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Wie Schweinefleisch zum Wahlhelfer wird

Der AfD-Bundeschef Alexander Gauland sorgt für einen vollen Saal und viel Applaus in Spitzkunnersdorf. Dennoch sind die Zuhörer nicht mit allem einverstanden. 

Der Bundesvorsitzende der AfD, Alexander Gauland, sprach in Spitzkunnersdorf vor einem vollen Saal.
Der Bundesvorsitzende der AfD, Alexander Gauland, sprach in Spitzkunnersdorf vor einem vollen Saal. © Rafael Sampedro

Das mit der Spendenbüchse war dann doch zu viel. "Das darf doch nicht wahr sein", sagt einer der Männer am Biertisch und haut mit der Faust auf die Tischplatte. Jetzt machen sie schon eine Kollekte wie in der Kirche." Was den Mann so erbost, ist Tino Chrupallas Hinweis, dass man am Ausgang um eine Spende bitte. "Der Wahlkampf ist teuer", begründet der AfD-Abgeordnete, der für die Region im Bundestag sitzt. Tatsächlich wandern etliche Scheine und Münzen in die Büchse, als sich der Pulk der Zuhörer aus dem Saal schiebt. 

Minuten zuvor war die Stimmung noch prächtig im Spitzkunnersdorfer Kretscham. Alexander Gauland zieht. Am Veranstaltungshaus, wo sonst der örtliche Faschingsklub seine Feten feiert und man deftig speisen kann, ist kein Parkplatz mehr zu bekommen, als der Bundeschef der Alternative für Deutschland (AfD) am Dienstagabend hier auftritt. Die regionalen AfD-Wahlkämpfer haben sich den Chef aus Berlin zur Unterstützung eingeladen. Neben Chrupalla ist auch Christian Siegert dabei. Er kandidiert für den Wahlkreis 60, also das Gebiet des Altkreises Zittau. Die Meisten aber sind wegen Gauland gekommen - so scheint es. Die Gäste, die ihn hören wollen, müssen ihre Autos am Straßenrand parken, auf Wanderparkplätze und andere öffentliche Stellflächen im Ort ausweichen. 

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Drinnen sorgt ein ziemlich großer Stab an Helfern für Ordnung und einen reibungslosen Ablauf. Sogar Handtaschen werden kontrolliert. "Nur zur Sicherheit", wie der Security-Mann im blauen Sakko und mit AfD-Schildchen um den Hals erklärt. Im Saal herrscht "dicke Luft", dafür sorgen die vielen Menschen und die geschlossenen Fenster. Das Publikum, das dicht an dicht in den Reihen sitzt, ist bunt gemischt. Mehr ältere Menschen als Jüngere sitzen im Saal, mehr Männer als Frauen. Rentner, Berufstätige, Unternehmer. Den Redebeitrag von Gauland honorieren sie mit stehenden Ovationen. Handys werden hochgehalten, der Redner fotografiert und gefilmt wie ein Popstar. Immerhin gehört er zu den Gründern der Partei, die alles anders machen will, als die bisher Regierenden. Genau deshalb, so scheint es, hat sich eine große Schaar von Interessierten bei Bier und Wiener Würstchen im Kretscham eingefunden. Sie haben die Nase voll. Wovon eigentlich? Ihre Enkel dürften in der Schule nicht mehr ihre Meinung sagen, erzählt eine Frau. Argwöhnisch würden dann die Eltern von den Lehrern befragt, was sie für eine Gesinnung hätten. Um was für eine Meinung es genau geht, sagt die Frau nicht. Einen anderen stinkt es an, dass er trotz jahrzehntelanger Arbeit in der Gastronomie eine genauso geringe Rente hat, wie sein Nachbar, der seit der Wende kaum noch arbeiten ging. Soziale Ungerechtigkeit beklagt auch ein jüngerer Mann: er arbeite in Schichten, müsse für seine Kinder alles selbst berappen, während Hartz-IV-Bezieher vieles erstattet bekämen. Ein anderer will, dass man zu den Wurzeln zurückkehrt, es mehr Heimatvereine gibt, die Traditionen pflegen und dass sie dafür auch staatliche Unterstützung erhalten. 

In diese aufgeheizte Stimmung hinein, greift Alexander Gauland die Sache mit dem Schweinefleisch in einer Leipziger Kita auf. In einer Kindereinrichtung wollte man dort wegen muslimischer Kinder Schweinefleischgerichte vom Speiseplan streichen. Das "Schweinefleischverbot" war im Übrigen auch von anderen Parteien, zum Beispiel der sächsischen CDU, scharf kritisiert worden. "Bei uns gibt es Putenfleisch und Schweinefleisch", so Gauland. Wer ein Problem damit habe, dass Schweinefleisch serviert werde, spann er die Metapher weiter, solle sich eine andere Kita - oder eben ein anderes Land suchen. Also alle raus, die nicht die AfD-Ansichten teilen?

Sogleich nachdem Tino Chrupalla die zweistündige Veranstaltung für beendet erklärt hat, greift Gauland seinen Aktenkoffer und verschwindet aus dem Saal - eng flankiert von zwei Sicherheitsmännern. Sie geleiten ihn zur dunklen Limousine, die draußen parkt. Wer auf einen Plausch mit dem Politiker gehofft hatte, wird enttäuscht. Kein Händeschütteln, kein Small-Talk. Dabei hatte er zum Beginn seiner Rede erklärt, dass er sich mit dieser Region Sachsens besonders verbunden fühle. In seiner Kindheit verbrachte er viel Zeit in Neugersdorf, erklärt Gauland. Die Mutter sei Zittauerin gewesen. Seine ganze Familie mütterlicherseits stamme aus der Region. 

Alexander Gauland zieht mit dem AfD-Wahlkampf-Team dieser Tage noch weiter durch die Region. Am Freitag wird er im Ebersbacher Schützenhaus dem Kandidaten Mario Kumpf Schützenhilfe geben. 

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