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Gasthaus wird Wohnhaus

Das Restaurant Grünaue galt früher als Treff von Keglern und Fußballfans. Jetzt hat sich ein Retter für das Denkmal gefunden.

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Von Christoph Scharf

Im Ziegeldach klaffen Löcher, viele Fensterscheiben fehlen, der Putz scheint nur noch vom Efeu gehalten zu werden: Das frühere Restaurant Grünaue an der Großenhainer Straße zeigt deutliche Spuren des Verfalls. Das war vor genau 100 Jahren noch anders: Fröhlich flattert die schwarz-weiß-rote Kaiserreichsfahne über dem Biergarten, der Wirt steht einladend im Hoftor, ein kurioses Auto knattert vorüber.

Diese Ansicht schickte eine Martha aus Meißen am 3. Juli 1914 auf die Reise. Da waren die Schüsse von Sarajevo, die den Ausgangspunkt für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs bildeten, gerade erst fünf Tage verhallt. In Meißen wurde zu dem Zeitpunkt noch fröhlich getrunken und gekegelt. Das blieb auch noch ein halbes Jahrhundert so: Erst 1964 schloss die Gaststätte endgültig, sagt eine Nachbarin.

Bald soll es allerdings mit der Ruhe auf dem Grundstück direkt neben der Waschstraße der Aral-Tankstelle vorbei sein. Der Bauzaun am Eingangstor steht jetzt an manchen Tagen offen. Der Vorhof wurde mit Mineralgemisch aufgeschüttet, aus dem Fundament wachsende Bäume gefällt, Müll beräumt. Vor allem aber verschwand in den vergangenen zwei Wochen die Kegelbahn auf dem hinteren Grundstücksteil, wo wohl noch Anfang der 80er die Kugel rollte. Dabei spielte der einstige Wirt eine wichtige Rolle im Meißner Kegelsport, sagt Dieter Schönberg vom Ostsächsischen Keglerverband. „Der hat schon 1905 beim 9. Sächsischen Bundeskegeln den Ausschank gemacht.“ Zuletzt war in der Grünaue allerdings nur noch Klubkegeln möglich, weil große Investitionen in die Anlage ausblieben. Zwischenzeitlich hatte sich die Gaststätte dafür zum Treffpunkt von Fußballfans entwickelt, die sich nach den Spielen im Stadion Heiliger Grund dort trafen.

Ein Stammtisch wird sich an der kurzen Straße Grüne Aue allerdings wohl nicht mehr bilden. „Wir wollen in dem Haus Wohnungen vorrichten“, sagt der neue Eigentümer der Immobilie, ein Privatmann aus der Gegend von Radeburg. Zunächst wird das Areal allerdings nur gesichert und beräumt. „Ein Termin für den Baubeginn ist noch offen.“ Derzeit hätten die Baufirmen noch genug zu tun. Eine Gaststätte soll in dem Gebäude demnach nicht wieder entstehen. Der historische Anblick allerdings bleibe erhalten.

Das einstige Restaurant dürfte manch Meißner aus seiner Kindheit kennen: Ab den 60er Jahren war dort ein Schulhort untergebracht, bevor ein Vermessungsbüro das Erdgeschoss nutzte. Die letzten Bewohner zogen vor der Wende aus.