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Garten statt Wellnesshotel

Viele Familien mussten für die Osterferien umplanen. Besonders jetzt fehlt den Schülern der Kontakt zu Freunden.

Statt im Wellnesshotel verbringen Nadine Tändler und Oliver Beyer mit Colin und Frieda die Ferien im Garten.
Statt im Wellnesshotel verbringen Nadine Tändler und Oliver Beyer mit Colin und Frieda die Ferien im Garten. © Dietmar Thomas

Region Döbeln.  Eigentlich wollte Familie Tändler aus Roßwein am Donnerstag zum Kurztrip in ein Wellness-Hotel fahren. Doch wie viele andere Reisen in Mittelsachsen ist auch diese der Corona-Krise zum Opfer gefallen. Auch Ausflüge zu den Verwandten nach Leipzig sind in diesen Ferien nicht möglich. „Viele haben sich auf den Besuch bei ihren Großeltern gefreut oder auf kleinere Unternehmungen mit den Freunden“, sagt David Rennert vom Kreisschülerrat. All dies falle nun weg. Doch was machen die Schüler nun eigentlich mit der vielen Freizeit?

Die Freizeitgestaltung bleibt eine Herausforderung, auch in den Ferien. „Wir lernen, versuchen, viel Zeit an der frischen Luft zu verbringen, natürlich den Ausgangsbeschränkungen entsprechend, und probieren verschiedenste Dinge aus. Für was sonst selten Zeit war, kann jetzt in Angriff genommen werden“, meint Rennert, der am Gymnasium Mittweida lernt.

Familie und Kinder
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Nadine Tändler ist froh, dass die Familie einen Garten hat. Dort ist der zehnjährige Colin, der normalerweise die vierte Klasse der Grundschule am Weinberg in Roßwein besucht, jetzt öfter mit seinem Vater zu finden. Die beiden bereiten den Aufbau eines Pools vor. „Ich denke nicht, dass das Freibad in diesem Jahr aufmachen wird.

 Deswegen bauen wir einen eigenen Pool“, sagt Tändler. Und auch sonst geht die Familie oft an die frische Luft, sei es zu Spaziergängen mit dem Kinderwagen und der 14 Wochen alten Schwester von Colin oder zum Wandern. „Und dann wird natürlich gespielt, zum Beispiel Federball“, sagt die 38-Jährige. Auch in der Küche hilft der Sohn mit, bäckt mit seiner Mutter Kuchen.

Kontakte über das Internet

Es ist auch ein bisschen Glück, dass Nadine Tändler gerade jetzt in Elternzeit ist. „Sonst wüsste ich gar nicht, wie ich das machen soll“, sagt die 38-Jährige. Seit der flächendeckenden Schließung der Schulen in Deutschland ist ihr Sohn zu Hause. „Das fällt ihm schon sehr schwer“, sagt seine Mutter. 

Vor allem der Kontakt zu den Kumpels fehle, die er oft getroffen hat. Viele ältere Schüler halten vor allem auf virtuellem Weg den Kontakt aufrecht. Über WhatsApp-Gruppen, Videokonferenzen, Gruppentelefonate oder Chatportale, sagt David Rennert vom Kreisschülerrat, Colin nutzt all das nicht. Selbst telefonieren wollte er bisher nicht, sagt Tändler. Auch der Kontakt zu den Großeltern fehle. „Seine Uroma ist 82 Jahre alt und lebt in Waldheim. Die leidet ganz schön darunter“, so Tändler.

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„Die Situation ist für die Kinder schon dramatisch. Sie können ihre Freunde nicht sehen. Telefon und Videochats können das nicht ersetzen“, meint Carsten Forberg aus Döbeln. Seine Tochter, die die zehnte Klasse des Döbelner Lessinggymnasiums besucht, verbringe ihre Freizeit sonst im Fußball- oder Tanzverein. 

Aber sowohl Training als auch Spiele und Auftritte sind abgesagt. Ähnlich sieht es bei Colin aus, der auch zweimal pro Woche zum Fußballtraining gegangen ist. „Das komplette soziale Leben der Kinder und Jugendlichen ist zum Erliegen gekommen“, sagt Forberger.

Theoretisch dürften die Jugendlichen noch nicht einmal ihre Partner sehen, so Forberger. „Natürlich fehlt auch die physische Interaktion, aber mit den genannten Formaten können wir die ungewohnte Situation recht gut meistern“, so die Erfahrung von Rennert. Trotzdem belaste die soziale Distanziertheit und die Gebundenheit. Am schlimmsten aber sei die Ungewissheit. „Keiner kann sagen, wie es nach der Krise weitergeht.“ Jedoch habe die Tatsache, dass es feste Beschlüsse für die Abschlussprüfungen gibt, immens geholfen.

Gerade die Schüler der Abschlussjahrgänge werden auch die Ferien nutzen, um zu lernen. Aber auch viele andere der knapp 27.900 Schüler in Mittelsachsen werden sich mit Schulstoff beschäftigen. So auch zwei der drei Kinder von Rechtsanwalt Axel Buschmann aus Döbeln. 

Seine jüngste Tochter besucht die sechste Klasse des Döbelner Lessing-Gymnasiums, sein mittelster Sohn die achte Klasse. „Sie kommen ganz gut zurecht, aber haben schon noch ein bisschen Schulstoff übrig“, meint der Elternsprecher des LGD. Dass die Lehrer den Schülern zuviel Stoff überlassen, sei seiner Erfahrung nach nicht der Fall.

Schüler brauchen viel Selbstdisziplin

Im Hause Forberger sitze die Tochter an manchen Tagen von 8 bis 18 Uhr über den Aufgaben. „Da müssen wir sie als Eltern schon manchmal stoppen“, meint ihr Vater. Und auch in den Ferien gebe es noch Aufgaben zu erfüllen. Seine Tochter habe den Eindruck, dass der Stoff, der nun vermittelt wird, mehr ist als das, was die Schüler normalerweise im Unterricht lernen. Forberger hat aber auch für die Lehrer Verständnis. „Alle mussten sich erst mal rantasten und ein gesundes Maß finden. Es fehlt ja an Erfahrungswerten.“

Aus Sicht des Kreisschülerrates geben sich die Lehrer im Kreis wirklich Mühe, der Verantwortung gerecht zu werden. „Das Pensum an Lernstoff liegt meiner Ansicht nach unter dem gewohnten Umfang bei ‚normalem‘ Unterricht“, meint Rennert. Das Lernen zu Hause mit genauen Anweisungen und freier Zeiteinteilung sei zwar angenehm, es erfordere aber auch viel Selbstdisziplin. „Hier ist meiner Meinung nach Druck seitens der Lehrer und Eltern notwendig, um vor allem auch Schüler unterer Klassenstufen motiviert zu halten.“

Nadine Tändler versucht das über einen Tagesplan. So hat der Alltag Struktur bekommen. Es ist Zeit für die Schulaufgaben eingeplant, für Bewegung im Freien, aber auch für die Nutzung von Handy und Fernsehen. „Colin hat immer gefragt, wann es rausgeht oder wann er fernsehen darf, Jetzt stehen die Zeiten dafür fest“, sagt die Mutter, die nicht will, dass ihr Kind den ganzen Tag vor dem Fernseher verbringt. „Wir haben gut zwei Wochen gebraucht, um uns in die Situation einzufinden.“

Einen so strukturierten Tag wie bei Tändlers gibt es aber längst nicht überall. Die viele Zeit zusammen zu Hause kann auch zu Konflikten führen. Befürchtet wurde mitunter, dass die häusliche Gewalt zunimmt. Zumindest in Sachen Kindeswohlgefährdung scheint das in Mittelsachsen nicht der Fall zu sein.

 „Es erreichen den Allgemeinen Sozialen Dienst nicht mehr Hinweise zu möglichen Kindeswohlgefährdungen im Vergleich zum Zeitpunkt vor den Ausgangsbeschränkungen und den Schulschließungen“, sagt die Leiterin der Abteilung Jugend und Familie Heidi Richter. Meist erhielten die Mitarbeiter Hinweise aus der Bevölkerung und Nachbarschaft. Es werde jedem Hinweis nachgegangen und die Fälle genau geprüft, so Richter. „Unter Einhaltung von Schutzmaßnahmen sind auch Hausbesuche nicht ausgeschlossen.“

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