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Ein bisschen Toskana mitten in Sachsen

Im Garten des Verlegers Georg Joachim Göschen in Grimma weilte einst Schiller. Und Johann Gottfried Seume plante seinen Spaziergang nach Sizilien.

Verwunschen wie vor 200 Jahren: Museumsleiter Thorsten Bolte im Göschengarten in Grimma.
Verwunschen wie vor 200 Jahren: Museumsleiter Thorsten Bolte im Göschengarten in Grimma. © Ronald Bonß

Eines Tages schulterte der Dichter Johann Gottfried Seume seinen Seehundfell-Tornister im sächsischen Grimma und ging los, südwärts, in Richtung Sizilien. Kein Flugzeug wartete auf ihn im Dezember 1801, nur eine sehr lange Wanderung voller Gefahren. Seume warf noch einen Blick zurück auf Grimma, wo er in den letzten Jahren beim Verleger Georg Joachim Göschen gearbeitet und dessen Sommersitz gehütet hatte: „Göschens herrliche Siedelei, wo wir so oft gruben und pflanzten und jäteten und plauderten und ernteten, und Kartoffeln aßen und Pfirschen.“ So notierte er es zwei Jahre später, in seinem Buch „Spaziergang nach Syrakus“.

Die „Siedelei“ gibt es noch heute, im Grimmaer Stadtteil Hohnstädt, vor den Toren Leipzigs. Nur wenige Minuten nach der Autobahnabfahrt erreicht man das Göschenhaus und seinen um 1800 angelegten, über 4.000 Quadratmeter großen Garten. Er ist Sachsens einziger erhaltener klassizistischer Privatgarten. 

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Trotz der Nähe zur Autobahn ist es still. Man hört wenig außer Vogelgesang und die Glocke der unweit gelegenen Kirche. Wein rankt am gelben Haus mit den Sprossenfenstern und den grünen Fensterläden empor. Göschenhaus und Göschengarten sind so gut und original erhalten, weil das Anwesen bis ins 20. Jahrhundert in Familienbesitz war. Seit einigen Jahren gehört es der Stadt Grimma. 

Vor Gläubigern geflohen

Heute ist die Anlage ein Museum, mit zwei Mitarbeitern und ungefähr 10.000 Besuchern pro Jahr, zumindest in virusfreien Zeiten. „Wir haben viele Reisegruppen“, sagt der Chef des Refugiums, Thorsten Bolte. „Die fehlen uns jetzt doch sehr. Aber ich will nicht meckern, die Stadt finanziert uns, es geht weiter, und wir haben einen Gärtner, der drei Tage die Woche kommt.“

Der Göschengarten ist zugänglich zu den Öffnungszeiten des Museums, Mittwoch bis Sonntag von 11 bis 16 Uhr. Es lohnt sich, eine der stündlich angebotenen Museumsführungen mitzumachen. Thorsten Bolte ist Germanist und Kenner von Seume, Göschen und der intellektuellen Welt um 1800. Schnell wird deutlich: Das ist keine staubige, veraltete Angelegenheit, die hier gehütet wird, auch wenn das Haus häufig mit Feuchtigkeit und bröckelnden Stellen kämpft und demnächst wieder saniert werden muss. Was die Menschen im Göschenhaus und im Garten in Hohnstädt einst umtrieb, ist höchst aktuell.

© Ronald Bonß

Göschen stammte aus Bremen. Sein Vater hatte, auf der Flucht vor Gläubigern, die Familie verlassen. Die Mutter starb früh. Göschen lebte einige Zeit auf den Straßen seiner Heimatstadt, bevor ihn eine befreundete Familie aufnahm und er eine Lehre zum Buchhändler machte. Bald packte ihn der Ehrgeiz, Bücher zu verlegen. Deshalb zog Göschen nach Leipzig, in die Hauptstadt des Buchhandels.

Nicht nur religiöse Bücher nahm er ins Programm oder Ratgeber. Sondern Werke, die sich an der Zeit rieben, die mithilfe der Vernunft Auswege suchten aus gesellschaftlicher Erstarrung, Vetternwirtschaft und jahrhundertealter Vorherrschaft des Adels und der Kirche. Göschen publizierte auch Bücher von Goethe, Schiller, Wieland. Schiller wechselte aber den Verlag. Als er 1801 die Göschens besuchte, auf der heute noch erhaltenen weißen Gartenbank saß und seinem Kind beim Herumtoben zusah, war die Stimmung eher angespannt.

Heute stehen viel mehr Häuser

Johann Gottfried Seume war zunächst als Korrektor für Göschen tätig, später wurde er Autor. Seine Manuskripte lassen heute noch erahnen, dass Göschen die Texte gelegentlich glätten, Spitzen herausnehmen ließ. Göschen war ein vorsichtiger Mann, der seinen Verlag, seine Mitarbeiter und seine Familie nicht gefährden wollte. Jedes Buch musste damals der Zensurbehörde vorgelegt werden.

Göschen führte seine Geschäfte erfolgreich, hatte eine vermögende Frau geheiratet und konnte 1795 das Gut kaufen. Seine Druckerei verlegte er nach Grimma. Auf dem Gut lebte er den Sommer über mit Frau und Kindern. Die dazugehörigen Ländereien verpachtete er. Der Hang am Haus wurde zu einem englischen Landschaftsgarten mit Figuren, geschwungenen Wegen, Laubengang, Freilichtbühne und einem kleinen griechischen Pavillon mit Terrasse und Säulen aus Holz – ein Geschenk an seine Frau Henriette. An vielen Stellen des Gartens konnte man sich setzen, auf das Tal der Mulde und die hügelige Landschaft blicken. „Heute ist leider der Ausblick zugewachsen, und es stehen sehr viel mehr Häuser“, sagt Thorsten Bolte.

© Ronald Bonß

Dennoch, wenn man auf einer der Steinbänke unter einer alten Eiche sitzt, die auch zu Seumes Lieblingsplätzen gehörten, ahnt man, wie sich die Gartenbesucher gefühlt haben müssen an milden Tagen: Als schauten sie auf toskanische Hügel, auf eine Traumlandschaft.

Für jedes Kind eine Pappel

Lieblich waren die Zeiten, in denen sich der Garten entwickelte, nicht. Napoleonische Truppen besetzten Sachsen, 1813 wurden sie wieder vertrieben. Während die Menschen erlebten, wie rasch der Traum von Weltverbesserung in Weltzerstörung münden kann, wurde heftig diskutiert über Heimat, Nation, Identität. Seume aber, mit scharfem Blick, notierte: „Dem gewöhnlichen Menschen ist das Vaterland, wo ihn sein Vater gezeugt, seine Mutter gesäugt hat; dem Kaufmann, wo er die höchsten Prozente ergaunern kann; dem Soldaten, wo der Imperator den besten Sold zahlt: dem ehrlichen Vernünftigen Manne, wo am meisten Freyheit, Gerechtigkeit und Humanität ist. Also findet der letzte nur selten sein Vaterland.“

Auch im Göschenhaus blieben Schicksalsschläge nicht aus. Von den zehn Kindern überlebten nur sechs den Vater. 1810 starb der Freund Seume, mit 47 Jahren. Im Juni 1816 heiratete die jüngste Tochter der Göschens. Von der Trauung, der Feier auf dem Gut und im Garten ist ein Bericht überliefert, der schildert, wie Segenswünsche vorgetragen wurden und Gedichte. Ein halbes Jahr später starb der Bräutigam. Sein Kind lernte er nie kennen.

Göschen, der 1828 starb, hat in seinem Garten Pappeln gepflanzt für seine Kinder. Zu sehen sind heute einige Nachpflanzungen. Pappeln ergeht es wie Menschen: Ihre Lebensspanne ist sehr überschaubar.

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