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Freitaler Gastwirt in der Krise

Michael Schulze hat viel Geld in den Gasthof Pesterwitz investiert. Dann kam die Zwangsschließung wegen Corona. Nun bangt er um seine Existenz.

Leere Tische: Der Wirt des Gasthofs Pesterwitz, Michael Schulze, sieht noch keine Chance wieder zu öffnen.
Leere Tische: Der Wirt des Gasthofs Pesterwitz, Michael Schulze, sieht noch keine Chance wieder zu öffnen. © Egbert Kamprath

Vor ein paar Tagen kam der Moment, da musste sich Michael Schulze alles von der Seele schreiben: die Angst um seine finanzielle Zukunft, den Frust über all die Umstände, den Ärger über manch taktlosen Kommentar. Zweieinhalb A-4-Seiten sind es geworden, Schulze hat sie bei Facebook eingestellt. Die Ansichten eines Gastwirtes zur Lage, seitdem Corona insbesondere seine Branche ausbremst. "Ich musste mich mal erklären, denn ich bin es leid, mich ständig rechtfertigen zu müssen", sagt er.

Der 55-Jährige ist der Betreiber des Gasthofes Pesterwitz. Vor 16 Jahren übernahm er das Haus. Bis dato wechselten dort die Wirte im Zweijahresrhythmus. "Auch auf uns schloss man Wetten ab, wie lange wir wohl durchhalten würden", erinnert sich Schulze. 

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Schulze krempelte das Haus um. Zunächst renovierte er und richtete es neu ein, sodass 2005 Eröffnung gefeiert werden konnte. Dann beseitigte er schrittweise den Sanierungsstau, oft aus eigener Tasche obwohl er Pächter war und das Objekt einer Bank gehörte. 2008 kam aus seiner Sicht der erste Tiefschlag. Das Nichtrauchergesetz wurde eingeführt und die Gäste straften die Wirte erst einmal mit Abwesenheit. Michael Schulze setzte auf ein zweites Standbein - das Mittagsstübchen wurde eröffnet und bietet seitdem wochentags frisch gekochte, preisgünstige Gerichte an. 

Der Gasthof Pesterwitz liegt zwar zentral mitten im Ort, allerdings abseits der großen Touristenströme. "Hierher kommt nur, wer uns kennt", sagt Schulze. Er lebe von den Stammgästen, die bei ihm ihre Klassentreffen durchführen, Geburtstage feiern oder einfach mal am Abend essen gehen wollen. Einige Vereine und Stammtische kommen regelmäßig. Und genau deshalb sei solch ein Gasthof auch wichtig für den Ort. "Wir sind doch ein wichtiger gesellschaftlicher Ort, wo man sich trifft, wo man zusammenkommt, wo Heimat ist. Leider verschwinden immer mehr Gaststätten in den Dörfern."

Erfahrungen mit Rückschlägen

Auch Michael Schulze wäre als Unternehmer in der Gastronomie beinahe schon verschwunden gewesen. 2002 hatte er gerade seine Unterschrift unter den Kaufvertrag für die Ballsäle Coßmannsdorf gesetzt, ein Herzensprojekt, wie er sagt, als die Flut kam. Von der Versicherung habe er damals keinen Cent gesehen, weil der Vertrag noch nicht rechtskräftig gewesen sei. Schulze beantragte daraufhin Soforthilfe und bekam einen niedrigen vierstelligen Betrag überwiesen. "Das war alles", erinnert er sich. Er steckte dennoch viel Geld ins BC, um die Ballsäle wieder auf die Beine zu stellen. 2004 gab er - nach 300.000 Euro Miese - auf und zog nach Pesterwitz. Auf den Berg komme kein Hochwasser, dachte er damals. 

Und der Gasthof Pesterwitz schien tatsächlich krisenfest zu sein. 2011 kaufte die Familie Schulze das gesamte Objekt mit dem Gasthof und mehreren Wohnungen. Dann nahm sie einen Kredit auf und begann zu bauen.  Die Schulzes erweiterten den Gesellschaftsraum, errichteten eine Pension, gestalteten den Biergarten um und bauten an der Straßenseite eine Terrasse an. Urlaub und freie Tage gönnte sich Michael Schulze eher selten. "Ich bin bekennender Workaholic", sagt er und schmunzelt. 

Weil die Gastronomie genügend abwarf, verwirklichten Michael Schulze und seine Familie ihren Traum vom Haus in Pesterwitz, in bester Lage am Hang. Der Gastwirt hatte sich das alles genau durchgerechnet: "Mit dem Restaurant und dem Mittagsstübchen arbeite ich kostendeckend, die vielen Gesellschaftsfeiern an den Wochenenden sichern den Gewinn." Davon finanziert er das Eigenheim, es soll mal sein Ruhesitz werden. Und der Gasthof sowie die Wohnungen sollen die Rente sichern. 

Was Schulze nicht auf der Rechnung hatte, war das Bewirtschaftungsverbot aufgrund der Corona-Pandemie. Seit zehn Wochen muss er sich nun durchbeißen. Statt in der Küche am Herd, wo er sich am wohlsten fühlt, arbeitet Schulze jetzt oft im Büro. "Ich kämpfe mit Vorschriften, Anträgen, Papier. Ich telefoniere den ganzen Tag. Ich muss mich um meine zwölf Mitarbeiter und die Azubis kümmern. Und nachts kann ich nicht schlafen." 

Er fürchtet um sein Haus, seine Existenz, um alles, was er sich seit 2004 neu aufgebaut hat. 15 Kilo hat er seit Mitte März zugenommen - die Untätigkeit, die Sorgen, das Herumsitzen legen sich bei ihm auf die Figur. Um finanziell über die Runden zu kommen, hat er einen Kredit aufgenommen. "Viele Kosten laufen ja weiter." 

"Das sieht ja schlimmer aus als zu DDR-Zeiten in der Mitropa"

Das Mittagsstübchen rette ihn ein bisschen, nicht wirtschaftlich, man arbeite da noch nicht mal kostendeckend, sagt er. "Aber wir haben wenigstens was zu tun, können etwas machen, man kommt sich sonst so hilflos vor." Und außerdem fühle er sich den Handwerkern, Angestellten und Rentnern, die bei ihm mittags Essen holen, verpflichtet. "Es gab doch während Corona noch ganz viele Menschen, die gearbeitet haben. Die wollen doch nicht jeden Tag nur aus der Brotdose leben."

Nun kann er auch den Gasthof wieder öffnen - doch der bleibt erst einmal zu. Warum? Michael Schulze schaut sich in seinem Restaurant um. Ein paar Tische stehen da, weit auseinandergerückt, ohne Deko, ohne Tischtuch, ohne Salz- und Pfefferstreuer - aber vorschriftsmäßig nach den neuen Bestimmungen. "Ist das noch Gastronomie? Nein, das sieht ja schlimmer aus als zu DDR-Zeiten in der Mitropa!" 

Wenn er alle Anordnungen umsetzt, kann er noch 30 Prozent, bestenfalls 40 Prozent seines Lokals auslasten. "Aber die Kosten liegen trotzdem bei 100 Prozent", rechnet er vor. Größere Gesellschaften sind ohnehin nicht erlaubt. Dabei ist sein Bestellbuch für die Wochenenden bis weit ins nächste Jahr hinein voll. Hochzeiten, Jugendweihen, Konfirmationen - alles ist erst einmal abgesagt. Das Oster- und auch das Pfingstgeschäft sind im Eimer.

Michael Schulze will sich gar nicht ausdenken, was passiert, wenn die Vorschriften noch lange bleiben und ihm seine Geschäftsgrundlage nehmen. "Der Gasthof bleibt, da bin ich mir sicher. Es kommt eben ein anderer und versucht sein Glück. Aber ich, ich bin dann vielleicht weg." Das wäre für ihn, nach 30 Jahren Selbstständigkeit, nach Rückschlägen, Neustarts, Erfolgen und abermaligen Rückschlägen eine persönliche Tragödie.

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