre Kapitänsbinde, hat er dem Dresdner Fußball-Museum geschenkt. Dynamo verfolgt er weiter, „auch wenn ich eher selten ins Rudolf-Harbig-Stadion gehe“. Zuletzt wäre das sowieso nicht möglich gewesen, wie Rath mussten alle Fans den Abstieg am Fernseher mit ansehen.

Sven Geisler und Jürgen Schwarz: Dynamos vergessene Helden. Die Schwarz-Gelben und die Bundesliga. Verlag DDV-Edition. 192 Seiten, 22,90 €. ISBN: 978-3-943444-88-9 www.ddv-lokal.de
Sven Geisler und Jürgen Schwarz: Dynamos vergessene Helden. Die Schwarz-Gelben und die Bundesliga. Verlag DDV-Edition. 192 Seiten, 22,90 €. ISBN: 978-3-943444-88-9 www.ddv-lokal.de © SZ

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