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Geburtshelferinnen in Nöten

Frauen, die zu Hause entbinden wollen, haben es oft nicht leicht, eine Hebamme zu finden. Die Gründe sind vielschichtig.

© Matthias Rietschel

Von Carola Lauterbach

Loryn Luh streicht über den gewölbten Bauch. Ihr zweites Kind soll am 4.4. zur Welt kommen, das ist der errechnete Geburtstermin. Ein schönes Datum. „Zu spät“, sagt die 24-Jährige. „Ich muss bis 31. März entbinden.“ Ein kleiner Schwangerschafts-Spleen? Mitnichten. Frau Luh will eine Hausgeburt. Doch ihre zweite Hebamme hat ihre Berufshaftpflichtversicherung aus Kostengründen für das zweite Quartal abgemeldet. Loryn Luh hat dafür volles Verständnis. Dennoch: „Das ist ein Wackelfaktor für meine Geburt, der mir nicht passt“, sagt sie. Weil das ihre Selbstbestimmung einschränkt. Soll eine Haftpflichtprämie das Maß der Dinge sein? „Und so geht es ja nicht nur mir.“ Viele Frauen fänden ja schon gar keine Hebamme mehr, die ihnen bei einer Hausgeburt beistünde. Loryn Luh weiß, wovon sie spricht. Denn sie ist selbst seit gut sechs Jahren Hebamme, seit 2013 freiberuflich in einer mit ihrer besten Freundin gegründeten Praxis in der Dresdner Neustadt. 100 Müttern stand sie insgesamt bei der Geburt bei. Die Entbindung ihres eigenen ersten Kindes – zu Hause mit ihren Wunschhebammen – habe drei Stunden gedauert und sei „wunderschön“ gewesen.

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Rund 717 000 Babys wurden 2014 in Deutschland geboren, 10 650 von ihnen nach Angaben der Gesellschaft für außerklinische Geburtshilfe nicht in einer Klinik, knapp 1,5 Prozent also. Diese Zahl war in den letzten 15 Jahren relativ konstant. Mirjam Burgarth vom Geburtshaus Dresden-Striesen schätzt, dass in Deutschlands Geburtenhauptstadt Dresden die Nachfrage nach außerklinischer Geburt bei zehn bis zwölf Prozent liegt. „Mittlerweile bekommen wir sogar Anfragen von Frauen aus Görlitz oder Lauchhammer“, erzählt sie. Weil es tatsächlich immer weniger Hebammen in der Geburtshilfe gebe. Sind besagte Haftpflichtprämien der einzige Grund, weshalb sich Hebammen aus der Geburtshilfe zurückziehen? Ein wichtiger, sagt Mirjam Burgart, doch eine freiberufliche Hebamme müsse auch sehr flexibel sein. Im wahrsten Sinne des Wortes rund um die Uhr. Wenn man aber selbst eine Familie habe, kleine Kinder, die in einer Kita betreut werden und einen vollberufstätigen Partner – wie flexibel kann man da sein? Sie selbst, so die 38-Jährige, sei diesbezüglich frei. Könne es aber durchaus verstehen, wenn andere Hebammen aus diesem Grund lieber nur die Betreuung von Frauen vor und nach der Geburt anböten.

In die Freiberuflichkeit zu gehen ist zudem auch für eine Hebamme ein existenzielles Risiko. „Doch ich musste es tun“, sagt Loryn Luh. Nicht in einer Klinik zu arbeiten, begründet sie mit ihren Erfahrungen. „Ich kann einer Frau dort während der Geburt nicht das geben, was diese aber braucht.“ Zum einen, weil sie dort mehrere Kreißende gleichzeitig betreuen muss. Und auch, weil „ich mich von keinem Arzt bevormunden lassen möchte“.

Reiz der 1 : 1-Betreuung

Mirjam Burgarth kann auf zwölf Berufsjahre als Hebamme zurückschauen, die Hälfte davon im Geburtshaus. „Ich habe auch sehr gern im Kreißsaal gearbeitet“, sagt sie. Rund 100 Geburten im Jahr hat sie damals begleitet. Der Reiz des Geburtshauses, wo sie bislang 170 Geburten als erste Hebamme und ebenso viele als zweite betreut hat, liegt für sie darin, mehr Zeit für eine werdende und gewordene Mutter zu haben, sie über eine lange Zeit „eins zu eins“ zu begleiten. Nur, wenn die Rufe zu einer Hausgeburt von immer weiter her kommen, kollidiere das mit den Möglichkeiten. „Ich fahre auch 100 Kilometer nach Görlitz zur Geburt“, sagt Frau Burgarth. Die Betreuung der jungen Mutter im Wochenbett werde dann jedoch kaum noch möglich sein.

Und was hat es nun mit der vielfach angesprochenen Berufshaftpflichtversicherung auf sich? Die offenbar viele in die Knie zwingt. Betrug sie zur Jahrtausendwende noch ein paar Hundert  Euro im Jahr, waren es im letzten 6 274. Und sie steigt abermals. In diesem Sommer auf 6 843, im nächsten auf 7 639 Euro. Warum so exorbitante Explosionen? Nicht weil den Hebammen bei Geburten mehr Fehler unterlaufen. Diese Zahl sei sogar rückläufig, heißt es. Den Ausschlag geben die immer höheren Kosten für die Versicherer. Bessere Behandlungsmöglichkeiten haben dazu geführt, dass auch schwerstgeschädigte Kinder mittlerweile lange leben können. Die Versicherer müssen nicht nur für die Therapie- und Pflegekosten zahlen, sondern auch für Rentenansprüche, Schmerzensgeld und weiteres. Nach deren Angaben lägen die Kosten bei schweren Geburtsfehlern heute im Schnitt bei 2,6 Millionen Euro.

Der Politik hat irgendwann auf das Problem reagiert. Der Gesetzgeber forderte die Krankenkassen auf, den freiberuflichen Hebammen einen Ausgleich für die gestiegenen Kosten der Haftpflicht zu zahlen. Seit 2010 geschieht das auch. Im letzten Jahr gab es dazu neue Verhandlungen zwischen dem GKV-Spitzenverband der Krankenkassen und Hebammenverbänden. Die Verhandlungen scheiterten, eine Schiedsstelle wurde angerufen. Am 15. Januar meldete der GKV, die ersten rund 3 000 Geburtshelferinnen hätten den finanziellen Ausgleich erhalten. Ende gut, alles gut? Auch für Frau Luhs zweite Hebamme?

Loryn Luh schüttelt den Kopf. Die Regelung sei an Auflagen gebunden, die realitätsfern seien. So müsse pro Quartal mindestens eine Geburt betreut und abgerechnet werden. Entschlösse sich eine Gebärende nach der ersten Wehe doch in eine Klinik zu gehen – was, so Luh, ihr gutes Recht ist – war es das für die Hebamme. Sie bleibe womöglich auf ihren Kosten sitzen, fürchtet Frau Luh. Dass es eine Pflicht für ein Qualitätsmanagement gibt, begrüßt sie. Dass im Falle einer Geburtstermin-Überschreitung von drei Tagen eine Hausgeburt nur möglich ist, wenn ein Arzt konsultiert wurde, bringt sie auf die Palme. Damit würde nicht nur Macht über die Hebammen ausgeübt, sondern über die Frauen, die sich gegen eine Klinikgeburt entschieden.

Entbindungsstationen weg

Die Ausgleichszahlungen wirkten schon erst einmal erleichternd, sagt Mirjam Burgarth. Theoretisch. Praktisch liege noch vieles im Argen. Etwa der bürokratische Aufwand. Dass die Kassen, die den Ausgleich zahlen müssten, Auflagen erteilten, könne sie schon verstehen. Nur seien die tatsächlich nicht medizinisch evident, und so frage sie sich immer öfter: Vielleicht liegt der Fehler im System? Und, ja, irgendwie empfinde sie das Ganze auch als einen Angriff auf ihre Kompetenz. Was ihr aber momentan die größte Sorge bereitet: Die vereinbarten Ausgleichzahlungen sind bis 2018 befristet. Die Sorge, dass es dann keinen Versicherer mehr für die Geburtshelferinnen geben könnte, schwingt im Hinterkopf immer mit. Was dann? „Ohne Haftpflicht können wir nicht arbeiten.“ Kein tröstlicher Gedanke.

Und auch der ist es nicht: In Sachsen wurden seit 2012 – das bestätigt das Sozialministerium – die Entbindungsstationen im Diakonissenkrankenhaus Leipzig, im Elblandklinikum Riesa, Standort Großenhain, in der Paracelsus-Klinik Reichenbach, im Elblandklinikum Radebeul, in der Sächsische Schweiz Klinik Sebnitz und in der Collm-Klinik Oschatz geschlossen. Im Krankenhaus Stollberg, heißt es, sei die Maßnahme seit Januar „vorübergehend“.