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Wie die erste Ost-Reise des FC Bayern lief

1955 spielen die Münchner in Zwickau und Leipzig, aber die Zuschauer jubelten einem anderen zu. Erinnerungen an besondere Begegnungen auf und neben dem Platz.

Dicht an dicht sitzen und stehen die Zuschauer am 9. Mai 1955 im Leipziger Bruno-Plache-Stadion. Die meisten sind nicht wegen des Fußballspiels des SC Rotation gegen Bayern München gekommen. Hans Legath (3. v. l.) hat hier einen Angriff abgeschlossen un
Dicht an dicht sitzen und stehen die Zuschauer am 9. Mai 1955 im Leipziger Bruno-Plache-Stadion. Die meisten sind nicht wegen des Fußballspiels des SC Rotation gegen Bayern München gekommen. Hans Legath (3. v. l.) hat hier einen Angriff abgeschlossen un © privat

München/Leipzig. Das Album hat Hans Legath immer noch griffbereit. Dabei ist diese besondere Reise nun schon 65 Jahre her. Mit dem FC Bayern München war der einstige Fußballer zu Gast in der DDR, bestritt zwei Spiele in Sachsen. Auf der Fahrt nach Leipzig waren im Speisewagen Plätze für 17 Personen reserviert. Es gab eine Griessuppe, Kasselerkotelett mit Bohnengemüse und Schwenkkartoffeln sowie gefüllte Eierkuchen – für 4,03 DM.

Die Tageskarte hat er genauso eingeklebt wie die Postkarten vom Alten und Neuen Rathaus, von der Thomaskirche und vom Völkerschlachtdenkmal sowie die Zeichnung von der Universität mit der später gesprengten Paulinerkirche in Leipzig. Von Zwickau gibt es dagegen nur eine Ansicht des Hotels der HO, die Abkürzung für die Handelsorganisation der DDR. „Eine schönere Karte war in Zwickau nicht aufzutreiben“, hat Hans Legath drunter notiert.

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Er ist mittlerweile 91 Jahre alt, erinnert sich im Gespräch mit seinem Enkel Max – beim FC Bayern als Scout im Nachwuchs tätig – an den ersten Ausflug der Münchner Fußballer in den Osten nach dem Zweiten Weltkrieg. „Es war für uns damals schon eine Überraschung, dass diese Reise stattfand, denn es gab keinen großen Austausch zwischen den Vereinen in West und Ost“, erzählt Hans Legath.

In Zwickau sitzt ein Aufpasser in der Kabine

Die erste Begegnung hatten sie am 8. Mai 1955 in Zwickau gegen die BSG Motor. „Wir Spieler sind ganz normal miteinander umgegangen, aber was uns dort gestört hat: Von Anfang bis Ende begleitete uns ein Offizieller, der keinen besonders freundlichen und vertrauenswürdigen Eindruck machte. Der hat sich weder vorgestellt noch sonst einen Piep gesagt. Er saß nur dabei und hat uns wahrscheinlich beobachtet.“ Hans Legath ließ sich davon nicht ablenken, denn in der Sieben-Zeilen-Nachricht über eines der ersten deutsch-deutschen Fußball-Duelle nach der Teilung steht in einer bayerischen Zeitung: „Legath glückte in der 30. Minute der Ausgleich.“ Die Partie endet 1:1 – und danach lassen er und zwei Mitspieler es in einer Hotelbar krachen.

Hans Legath hat 1955 mit dem FC Bayern München in Sachsen gespielt. Jetzt ist er 91 Jahre alt und erinnert sich an die Ost-Reise.
Hans Legath hat 1955 mit dem FC Bayern München in Sachsen gespielt. Jetzt ist er 91 Jahre alt und erinnert sich an die Ost-Reise. © privat

„Wir hatten eine Flasche roten Sekt bestellt. Als ich sie aufmachte, knallte der Korken, und die anderen Gäste haben streng nach uns geguckt.“ Krimsekt, wie sich Hans Legath erinnert, dürfte seinerzeit für DDR-Bürger so schwierig zu bekommen wie zu bezahlen gewesen sein. Die Münchner hatten Devisen in der Tasche. „Der Sekt war nicht übel, aber wir hatten davon ja auch keine Ahnung. Es war wohl so ein bisschen Großmannssucht, dass wir uns die Flasche geleistet haben“, räumt er nach so langer Zeit ein. „Wir haben uns aber schnellstens wieder verzogen.“

Fit für das Spiel am nächsten Tag sei er gewesen, jedenfalls nach dem damaligen Verständnis von Fitness. Der Leichtathlet, 1949 deutscher Juniorenmeister im Fünfkampf, setzte auf seine Schnelligkeit: „Ich konnte allen davonlaufen.“ Im Leipziger Bruno-Plache-Stadion trafen die Bayern auf den SC Rotation, den Vorläufer des späteren 1. FC Lok Leipzig. Offiziell 55.000 Zuschauer, es könnten auch 60.000 gewesen sein, waren dabei, „aber die Leute kamen nicht wegen uns“, betont Hans Legath. Die Münchner bestritten sozusagen das Vorspiel – zur Ankunft der siebenten Etappe der Friedensfahrt, die 1955 zum ersten Mal auch durch die DDR führte.

In Dresden hatte Gustav-Adolf „Täve“ Schur zwei Tage zuvor den Sieg wegen eines Sturzes verpasst. In Leipzig aber fuhr die DDR-Radsportlegende als Erster über den Zielstrich und gewann am Ende die Rundfahrt. Hans Legath erinnert sich genau, wem die Massen damals zujubelten, weiß auch, dass Schur zweimal Weltmeister wurde. „Nach seinem Sieg in Leipzig waren die Leute aus dem Häuschen.“

Bayern loben die ausgezeichnete Betreuung

Vielleicht, meint Hans Legath, seien unter den Zuschauern auch ein paar Neugierige gewesen, die gucken wollten, wie eine Oberliga-Mannschaft aus dem Westen Fußball spielt. Doch die Bayern waren damals alles andere als ein Spitzenteam, vielmehr auf dem Tiefpunkt ihrer Vereinsgeschichte, als Tabellenletzter sang- und klanglos in die 2. Oberliga Süd abgestiegen. Deshalb wurde auf Freundschaftsspiele nach der Saison verzichtet – bis auf die über private Kontakte vereinbarten Partien im Osten.

Die Massen jubeln in Leipzig den Friedensfahrern um Gustav-Adolf „Täve“ Schur zu. Er gewinnt die siebente Etappe und ist hier schon im Ziel. Das Ergebnis vom Vorspiel steht mit an der Anzeigetafel.
Die Massen jubeln in Leipzig den Friedensfahrern um Gustav-Adolf „Täve“ Schur zu. Er gewinnt die siebente Etappe und ist hier schon im Ziel. Das Ergebnis vom Vorspiel steht mit an der Anzeigetafel. © privat

„Am 8. und 9. Mai besuchten wir erstmals die DDR und kehrten mit zwei beachtlichen 1:1-Unentschieden gegen die Tabellenfünften und -dritten der dortigen Oberliga, Motor Zwickau und Rotation Leipzig, heim“, heißt es dazu in der Club-Zeitung des FC Bayern vom Juli 1955.

Fußballerisch seien weder Leipzig noch Zwickau viel besser gewesen, sagt Hans Legath, obwohl sie einige Nationalspieler aufbieten konnten. Aufstellungen finden sich in knappen Spielberichten keine, aber bei beiden Bayern-Gegnern gehörten Spieler zum Aufgebot, die zuvor bereits für die DDR-Auswahl eingesetzt worden waren. 

Im Club-Magazin der Bayern heißt es weiter: „Dabei ist erwähnenswert die ausgezeichnete Betreuung seitens der Gastgeber, die Objektivität der 15.000 bzw. 55.000 (!) Zuschauer und – das Auftauchen unseres Ligaspielers der Jahre 1939 bis 1942 Uhle, der in Chemnitz eine Tankstelle betreibt.“ In Leipzig sei der ihnen zur Seite gestellte Aufpasser ein freundlicher Mann gewesen, der sich mit ihnen normal unterhielt, erzählt Hans Legath. Bayern-Geschäftsführer Karl Ambach soll über die Lautsprecher im Stadion den Wunsch nach einer baldigen Wiedervereinigung geäußert haben, was damals noch der politischen Linie in der DDR entsprach.

Verstörendes Gespräch über DDR-Verhältnisse

Beim anschließenden Bankett seien die üblichen Freundlichkeitsfloskeln ausgetauscht worden. „Danach war der Braten gegessen.“ Wobei das Essen weniger gut geschmeckt haben soll. Dafür spielte anschließend eine Musikkapelle, wie sich der Zeitzeuge erinnert, und die Gäste aus dem Westen durften mit den Frauen der Leipziger Spieler tanzen. Dabei vertraute ihm eine an, wie schlimm sie die Politik in der DDR findet, die der Bevölkerung schade. „Sie hat sogar geweint und gesagt: Wenn ich verraten würde, was sie mir erzählt hat, wäre in Nullkommanichts der Wagen da, der sie abholt und in den Knast bringt.“

Nur mit seiner Frau hat Hans Legath zu Hause über dieses für ihn verstörende Gespräch geredet. Sie erinnert sich auch noch daran, dass ein Spieler auf der Rückreise offenbar vom Zoll festgehalten wurde. Er war Schneider, betrieb in München ein kleines Textilgeschäft und hatte sich mit Spitze, vermutlich aus Plauen, eingedeckt. Erst einen Tag später durfte er wieder rüber; sicher um einige harte D-Mark leichter.

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Die Bayern schafften in der Saison darauf den Wiederaufstieg in die höchste Spielklasse. Das nächste Spiel im Leipziger Bruno-Plache-Stadion bestritten sie nach dem Mauerfall am 2. September 1990. Der „freundschaftliche Vergleich“ mit dem 1. FC Lok endete wie einst 1:1 – allerdings diesmal vor nur 10.000 Zuschauern. Der Rekord aus dem Friedensfahrt-Vorspiel von vor 75 Jahren wurde erst jetzt während der Corona-Krise gebrochen. In einer Spendenaktion hatte Lok für ein Spiel gegen einen „unsichtbaren Gegner“ 182.612 virtuelle Tickets zum Preis von jeweils einem Euro verkauft.

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