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Dynamos Mutmacher nach dem Neustart

Die Dresdner verlieren zwar gegen Stuttgart, aber nach dem Geisterheimspiel überwiegen die positiven Erkenntnisse. Der Trainer sagt, was fehlt - noch.

Dynamo-Torwart Kevin Broll ist vor Stuttgarts Wataru Endo (r.) am Ball. Die Dresdner zeigen gegen den Aufstiegsfavoriten eine leidenschaftliche Leistung.
Dynamo-Torwart Kevin Broll ist vor Stuttgarts Wataru Endo (r.) am Ball. Die Dresdner zeigen gegen den Aufstiegsfavoriten eine leidenschaftliche Leistung. ©  dpa/Robert Michael

Dresden. Es ist meist ein schwacher Trost, wenn einen der Gegner nach einer Niederlage lobt. In diesem wirklich sehr speziellen Fall aber ist das anders. Pellegrino Matarazzo macht Dynamo „ein großes Kompliment“, denn der Trainer des VfB Stuttgart hätte nicht erwartet, dass die Dresdner „nach so einer Situation so geschlossen und mit so viel Energie auf dem Platz stehen können“. Diese Erkenntnis zählt diesmal sogar mehr als das nackte Ergebnis, am Ende setzt sich der Aufstiegsfavorit beim Abstiegskandidaten mit 2:0 durch; bei aller Überlegenheit des VfB ist es dennoch keine klare Sache.

„Wir haben gezeigt, dass wir konkurrenzfähig sind, auch wenn noch nicht alles da ist“, sagt Markus Kauczinski. Dynamos Chefcoach hatte die wohl komplizierteste Vorbereitung auf ein Spiel in der 2. Bundesliga zu meistern, seit es den professionellen Fußball gibt: vier Wochen Zwangspause wegen des Coronavirus, genauso lange Training in kleinen Gruppen, zwei Tage als Team, positive Tests, zwei Wochen häusliche Quarantäne für alle, zweimal Mannschaftstraining, sieben Tage abgeschottet im Trainingslager in Dresden bis zum Anstoß am Pfingstsonntag.

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"Für das, was wir im Moment im Tank haben, war das ein gutes Spiel“, stellt Kauczinski danach fest – und ordnet die Ansprüche ein: „Wir haben nicht erwartet, dass wir nach einer Woche Training diese Top-Mannschaft an die Wand spielen, einen Sturmlauf über 90 Minuten machen und Stuttgart keine Luft zum Atmen lassen.“ Das wäre auch unter normalen Umständen ungewöhnlich gewesen. Die Gäste kontrollieren das Spiel, aber Dynamo ist keinesfalls chancenlos.

Godsway Donyoh hat sogar gleich in der vierten Minute eine richtig gute Gelegenheit, zieht den Ball jedoch aus spitzem Winkel parallel zum Tor. Man könnte den Konjunktiv bemühen und mutmaßen, wie es gelaufen wäre, hätte der Angreifer getroffen. Doch das bleibt genauso hypothetisch wie die Frage, ob Patrick Schmidt vor dem 0:1 schneller reagiert und nicht das Abseits aufgehoben hätte, wenn die Zwangspause nicht in Kopf und Beinen stecken würde. Beim Treffer von Hamadi Al Ghaddioui machen die Dresdner das, was sie seit März besonders eifrig üben mussten: Abstand halten.

Man hätte fürchten können, der frühe Rückstand wäre ein Rückschlag für Moral und Motivation. „Wir gegen den Rest der Welt“ – das Motto hatten die Ultras am Vorabend mit einem Feuerwerk am Elbufer ausgerufen. Kauczinski fand die Aktion sensationell. „Das war eine richtig gute emotionale Sache.“ Im Stadion aber fehlen die Fans. Im K-Block, wo sonst die lautstärksten stehen, hängt ein Transparent mit der Kampfansage: „Mit Wut im Kopf und klarem Verstand – zerstört ihr Gegner und Verband!“

Feuerwerk der Fans „sensationell“

Man merke jetzt erst recht, dass bei Geisterspielen das Salz in der Suppe fehlt, meint der Trainer hinterher, auch wenn er das leidige Thema lieber abhaken möchte, weil man es nun mal nicht ändern kann. Kapitän Florian Ballas räumt aber ein: „Im Stadion hat uns der zwölfte Mann absolut gefehlt, gerade in der kleinen Drangphase mit ein paar Standards, die wir hatten.“

Normalerweise wäre das Spiel mit mehr als 30.000 Zuschauern ausverkauft gewesen, doch wegen der Corona-Pandemie dürfen nur rund 300 Leute inklusive Spieler, Trainer und Betreuer ins Rudolf-Harbig-Stadion.
Normalerweise wäre das Spiel mit mehr als 30.000 Zuschauern ausverkauft gewesen, doch wegen der Corona-Pandemie dürfen nur rund 300 Leute inklusive Spieler, Trainer und Betreuer ins Rudolf-Harbig-Stadion. © dpa-POOL/Robert Michael

Das sind die Momente, in denen sonst der Lärmpegel im Rudolf-Harbig-Stadion explodieren kann, in denen durch die Emotionen ungeahnte Kräfte freigesetzt werden. „Mit einer vollen Hütte, wäre mehr drin gewesen“, meint jedenfalls Ballas. Dafür spricht einiges, für die Dresdner aber vor allem, dass sie zu keiner Zeit nachlassen, sich zu wehren, auch wenn die Gäste das Spiel kontrollieren.

„Wir wussten, dass wir nicht in den offenen Schlagabtausch gehen und das Tempo mitgehen können“, erklärt Kauczinski. Die eine oder andere Chance wird schon im Ansatz verspielt, wofür er Verständnis zeigt: „Man hat gemerkt, dass dieser letzte Zug, dieses letzte Tempo, die letzte Präzision und die letzte Konsequenz, die man braucht und die am meisten wehtut, uns noch fehlt.“

Kauczinski: Gegen Wiesbaden auf Top-Niveau

In dieser Einschätzung steckt das entscheidende Wort: noch. Wieder auf die Ausgangslage bezogen, war das also ein durchaus vielversprechender Anfang. „Wir haben gezeigt, dass wir da sind und einer Mannschaft wie Stuttgart, die in die Bundesliga aufsteigt, ein Unentschieden hätten abtrotzen können“, meint Kauczinski. „Wir haben nicht nur gekämpft, sondern gute Angriffe gehabt und guten Fußball gespielt.“ Diese Erkenntnis ist bereits ein Mutmacher für die nächsten Aufgaben, die mit dem Auswärtsspiel am Mittwochabend bei Hannover 96 nicht leichter werden.

Dynamos Trainer Markus Kauczinski rechnet vor: "Wir müssen vier Spiele gewinnen, und wenn es die letzten vier sind, ist es mir auch egal.“
Dynamos Trainer Markus Kauczinski rechnet vor: "Wir müssen vier Spiele gewinnen, und wenn es die letzten vier sind, ist es mir auch egal.“ © dpa/Robert Michael

Die Chancen im Kampf um den Klassenerhalt sind mit der Niederlage zum Neustart natürlich nicht besser geworden, aber sie sind nach wie vor intakt. Als Tabellenletzter hat Dynamo sechs Punkte Rückstand auf den Relegations- und acht auf den ersten Nichtabstiegsplatz. Bei drei ausstehenden Nachholspielen wären sogar neun Zähler drin. Kauczinskis Ansatz für die Aufholjagd: „Wir müssen vier Spiele gewinnen, und wenn es die letzten vier sind, ist es mir auch egal.“

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Die besonders schwierigen Umstände sollen keine Rolle mehr spielen. „Wir haben es angenommen, wir jammern nicht“, betont der 50-Jährige – und er kündigt an: „Spätestens zum Spiel gegen Wiesbaden sind wir in Top-Verfassung.“ Im nächsten Geisterheimspiel gegen den derzeitigen Tabellenvorletzten am Samstag soll dann außer der Leistung das Ergebnis stimmen. Ein Lob vom Gegner würde sonst wirklich keinen mehr trösten.

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