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Gedanken an Aleko

Der Maler Babak Nayebi hat ein Porträt von seinem Freund gemalt. Wenn der Palaissommer beginnt, wird er ihn noch mehr vermissen - und an ihn erinnern.

In seinem winzigen Atelier bewahrt Babak Nayebi unzählige Bilder auf. Dort entstand auch das Gemälde, das Aleko Adamia zeigt.
In seinem winzigen Atelier bewahrt Babak Nayebi unzählige Bilder auf. Dort entstand auch das Gemälde, das Aleko Adamia zeigt. © Nadja Laske

Dresden. Weite wirkt Wunder. Höchstens anderthalb Meter kann Babak Nayebi von der Staffelei zurücktreten. So klein ist sein Atelier, und so groß die Zahl der Leinwände, die der Maler dort eng aneinandergelehnt beherbergt. Dabei malt der 58-Jährige Bilder, für die es Abstand braucht. Erst aus der Ferne betrachtet, erschließen sich viele seiner Motive vollends.

Abstand musste Babak Neyebi auch haben, um ein besonderes Porträt zu malen - das seines Freundes und Künstlerkollegen Aleko Adamia. Seelischen Abstand. "Als ich den Anruf erhielt, dass Aleko tot ist, bin ich verstummt", erzählt Babak nun ein halbes Jahr später. Er habe nichts sagen, nichts denken können, etliche Tage lang. "So oft schon hatte ich mir vorgenommen, Aleko zu malen, aber es kam nie dazu", erzählt der gebürtige Iraner. So sicher sei er immer gewesen, dass er den Freund wiedersieht, mindestens jeden Sommer, wenn am Japanischen Palais musiziert, diskutiert, geplaudert, Geschichten gelauscht und eben auch gemalt wird

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Treffpunkt für Künstler und Freunde der Kunst

Nicht nur als Künstler, sondern auch als leidenschaftlicher Organisator des Sommerateliers, zu dem er regelmäßig Studenten, Diplomanden und Dozenten aus Georgien nach Dresden einlud, und als Leiter des so genannten Plainair, der Malerei im Park, war Aleko vielen Freunden des Festivals und der Kunst bekannt. Im Jahr 2005 hatte er zum ersten Mal verschiedene Künstler zusammengerufen und mit ihnen gemeinsam gemalt. Für sein Projekt holte er Autodidakten und studierte Maler und Grafiker zusammen. Dazu gehörte von Anfang an auch Babak Neyebi. 

Mitte der 1980er Jahre war Babak aus seinem Land geflohen. Von seinem Vater regierungskritisch erzogen, hatte er an Demonstrationen gegen das iranische Staatsoberhaupt  Chomeini teilgenommen und saß deshalb ein halbes Jahr im Gefängnis. Danach verließ er seine Heimat und zog nach Hamburg. "Dort habe ich autodidaktisch als Maler gelebt, und es ging mir gut." Doch Babak wollte von der Pike auf Kunst studieren und kam nach Dresden, wo er 1997 sein Diplom ablegte. In die Stadt verliebte er sich so sehr, dass ihn auch Dublin nicht halten konnte. Für Studium und Arbeit in der irischen Hauptstadt hatte er ein Stipendium bekommen. Nach einem Jahr kehrte er zurück, obwohl das Leben als freischaffender Künstler in Dresden ungleich schwerer war.

Der Maler Aleko Adamia kam 1989 aus seiner Heimat Georgien nach Dresden. Zuvor hatte er Jörg Polenz auf dessen Reise durch die Sowjetunion kennengelernt. Später gründete er den Palaissommer, und Aleko gehörte von Anfang an zum Team.
Der Maler Aleko Adamia kam 1989 aus seiner Heimat Georgien nach Dresden. Zuvor hatte er Jörg Polenz auf dessen Reise durch die Sowjetunion kennengelernt. Später gründete er den Palaissommer, und Aleko gehörte von Anfang an zum Team. © PR/Palaissommer

"Ich kann gar nicht mehr sicher sagen, wie lange es gedauert hat. Tage oder Wochen. Dann war ich entschlossen, Aleko zu malen, auch um seinen Tod zu verarbeiten", erzählt Babak. Von Angesicht zu Angesicht konnte er nun nicht mehr mit dem Freund arbeiten. Am 18. Dezember 2019 war er im Alter von 57 Jahren an einem Herzversagen gestorben. Doch Babak Nayebi organisierte sich ein Foto als Inspiration. Darauf sitzt Aleko Adamia im Karohemd und in typischer Pose, die Hände hinterm Kopf verschränkt, den Blick in Richtung Himmel gerichtet. 

In vielen Dingen fühlten sich die beiden Männer einander nah. Tiefgründig konnten sie über ihre Arbeit, das Leben als Künstler und die Kunst zu leben diskutieren. Nur in einer Sache trennten sie Welten: "Aleko war ein sehr religiöser Mensch und glaubte fest daran, dass alles, was passiert, vorbestimmt ist." Babak Nayebi teilte diese Ansicht nicht. Und doch gefiel ihm der gedankenverlorene Blick Alekos auf diesem Foto, das wirkt, als denke er über Gott und die Welt nach. 

"Ich vermisse die gemeinsame Arbeit und den Austausch mit Aleko und den anderen Künstlern", sagt Babak. Das Sommeratelier findet in diesem Jahr zwar nicht wie gewohnt statt. Doch es kommt ein halbes Dutzend Kunstdiplomanden und Professoren aus dem georgischen Tbilisi nach Dresden. Auf jeden Fall soll es eine Veranstaltung im Geiste Aleko Adamias geben. Noch fehlt ein Künstler, der mit ähnlicher Begeisterung wie er die Fäden für Projekte rund um die Malerei unter freiem Himmel in die Hand nimmt. Babak Neyebi kann sich zumindest vorstellen, den Palaissommer als künstlerischen Treffpunkt erhalten zu helfen und die Erinnerung an seinen Freund Aleko damit wach zu halten. 

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Der Palaissommer beginnt am 17. Juli und dauert bis zum 23. August und bietet ein umfangreiches Programm mit Konzerten, Hörspielnächten, Lesungen, Kunstausstellungen und Malerei im Park, Kino und Yoga. Der Eintritt ist frei, Spenden sind willkommen.  

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