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Dippoldiswalde

Die Pizza kommt auf Rechnung nach Hause 

Große Verunsicherung gibt es bei Gaststätten im Landkreis. Am Montag hieß es: Schließen ab Mittwoch. Nun gilt eine entschärfte Regelung der Staatsregierung.

Das Pizza-Restaurant "Bella Vista" in Malter stellt den Betrieb auf einen Abhol- und Lieferservice um. Robert Fraczek (v.l.), Marco Janke, Tino Neumann, Ramona Gierisch, Lilli Schubert und Maximilian Königsmann haben sich darauf vorbereitet.
Das Pizza-Restaurant "Bella Vista" in Malter stellt den Betrieb auf einen Abhol- und Lieferservice um. Robert Fraczek (v.l.), Marco Janke, Tino Neumann, Ramona Gierisch, Lilli Schubert und Maximilian Königsmann haben sich darauf vorbereitet. © Karl-Ludwig Oberthuer

Landrat Michael Geisler hat am Dienstag ein wenig Druck von den Gaststätten im Landkreis genommen. Ursprünglich hatte er am Montag verfügt, dass sie alle ab Mittwoch zu schließen hätten. Nur noch ein Verkauf außer Haus, Lieferungen und die Versorgung von Hotelgästen sollten möglich bleiben. Das hat er gestern zurückgezogen. Stattdessen gilt eine Verfügung des sächsischen Gesundheitsministeriums, nach der Gaststätten tagsüber von 6 bis 18 Uhr geöffnet bleiben dürfen, aber abends schließen müssen. Die Verunsicherung unter den Gastwirten ist riesig. 

Olaf Schwalbe, Inhaber vom Hotel und Gasthof Erbgericht in Höckendorf, ist normalerweise nie um eine Antwort verlegen. Aber als er am Montag davon erfuhr, dass alle Gaststätten ab Mittwoch schließen müssen, war auch er ratlos. „Die nächsten sechs Wochen ist alles bei uns storniert, Seminare, Feiern, allein sechs Tanzstunden-Abschlussbälle“, sagt er. Er rechnet mit einem Umsatzausfall von 124.000 Euro. „Für mich kommt das einem Berufsverbot gleich.“

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Was sage ich einem 80-Jährigen, der hier am Wochenende seinen Geburtstag feiern wollte? Was sage ich einem jungen Mitarbeiter, für den ich keine Arbeit mehr habe? Fragen, auf die im Moment auch Schwalbe keine Antwort weiß. Er hat vorsorglich die ersten Kündigungen ausgesprochen, damit das Unternehmen nicht in Schieflage gerät, wenn es keine Einnahmen mehr hat, aber weiterhin Löhne zahlen müsste.

Was ihn besonders trifft, ist der Zeitpunkt dieser Krise. „Wir waren voll ausgelastet. Die Tanzschule Richter wollte Termine auf den Juni verschieben, aber dort haben wir keine freien Kapazitäten mehr“, berichtet Schwalbe. Es geht nicht einfach, Veranstaltungen zu verschieben. „Und ich habe auch keine Glaskugel, wo ich sehen kann, was im Juni los ist“, sagt der Höckendorfer Hotelchef.

Er hofft nur, dass die Maßnahmen alle rechtlich so sauber angeordnet sind, dass nicht hinterher noch ein Pferdefuß kommt. Er ist auch gegenüber staatlichen Hilfen skeptisch. In Notzeiten werden die großzügig versprochen, aber wenn der Alltag wieder einkehrt, wird akribisch jeder Cent umgedreht. Schwalbe hat das nach der Flut 2002 erlebt. „Danach sind wir geprüft worden bis zum Gotterbarmen“, erinnert er sich.

Olaf Schwalbe steht hier vor seinem Hotelgasthof Erbgericht in Höckendorf. Die momentane Krise macht ihn ratlos. 
Olaf Schwalbe steht hier vor seinem Hotelgasthof Erbgericht in Höckendorf. Die momentane Krise macht ihn ratlos.  © Egbert Kamprath

Das Erbgericht ist ein ganzes Hoteldörfchen im Ortszentrum von Höckendorf, ein solider mittelständischer Betrieb mit 30 Mitarbeitern. „Wir waren ein kerngesundes Unternehmen. Die Bücher sind voll. Jetzt stehen wir vor einem völlig ungewissen Nirwana“, stellt Schwalbe fest. Wie die Möglichkeit, tagsüber zu öffnen, dem Erbgericht jetzt weiterhilft, ist offen. 

Ganz so schwarz wie der Höckendorfer Wirt sieht Frank Gliemann die Situation nicht. Er betreibt in Freital das Hotel und Restaurant "Zur Linde". Einige Geschäftsreisende und Monteure haben ihre Buchungen aufrecht erhalten - für alle nichttouristischen Hotelgäste gelten ohnehin Ausnahmeregelungen. Die Übernachtungszahlen würden sich derzeit auch noch ganz gut lesen, so Gliemann. Doch das Restaurantgeschäft ist schon vor Tagen eingebrochen. Geburtstagsfeiern, Klassentreffen, ein Wiedersehen unter ehemaligen Studenten - alles abgesagt. "Das ist ja eigentlich das Rückgrat unseres Unternehmens." 

Gastronom Frank Gliemann aus Freital hat für sein Personal Kurzarbeit beantragt. Er selbst hält die Stellung, um die Hotelgäste weiter zu versorgen. 
Gastronom Frank Gliemann aus Freital hat für sein Personal Kurzarbeit beantragt. Er selbst hält die Stellung, um die Hotelgäste weiter zu versorgen.  © Karl-Ludwig Oberthuer

Frank Gliemann hat für sein Personal nun erst einmal Kurzarbeit beantragt und sucht nach Lösungen für seinen Betrieb. "Wichtig ist mir, dass meine Mitarbeiter ihr Geld pünktlich bekommen." Er hofft, dass das Finanzamt vorläufig auf die Umsatzsteuervorauszahlung verzichtet. Zudem möchte er mit seiner Bank reden, ob fällige Kreditraten aufgeschoben werden können. 

"Ich habe schon ein Polster, aber möchte es jetzt nicht völlig aufzehren." Grundsätzlich findet er die Maßnahmen der Regierung richtig und bleibt Optimist: "Wir Freitaler haben bei der Flut 2002 gezeigt, dass wir zusammenhalten können. Das sollte uns doch auch jetzt gelingen."

Lieferservice für Stammkunden auf Rechnung

In einer anderen Liga als beispielsweise das Erbgericht spielt Tino Neumann, der an der Talsperre Malter das Pizzarestaurant „Bella Vista“ mit fünf Mitarbeitern betreibt. „Wir waren am Wochenende noch einmal bis auf den letzten Platz besetzt. Man hatte das Gefühl, die Menschen wollten alle noch einmal ausgehen“, sagt Neumann. Man hatte ja gehört, welche Maßnahmen in anderen Ländern ergriffen wurden.

„Ich bin schon seit vergangener Woche im Krisenmodus und habe überlegt, was wir machen können“, erzählt Neumann. Er hat sich auf eine Schließung des Restaurants vorbereitet, stattdessen hat das „Bella Vista“ einen Abhol- und Lieferdienst mit einem kleinen Angebot vorbereitet. 

Ende vergangener Woche hat Neumann noch einmal im großen Stil eingekauft. Alles, was nicht verderblich ist, wurde für mehrere Wochen angeschafft. „Damit hoffe ich, dass wir den Betrieb wirtschaftlich weiterführen können“, sagt der Geschäftsführer. Die Küche funktioniert weiter und in den Orten rings um die Talsperre wird ausgeliefert. „Die Leute kennen wir“, sagt Neumann.

Da kann er dann auch die Bezahlung auf einer Vertrauensbasis organisieren. „Wir liefern nur auf Rechnung. Da gibt es keinen Kontakt mit Bargeld oder Hin und Her mit Karten. Wir stellen den Kunden unseren Karton vors Haus mit der Rechnung, die der überweisen muss, winken freundlich, und das war's“, beschreibt er seine Vorstellungen, wie das "Bella Vista" im Krisenmodus weiter funktionieren will. Den Lieferservice behält er jetzt trotz der gelockerten Vorschriften bei, da er abends, wenn der Hauptbetrieb im Restaurant war, doch nicht öffnen darf. 

Er, der eigentlich in Dresden wohnt, hat ab dieser Woche auch einen Bungalow in Malter gemietet und zieht hierher. „Da ist die Ansteckungsgefahr mit Sicherheit geringer als in der Großstadt“, erwartet der Gastronom.

"Hoffentlich ist der Spuk nach Ostern vorbei"

Die Großstadt ist auch für Uwe Nitschke weit weg, dafür der Tharandter Wald ganz nah. Die Familie Nitschke betreibt den Gasthof auf dem Landberg, ein typisches Ausflugslokal, das von Wanderern, Spaziergängern und Radfahrern lebt. Essen gehen, feiern und Natur - auf dem Landberg lässt sich dies gut miteinander verbinden. Das vergangene Wochenende mit viel Sonnenschein und milden Temperaturen war auch ein wunderbarer Saisonauftakt. "Wir hatten richtig viel zu tun. Die Corona-Krise war nicht zu spüren. Die Leute wollten alle noch mal raus und genießen", berichtet der Landberg-Wirt.

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Viele Gaststätten mussten in der Corona-Krise schließen. Manche haben jedoch umgerüstet: auf Liefer- oder Abholservice.

Nun sitzt er neben dem Telefon, welches immer wieder klingelt, weil Gäste ihre Reservierungen absagen. Zum Glück, sagt er, sei man ein kleiner Familienbetrieb. Es helfen die Eltern und die Kinder. Entlassen muss er niemanden. Die Zeit, die die Nitschkes jetzt haben, werden sie für die Vorbereitungen auf die Biergartensaison nutzen. "Da gibt es noch genug zu tun." Uwe Nitschke hofft, dass die Maßnahmen der Behörden greifen und der Spuk nach Ostern tatsächlich vorbei ist.   

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