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Geburtstag einer heimlichen Kirche

Niedersedlitzer Christen trafen sich lange im Provisorium. Die Baugenehmigung kam unverhofft. Nun ist Jubiläum.

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Von Ivonne Wistuba

Bernd Hakenholt streift durch den grünen Garten in der Pfarrer-Schneider-Straße in Niedersedlitz. Sein Blick schweift in alle Ecken. An einem alten Apfelbaum bleibt er stehen, fasst mit der rechten Hand an den Stamm und verweilt kurz. Viele Erinnerungen schlummern in diesem Garten und in dem Gemeindezentrum davor noch viel mehr. „Das habe ich selbst mit gebaut“, sagt der 68-Jährige. Stolz schwingt in seiner Stimme.

Das Gemeindezentrum wird in diesem Jahr 30 Jahre alt. Als gebürtiger Niedersedlitzer und Mitglied der evangelischen Kirchgemeinde kann Hakenholt viel aus der Geschichte erzählen. „Wir haben selber Stein auf Stein gelegt. Die ganze Gemeinde hat mitgemacht“, sagt er. Doch bis das Großprojekt beginnen konnte, vergingen Jahrzehnte voller Notlösungen.

Ihren ersten Anlaufpunkt bekamen die Niedersedlitzer Christen 1935 in einem ehemaligen Ladengeschäft. Auf 80 Quadratmetern trafen sie sich zu Gesprächen und Gesang. Zwar gehörte schon damals auch ein Pfarrhaus zur Gemeinde. Dort allerdings war nicht genug Platz für einen regelmäßigen Treff. Auch nach 1945 änderte sich die Situation nicht. Der Gemeindetreff blieb im Laden. „Das war nicht immer einfach für die Nachbarn“, sagt Hakenholt. Wenn der Posaunenchor probte, hörten die mit. Deshalb bemühten sich die Gemeindevertreter immer wieder um eine Genehmigung für den Neubau direkt neben dem Pfarrhaus in der Pfarrer-Schneider-Straße. Es gab viele Ideen für das Gemeindehaus. Auch eine Traglufthalle aus Gummi und ein Kino in Niedersedlitz waren im Gespräch. Ein alter Ifa-Bus vom Schrottplatz diente zwischenzeitlich als Proberaum für die Musikgruppen. In einer selbst gebauten Freiluftkirche aus gartenbänken und Steinaltar am Pfarrhaus wurden die Sommergottesdienste gefeiert.

Bis 1980 haben die Gemeindemitglieder auf die Baugenehmigung gewartet. Ein Jahr später begann der Bau. Die Kirchgemeinde musste die Handwerker selbst bezahlen. Nur das Baumaterial wurde vom Staat gestellt. So trafen sich die Mitglieder nach der Arbeit und sonnabends zum Arbeiten. Die Frauen kochten Essen und Kaffee. Auch Bernd Hakenholt packte mit an. Er erinnert sich noch gut an die Stimmung und die Euphorie. „Es war ein tolles Gefühl, als es endlich fertig war“, sagt der Rentner.

Am 18. September 1983 war das Gemeindezentrum fertig. Die Niedersedlitzer feierten das mit einem großen Fest. „Das war für mich der Höhepunkt“, sagt Hakenholt. Etwa 500 Besucher waren gekommen, auch aus der BRD. Denn die Melanchton-Gemeinde aus Hannover hatte kräftig beim Bau mit geholfen. Die Freunde aus dem Westen schickten nicht nur Baumaterial, sie kamen auch zu Besuch und arbeiteten auf der Baustelle mit. Genau wie die Katholische Gemeinde Zschachwitz. Noch heute bewahren die Niedersedlitzer dieses verbindende Element und teilen ihr Zentrum mit den Zschachwitzern.

An diese Episoden erinnert sich Bernd Hakenholt besonders gern. „Das war eine wilde Zeit“, sagt er. Davon will er auch den jungen Mitgliedern in der Gemeinde berichten. Die Recherchen zur Geschichte des Zentrums hat er in einem Vortrag zusammengefasst. Den hält er am 10. September, 19.30 Uhr, im Gemeindezentrum. In das Ladengeschäft um die Ecke müssen die Gäste dann zum Glück nicht mehr.