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Gauck geht auf Revolutionstournee

Der Bundespräsident besucht gemeinsam mit seinen vier Amtskollegen die historischen Orte der Befreiung 1989.

© dpa

Von Sven Siebert, Berlin

Warschau, Budapest, Leipzig, Bratislava, Prag – Joachim Gauck geht auf Freiheitstournee, um die friedlichen Revolutionen in Mittel- und Osteuropa vor 25 Jahren zu feiern. Der Bundespräsident wird nach SZ-Informationen zwischen Juni und November jeweils zum 25. Jahrestag des entscheidenden Ereignisses der Umwälzungen die historischen Orte besuchen. Auf Gaucks Initiative reisen mit ihm die vier anderen Oberhäupter der Staaten, die sich 1989 vom Kommunismus befreit haben.

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Der Plan für das gemeinsame Gedenken ist in den vergangenen Wochen vom Bundespräsidialamt mit den vier Ländern abgestimmt worden. Die Staatspräsidenten Bronislaw Komorowski (Polen), János Áder (Ungarn), Ivan Gašparovic (Slowakei) – er wird Mitte Juni vom vor zwei Wochen gewählten Andrej Kiska abgelöst – und Miloš Zeman (Tschechien) wollen mit den gemeinsamen Auftritten die jeweilige nationale Perspektive erweitern.

Man wolle daran erinnern, dass sich 1989 der gesamte Osten Europas befreit hat, heißt es im Berliner Präsidialamt. Die Staaten Mittel-Osteuropas hätten mit ihren friedlichen Revolutionen „eine eigene Freiheitsgeschichte in das europäische Demokratiemodell eingebracht“.

Gauck sagte im Februar anlässlich des Besuchs des slowakischen Präsidenten Gašparovic in Berlin, die Revolutionen in Mittel- und Osteuropa hätten „den Mut der Vielen und ihren Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung“ gemeinsam. Jedes Staatsoberhaupt wird zu den fünf Stationen von jeweils zehn Bürgern seines Landes begleitet, die 1989 eine wichtige Rolle gespielt haben.

Leipzig am 9. Oktober

In Deutschland werden die fünf Präsidenten am 9. Oktober Leipzig besuchen. 25 Jahre zuvor fand hier die entscheidende Montagsdemonstration statt. 70.000 zogen nach dem Friedensgebet in der Nikolaikirche um den Leipziger Ring und riefen „Wir sind das Volk“. Im Gegensatz zu den Protestaktionen in Ostberlin und Dresden wenige Tage zuvor schritten die Sicherheitskräfte des SED-Staates nicht mehr gewaltsam ein.

Am 9. Oktober 2014 werden die Präsidenten vormittags am Festakt der Stadt Leipzig teilnehmen, am Nachmittag das Friedensgebet in der Nikolaikirche besuchen und am Abend „auf Augenhöhe mit den Bürgern“ das durch Tausende Kerzen beleuchtete „Lichtfest“ auf dem Augustusplatz – dem damaligen Karl-Marx-Platz – feiern.

Gauck hat mit Leipzig die einzige Nicht-Hauptstadt ausgewählt. Der Bundespräsident bemüht sich seit Längerem, den 9. Oktober – und nicht den 9. November, Tag des Mauerfalls – als Gedenktag für die Ereignisse des Jahres 1989 im allgemeinen Bewusstsein zu verankern. Aus seiner Sicht ist der 9. Oktober der Tag gewesen, an dem selbstbewusste Bürger sich zur wahren Demokratie bekannten und eine andere Politik forderten. „Vor der Einheit kam die Freiheit“, sagt Gauck.

Leipzig wird die dritte Station der Gedenk-Reise sein. Den Auftakt der Revolutionstour bildet der 4. Juni in Warschau. 1989 war an diesem Tag in der Volksrepublik Polen zum ersten Mal halbwegs frei gewählt worden: Ein Drittel der Sejm-Abgeordneten und alle Senatoren standen zur freien Wahl. Die Opposition erhielt fast alle der freien Mandate.

Am 16. Juni besuchen die fünf Staatsoberhäupter Budapest. Es ist der Jahrestag der Umbettung des Leichnams des ungarischen Nationalhelden Imre Nagy. Nagy war nach dem Ungarnaufstand 1956 Ministerpräsident geworden und hatte die Neutralität seines Landes und den Austritt aus dem Warschauer Pakt erklärt. Nach dem Einmarsch der Sowjetunion war er verhaftet und 1958 hingerichtet worden. 1989 erhielt er ein Ehrengrab.

Auch in Ungarn fiel die Entscheidung für das Gedenken an das wichtigste Ereignis: die Selbstbefreiung des Landes. Der 16. Juni ist der Feiertag, nicht der Jahrestag der Öffnung der Grenzzäune zu Österreich am 27. Juni.

Die Slowakei und Tschechien – vor 25 Jahren noch ein Land – stehen am 16. und 17. November, den Jahrestagen der „Samtenen Revolution“ auf dem Reiseplan der Staatspräsidenten. In Bratislava hatte es am 16. November 1989 eine Studentendemonstration gegeben, in Prag waren einen Tag später ebenfalls vor allem Studenten auf die Straße gegangen.