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Gebaut für 100 Jahre

Im Interview mit der SZ verspricht Betriebsleiter Sebastian Fritze, dass die Talsperre Bautzen noch lange hält.

© Uwe Soeder

Er residiert mit seiner Behörde am Gottlobsberg in Niedergurig, genau zwischen den beiden Staudämmen der Talsperre Bautzen. Das Bauwerk kennt er so gut wie kaum ein Anderer. Die SZ sprach mit dem 41-jährigen Sebastian Fritze, dem Leiter des Betriebes Spree/Neiße der sächsischen Landestalsperrenverwaltung, über den Stausee und seine Funktionen.

Herr Fritze, wie verlief Ihre erste Begegnung mit dem Bautzener Stausee?

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Ich war damals noch ein kleines Kind und bin mit meinem Vater über die Autobahn gefahren. Dann habe ich von einer schmalen Brücke aus plötzlich dieses breite Gewässer gesehen und er hat mir erklärt, dass das die Spree ist, die bei Bautzen an einer Talsperre aufgestaut wird.

Damals ahnten Sie noch nicht, dass Sie damit mal beruflich zu tun haben…

Nein. Daheim in Schindelbach bei Marienberg im Erzgebirge habe ich aber damals gern mit Kumpels im Dorfbach Dämme gebaut und die dann brechen lassen. Den Blödsinn haben wir irgendwo im Wald gemacht, dabei konnte nichts schlimmes passieren. Jedenfalls haben wir dort richtig große Wackersteine hingeschleppt und uns dann über die Flutwellen gefreut.

Und so jemand wird in Bautzen ausgerechnet zum Betriebsleiter der Landestalsperrenverwaltung…

Ja, natürlich habe ich zuerst viele Instanzen durchlaufen und habe 1998 hier angefangen. Unter anderem habe ich von 1999 bis 2002 die Komplexsanierung der Talsperre Bautzen mit betreut. Nach 25 Betriebsjahren hatten sich die baulichen Anlagen so stark abgenutzt, dass die Sicherheit und die Funktionsfähigkeit erheblich beeinträchtigt waren. Wir mussten einerseits die Außendichtung der Hauptdämme instand setzen und andererseits die Betonbauwerke an der Hauptsperre und der Vorsperre Oehna sanieren. Dadurch kenne ich die Talsperre Bautzen sehr gut.

Heißt also, sie ist wieder stabil. Aber braucht man denn so einen Stausee überhaupt noch?

Wenn man auf Hochwasserschutz und ausreichende Wasserversorgung bei Niedrigwasser verzichten könnte, bräuchte man die Talsperre Bautzen nicht mehr. Aber das kann man nicht. Außerdem ist die Talsperre eine verlässliche und regenerative Energiequelle. Mit unserer Wasserkraft können wir zwar das Kraftwerk Boxberg nicht ersetzen, aber die Stromnetzbetreiber wissen bei uns, woran sie sind. Unterhalb der Talsperre haben wir eine gut regulierte Spree, die mehr als handzahm ist. Vorher hatten die Leute dort zwei-, dreimal im Jahr mit Hochwasser zu tun und ihre Felder standen unter Wasser oder sie mussten gar ihre Häuser ausräumen. Seit der Fertigstellung vor 40 Jahren haben sie nur bei extremen Hochwassern wie 1981, 2010 und 2013 etwas mitbekommen.

Nach dem Hochwasser 2010 hatten betroffene Anwohner aus der Gemeinde Malschwitz kritisiert, die Talsperre habe trotz einer gewissen Vorwarnzeit zu spät Wasser abgelassen…

Solche Vorwürfe wird es immer geben. Aber wir müssen auch an die Niedrigwasseraufhöhung denken und deshalb für das andere Extrem genügend Wasser zurückhalten. Die Binnenfischerei bis hinunter in den Spreewald, das Kraftwerk Boxberg, die Tagebauflutung und die Flussökologie, zu der nicht zuletzt die Verdünnung der vom Bergbau herrührenden Sulfate in der Spree gehört– all das sind Gründe für einen gewissen Mindestpegel im Fluss, den wir dauerhaft sicherstellen müssen. Die Hochwasserschützer wollen eine möglichst leere Talsperre, für Andere kann sie gar nicht voll genug sein. Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte. Unsere Altvorderen haben einen Betriebsplan aufgestellt, der sich bewährt hat. Ihn wegen einer Hochwassereuphorie zu verändern, bringt nichts.

Und für das nächste Hochwasser ist die Talsperre auch gerüstet?

Wir sind 24 Stunden an 365 Tagen im Jahr gerüstet, haben immer den Ernstfall vor Augen und einen ständigen Bereitschaftsdienst. Unser Stauziel liegt auf 167,50 Metern über dem Meer. Der Vollstau ist zwar nur einen Meter höher, aber wegen der großen Fläche von 500 Hektar kann die Talsperre Bautzen allein dadurch 5 Millionen Kubikmeter Wasser aufnehmen, ohne dass die Hochwasserentlastung in Gang kommt. Hier kommt der Effekt der Flächenretention zum Tragen. Das heißt, das Wasser läuft im See breit, die Hochwasserwelle wird abgeschwächt und verzögert. Bei Hochwasser in der Oberlausitz bedeutet das, dass die Spitze der bei Guttau einmündenden Löbau schon durch ist, ehe das Spreewasser aus Bautzen kommt. Eine so große Anlage wie die Talsperre Bautzen bringt beim Hochwasser richtig viele Punkte.

Eine weitere Interessengruppe am Stausee ist ja das Tourismusgewerbe. Lassen sich diese Interessen ohne Weiteres mit dem Hochwasserschutz verbinden?

Mal ja, manchmal aber auch nicht. Wasserrechtlich ist der Tourismus untergeordnet. Es gibt immer mal Gejammer wegen der Wasserqualität und unterschiedlicher Pegelstände, was ich nur teils nachvollziehen kann. An der Nordsee beschwert sich auch niemand, dass alle sechs Stunden bei Ebbe das Wasser weg ist. In diesem Jahr hat es nun mal insgesamt wenig geregnet. Wir haben deshalb unser Betriebsstauziel 2014 noch nicht erreichen können. Jetzt ist eben Ebbe. Wenn Wasser da ist und die Qualität stimmt, kann man schwimmen und paddeln. Wenn nicht, dann eben leider nicht.

Apropos Wasserqualität - wie sieht es damit aktuell aus?

Die ersten Blaualgen gucken raus. Man kann fast den Eindruck haben, sie wollen den Geburtstag der Talsperre auch mitfeiern. Ausgerechnet zum Jubiläum – dümmer kann es gar nicht kommen. Das liegt auch an dem niedrigen Wasserstand und ist Folge der Temperaturschichtung im See. Wenn jetzt noch das Wasser durch starken Wind, etwa bei einem Gewitter, umgeschichtet wird und das nährstoffreiche Wasser vom Grund nach oben gelangt, dann geht bei den Algen die Post ab. Aber noch ist es nicht so weit. Warten wir es ab!

Das dürfte den Badegästen nicht passen. Ist der Tourismus am Stausee in Ihren Augen auf einem guten Weg?

Wenn man überlegt, was man in der DDR-Zeit innerhalb weniger Jahre errichtet und zum Funktionieren gebracht hat, dann ist das hier aktuell nichts, auch wenn die heutigen Rahmenbedingungen natürlich völlig anders sind. Wenn es ein ganzheitliches Tourismuskonzept für die Talsperre geben würde, dann wäre allen Beteiligten geholfen. Auch wenn der Tourismus nur eine Nebennutzung ist, würden wir uns über eine positive Entwicklung freuen. Wir wollen uns nicht abschotten, sondern unsere Anlagen auch für die Öffentlichkeit erlebbar machen. Nicht ohne Grund können die Leute über einen unserer Staudämme drüberlaufen. Mit Problemen wie Vandalismus haben wir zum Glück wenig zu tun.

Bald wollen Sie mit den Leuten das Stauseejubiläum feiern…

Ja, am Sonnabend, dem 20. September, veranstalten wir ein Familienfest mit der Stadt und der Beteiligungs- und Betriebsgesellschaft Bautzen. An der Ocean Beach Bar wird es abends eine Party geben, tagsüber gibt es viele Angebote für Kinder. Am Sonntag laden wir auf unser Betriebsgelände ein, zudem kann man an einer Radtour mit vielen Stationen um den See teilnehmen.

Dann ist die Talsperre 40 Jahre alt. Hält sie noch weitere 40 Jahre?

Na klar, wenn sie regelmäßig gewartet wird, hält sie noch lange. Ich gehe davon aus, dass eine grundhafte Instandsetzung wie jene um das Jahr 2000 nicht so schnell wieder nötig sein wird. Bis jetzt hält die Dichtung noch wie am ersten Tag. Auch der Beton ist deutsche Wertarbeit. Die 45 Millionen D-Mark, die das damals gekostet hat, waren eine Investition für die Zukunft. Wasserbau heißt Bauen für 100 Jahre!

Gespräch: Stefan Schramm