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Galerist ohne Gardinen

Es ist eine ungewöhnliche Schau, die derzeit in der Galerie Klinger in Liegau zu erleben ist.

© Thorsten Eckert

Von Jens Fritzsche

Liegau-Augustusbad. Der Liegauer Galerist Eberhard Klinger kennt diese Geschichten auch aus seiner eigenen Stasi-Akte, sagt er. „Da gibt es zum Beispiel einen Bericht über unsere Wohnung, und da ist der Stasi aufgefallen, dass wir keine Gardinen hatten, und das offenbar auch noch ganz bewusst so wollten“, sagt er lachend. Man stelle sich mal vor, wundert sich der Galerist noch immer, „da kümmert sich ein Geheimdienst darum, ob wir uns bewusst keine Gardinen an die Fenster hängen.“ Und zu allem Überfluss wurde daraus dann auch noch konstruiert, „dass wir offensichtlich nicht in die sozialistische Norm gepasst haben, so ganz ohne Gardinen.“ Heute, verrät der Liegauer Galerist, liest er diese Passagen aus seiner Akte gern mal bei Familienfeiern vor. „Zur Belustigung“, fügt er dann noch an.

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So ähnlich ging es auch der Künstler-Gruppe Clara Mosch aus Karl-Marx-Stadt, der Eberhard Klinger in seiner Galerie an der Schönborner Straße derzeit eine spannende Ausstellung gewidmet hat. 1977 hatten sich im damaligen Karl-Marx-Stadt die vier ehemaligen Leipziger Kunststudenten Michael Morgner, Thomas Ranft, Gregor-Torsten Schade und Dagmar Ranft-Schinke sowie der Autodidakt Carlfriedrich Claus zusammengetan. Der ungewöhnliche Name der Künstlervereinigung geht dabei auf die Anfangsbuchstaben der Nachnamen zurück. Und natürlich hatten nicht nur die Kulturfunktionäre, sondern eben auch die Leute von der Staatssicherheit umgehend ein argwöhnisches Auge auf die fünf Künstler. Man vermutete natürlich umstürzlerische Gedanken in den Köpfen der Truppe. „Dabei waren sie in erster Linie keine politischen Umstürzler, sondern sie hatte einfach nur keine Lust auf die vorgegebene Kunst, auf den sogenannten sozialistischen Realismus“, weiß Eberhard Klinger. Die Fünf wollten ihre eigenen künstlerischen Wege gehen. „Aber rund 150 inoffizielle Mitarbeiter waren am Ende auf sie angesetzt – und das Schlimme war, die hatten zu großen Teilen gar keine Ahnung von Kunst“, sagt der Galerist kopfschüttelnd.

1980 hatte Eberhard Klinger beim Kunsthandel der DDR angefangen, übernahm dann 1981 in Görlitz die Galerie am Schönhof. „Und ich wollte Clara Mosch unbedingt ausstellen“, sagt er. Aber kurz darauf hatte sich die Künstler-Gruppe aufgelöst. Die Nervereien durch den Kulturbund waren zu groß; die Spielräume für die Künstler immer enger. „Aber ich habe zumindest dann Einzelausstellungen organisiert“, macht Eberhard Klinger deutlich, dass der Kontakt über all die Jahre durchaus eng war. Und als sich nun die Gründung der Gruppe zum 40. Mal jährte, startete der Liegauer erneut einen Versuch. Einen erfolgreichen. Er holte aktuelle Werke der noch lebenden vier Mitglieder nach Liegau, ergänzt durch Bilder des 1998 verstorbenen Carlfriedrich Claus. Und das macht wohl den größten Reiz dieser spannenden Schau aus – nämlich die Künstler nicht in ihrer Vergangenheit zu zeigen, sondern in der Gegenwart. Zu zeigen, dass es sie noch immer gibt. Und die Ausstellung präsentiert zudem sehr persönliche Bilder von Michael Morgner, die das Leiden und Sterben seiner an Krebs erkrankten ersten Ehefrau zeigen. „Bilder, die er noch nie öffentlich gemacht hat.“ Zeichen für das große Vertrauen in Eberhard Klingers Arbeit.

Noch bis zum 28. Oktober ist diese ungewöhnliche Ausstellung zu sehen.

Am 20. Oktober, um 19 Uhr, wird es im Rahmen der Ausstellung eine besondere Lesung geben: Thomas Ranft hat Bücher unter dem fiktiven Namen Michael Dinski herausgebracht, aus denen der Dresdner Schauspieler Peter Härtwig liest. Der Eintritt ist frei.