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Gedächtnislücke bei Opfer und Täterin

Eine Freitalerin soll ihren Freund in Potschappel mit einem Messer attackiert haben. Vor Gericht hörte sich das anders an.

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© Symbolbild: dpa

Von Yvonne Popp

Freital. Die Angeklagte hatte gehofft, dass der Prozess die Wahrheit ans Licht bringt. „Irgendetwas Schlimmes muss passiert sein“, räumte sie am Landgericht in Dresden ein. „Nur was?“, fragte sie an die Richter gewandt. Vor dem Schwurgericht der ersten Strafkammer musste sich die 59-jährige Deutsche aus Freital wegen versuchten Totschlags verantworten. Laut Staatsanwaltschaft soll die alkoholabhängige Frührentnerin am Abend des 30. Mai 2016 ihrem Lebensgefährten ein Messer in den Oberkörper gerammt haben. Der Mann hatte eine 5,5 Zentimeter tiefe Stichwunde im linken Brustbereich davon getragen und musste notoperiert werden. Die mutmaßliche Täterin wurde festgenommen und kam in Untersuchungshaft.

Bereits zum Prozessauftakt Mitte Januar hatte die ehemalige Köchin zu Protokoll gegeben, dass ihr, die Tat betreffend, jede Erinnerung fehle, denn wie so oft in den vergangenen Jahren hatte sie auch an diesem Tag gleich am Morgen zu trinken begonnen. Das Opfer selbst hatte ebenfalls große Gedächtnislücken. Er sei gegen Abend in die Wohnung seiner Partnerin in der Kantstraße zurückgekehrt. Er glaubte, sich erinnern zu können, dass sie in der Küche gestanden und ein Kartoffelgericht zubereitet hatte. „Sie muss sich erschrocken haben, als ich plötzlich hinter ihr auftauchte“, vermutete er. „Vielleicht hat sie sich mit dem Messer in der Hand zu mir umgedreht und versehentlich zugestochen“, überlegte er. Absichtlich, so war er sich sicher, habe ihn seine Lebensgefährtin aber nicht verletzen wollen.

Zunächst hatte der Geschädigte von der Stichverletzung auch gar nichts bemerkt. Er sagte, dass er sich noch an den Küchentisch gesetzt hatte, um Zigaretten zu stopfen. Erst da sei ihm aufgefallen, dass er blutete. Der 58-Jährige war anschließend durch Freital geirrt. Erschöpft hatte er sich schließlich auf dem Platz der Jugend niedergelassen, wo er von Passanten entdeckt worden war. „Meine Alte wollte mich abstechen“, soll er ihnen gesagt haben. Vor Gericht will er davon aber nichts mehr wissen. „Ich war ja besoffen. Es kann auch sein, dass ich ihr ins Messer getaumelt bin“, gab er zu bedenken.

Trotz zahlreicher Zeugenaussagen konnte an drei Prozesstagen nicht geklärt werden, was genau in der Wohnung auf der Kantstraße in Freital passiert war. Es gab aber Hinweise darauf, dass sich das polizeibekannte Pärchen heftiger als sonst gestritten haben muss. Ein Polizist, der schon mehrmals wegen häuslicher Unstimmigkeiten vor Ort gewesen war, hatte ausgesagt, dass die adrette Wohnung der Angeklagten am Tattag sehr unordentlich ausgesehen habe. Sogar die Schlafzimmertür war aus den Angeln gehoben worden.

Weder Staatsanwaltschaft noch Schwurgericht hielten dann am Tatvorwurf des versuchten Totschlags fest. Auch den Einschätzungen des Gutachters zufolge hatte die Angeklagte nicht in Tötungsabsicht gehandelt. Mit einem Blutalkoholwert von gut 3,0 Promille sei ihr Steuerungsvermögen sehr eingeschränkt gewesen, erklärte der forensische Psychiater. Zusätzlich wies er darauf hin, dass die Frau wegen einer schweren Kopfverletzung, die sie einige Jahre zuvor erlitten hatte, unter Hirnfunktionsstörungen leide. Auch hatte sie Medikamente eingenommen, die sich nicht mit Alkohol vertrugen. Für komplett schuldunfähig hielt er sie aber nicht.

Ein Freispruch, wie von der Verteidigung beantragt, kam für das Gericht deshalb nicht infrage. Es verurteilte die Angeklagte wegen fahrlässigen Vollrauschs zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr, zur Bewährung ausgesetzt. Nach mehr als acht Monaten Untersuchungshaft konnte die Beschuldigte den Gerichtssaal als freie Frau verlassen. Trotzdem überwog am Ende die Verzweiflung. Unter Tränen sagte sie: „Es macht mich ganz verrückt, dass ich immer noch nicht weiß, was passiert ist.“