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Fast wie Schwester Agnes

Zur Entlastung der Hausärzte kann verstärkt medizinisches Praxispersonal Hausbesuche übernehmen. Mit einem Haken.

© ullstein bild

Von Ulrike Keller

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Werner Fischer duzt jeden. Auch Simone Apitz – oder Schwester Simone. „Jetzt kommst du endlich mal raus aus deinem Käfig“, begrüßt der 80-Jährige die Praxisschwester in seiner Junggesellenwohnung auf dem Pirnaer Sonnenstein. „Hier kriegst Du mal frische Luft.“ Schwester Simone lacht und legt ihre blaue Arbeitstasche auf den Couchtisch. Sie weiß den früheren Reisebusfahrer mit seinen flotten Sprüchen zu nehmen. Bisher kam der schwer Zuckerkranke immer noch selbst in die Praxis von Hausärztin Christine Kosch. Doch seit einem Sturz machen die Beine nicht mehr gut mit. Er ist neu auf Insulin eingestellt. Die Werte müssen überprüft werden. Deshalb schaut Schwester Simone vorbei.

Schwester Simone auf Hausbesuch: Bei dem 80-jährigen Patienten Werner Fischer in Pirna-Sonnenstein misst sie erst den Blutdruck, dann sieht sie sich die Blutzuckerwerte des Diabetikers an. Geschickt wird Simone Apitz von der behandelnden Hausärztin. Diese

Sie macht das, wofür im Osten seit dem beliebten Fernsehfilm in den 70er-Jahren Agnes Kraus als Schwester Agnes stand. Die Entfernungen überwindet Schwester Simone zwar mit einem schwarzen Stadtflitzer statt einer weißen Schwalbe. Doch im Auftrag ihrer Chefin Christine Kosch fährt sie regelmäßig zu jenen Patienten, die nicht mehr mobil sind, und betreut sie professionell daheim. Genau das tut sie bereits seit 15 Jahren.

Anscheinend als eine von zu wenigen. Krankenkassen und Kassenärztliche Vereinigung Sachsen jedenfalls wollen dem Schwester-Agnes-Modell im Freistaat zum Comeback verhelfen. Dafür haben sie den Namen „nichtärztliche Praxisassistentin“ erfunden. Der Einsatz dieser medizinischen Fachkraft wird seit August verstärkt gefördert. Heißt: Seitdem darf Hausärztin Christine Kosch statt bisher 5,10 Euro pro Hausbesuch ihrer Mitarbeiterin 17 Euro bei den Krankenkassen abrechnen. Zur Finanzierung stellen die Krankenkassen im nächsten Jahr bundesweit 118 Millionen Euro zusätzlich bereit. Die Investition soll die Hausärzte entlasten und den Versicherten eine bessere Versorgung garantieren.

Der Haken daran: Die höhere Pauschale wird nur dann gezahlt, wenn die Schwester auch die Weiterbildung zur „nichtärztlichen Praxisassistentin“ absolviert. Nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen besitzen im Freistaat aktuell 39 medizinische Praxisangestellte diese Qualifikation, im Landkreis sind es drei.

Weshalb es bislang nur eine so überschaubare Zahl ist? Bei einer stichprobenartigen Telefonumfrage unter 15 Hausärzten in der Region wiederholen sich die Begründungen: Die Weiterbildung sei zu kosten- und zeitintensiv, der Inhalt weitgehend identisch mit dem, was schon in der Ausbildung gelernt und bei der täglichen Arbeit gefestigt wurde, heißt es. Außerdem könne der Hausarzt noch immer deutlich mehr abrechnen, wenn er selbst die Hausbesuche wahrnimmt.

Die Pirnaer Medizinerin Christine Kosch bestätigt: „Hausbesuche sind immer ein Zuschussgeschäft, doch sie gehören zu den Kernaufgaben der Hausärzte.“ Sie in geeigneten Fällen in die Hand von medizinischem Fachpersonal zu legen, hält sie für eine hilfreiche Möglichkeit, um Zeit zu gewinnen für eben jene Arbeit, die nur sie als Ärztin machen darf. Grundsätzlich findet sie es sinnvoll, dass Ärzte finanziell dabei unterstützt werden, ihr Personal zu qualifizieren. Mindestens 40 Stunden Weiterbildung jährlich absolviert jede ihrer Mitarbeiterinnen seit Jahren. Schwester Simone erwirbt gerade den Abschluss als Praxisassistentin. Trotz über 30 Jahren im Beruf, der Zusatzqualifikation Diabetesassistentin und vielen Jahren Hausbesuchserfahrung.

Werner Fischer sitzt freudig auf seiner Couch in Pirna-Sonnenstein und genießt die Abwechslung vom Alleinsein. Der Blutdruck ist gemessen. Jetzt studiert Schwester Simone das Büchlein mit den täglichen Blutzucker-Werten der vergangenen Wochen. Bevor sie zu Hausbesuchen aufbricht, bekommt sie von ihrer Chefin genaue Instruktionen, was beim jeweiligen Patienten zu prüfen und in puncto Rezepte zu besprechen ist. Im Akutfall eine Diagnose stellen, das darf sie aber nicht – das bleibt Sache des Hausarztes.

Auch ein Rezept in der Tasche

„Wie es aussieht, bräuchten Sie auch zu den Mahlzeiten Insulin“, setzt sie vorsichtig an. Der Rentner verstummt kurz. „Ich nehme auch Tabletten“, wendet er ein, und legt nach: „Einen Schnaps mehr trinken, geht das auch?“ Schwester Simone redet ihm ruhig ins Gewissen, er solle bis zum nächsten Mal darüber nachdenken.

Dann zaubert sie eine Überraschung aus der Tasche: „Ich habe Ihnen ein Rezept mitgebracht für eine Strumpfanziehhilfe“, sagt sie. Schon länger quält er sich mit einem Fuß. Langsam packt sie zusammen, legt das Büchlein mit den Zuckerwerten zurück auf den Küchentisch, desinfiziert sich die Hände. „Ach, bleib doch noch ein bisschen hier“, bittet Werner Fischer. „Ich muss arbeiten“, erklärt sie freundlich. In der Innenstadt wartet schon Ursula Schaffrath. Die 85-Jährige hat mehrere chronische Krankheiten, darunter Herz-Rhythmus-Störungen. Zur Vorbeugung von Blutgerinnseln nimmt sie Tabletten zur Blutverdünnung. Ihr Blutgerinnungswert muss bestimmt und daran die Dosis der Medikamente angepasst werden. Doch Werner Fischer vertritt eine andere Logik: „Du hast doch jetzt genug gearbeitet hier.“

Simone Apitz beeilt sich bei ihren Patienten. Nie aber hetzt sie. Ihre Chefin gibt ihr so viel Zeit, wie sie braucht. „Zuhören und auf die Patienten eingehen, gehört dazu“, weiß Christine Kosch. Im Vergleich zu Pflegediensten grenzt das schon an Luxus, den Schwester Simone zu schätzen weiß. Sie hat die Erfahrung gemacht: Etwas sehr schnell mit den älteren Leuten zu besprechen, bringt gar nichts. Dann bleibt nur die Hälfte hängen. Und das nächste Mal muss sie von vorn beginnen.

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