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Gedenken ohne Augenzeugen

Morgen wird an den Aufstand vom 17. Juni 1953 in Görlitz erinnert. Doch wie kann die Erinnerung lebendig bleiben?

Von Ralph Schermann

Die Meldung war unscheinbar, und doch sorgt sie hinter den Kulissen für Aufsehen: Der kleine Ort Zodel verzichtet auf eine Gedenkfeier zum 17. Juni 1953. Und das, obwohl Zodel 1953 eine der Hochburgen des Aufstandes im Görlitzer Umland war. Trotzdem verständigte sich der Gemeinderat darauf, dass eine Gedenkveranstaltung erst wieder zu einem runden Jubiläum folgen soll. Die Zodeler Entscheidung ist auch für Görlitz von Bedeutung. Jährlich gibt es hier an der Gedenktafel am Landgericht Reden und Kranzniederlegungen. Auch am morgigen 17. Juni, wenn der Aufstand mittlerweile 61 Jahre zurückliegt. Doch die Frage steht im Raum: Wie soll es mit dem Gedenken weitergehen?

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Die Sicht auf die jährlichen Teilnehmerzahlen macht es leichter, die Zodeler Entscheidung zu verstehen. Direkt Betroffene werden weniger, Protagonisten wie Kurt Jaeger in Zodel weilen nicht mehr unter uns. Wie sollen also anschaulich die Absichten der Aufständischen von 1953 der heutigen Generation vermittelt werden? Der Vorsitzende der Bürger für Görlitz, Andreas Teichert spricht das offen aus: „Wir sollten eine Diskussion darüber anstoßen, ob neue Formen des Gedenkens eingeführt werden müssen.“ Erst nach diesem „ob“ käme die Frage nach dem „wie“. Das Ziel indes liegt auf der Hand: „Es gilt, insbesondere junge Menschen in geeigneter Weise mit den historischen Ereignissen vertraut zu machen. So können sie erkennen, dass sich Einsatz für die Demokratie lohnt“, betont Andreas Teichert und zieht Parallelen für diese Erfahrung: „Es gibt heute wieder genügend Beispiele in der Welt, wo die Demokratie mit Füßen getreten wird.“

Die Stadt hat das ebenso im Blick. So lädt sie in diesem Jahr bereits um 11 Uhr zum Gedenken, nicht erst am Nachmittag. „Schüler haben ihre Teilnahme zugesagt“, begründet Stadtsprecherin Sylvia Otto. Denn „den Organisatoren der Veranstaltung, also der Stadt Görlitz und dem CDU-Stadtverband, ist es ein wichtiges Anliegen, dass das Gedenken an die nächste Generation weitergegeben wird.“

Am Postplatz will Octavian Ursu, Vorsitzender des CDU-Stadtverbandes, aber festhalten: „Wegen der historischen Bedeutung, der Gedenktafel und der nach der Sanierung des Postplatzes besseren Platzmöglichkeiten.“ Die CDU hat OB Siegfried Deinege vorgeschlagen, die Gedenkveranstaltungen künftig immer alternierend vor- und nachmittags anzusetzen, um sowohl Schülern als auch Berufstätigen die Teilnahme zu ermöglichen.

Trotz aller Überlegungen will die Görlitzer Politik prinzipiell am Gedenken für den Aufstand am 17. Juni 1953 festhalten, auch wenn Einzelne wie die Linkspartei gar nicht erst auf die SZ-Fragen zum Gedenken reagierten. Für die SPD-Ortsvorsitzende Gerhild Kreutziger gilt der 17. Juni generell als Tag mit „besonderem Grund, uns unserer regionalen Geschichte zu erinnern“. Die sei auch im vergangenen Jahr deutlich geworden bei mehreren Veranstaltungen, beispielsweise mit der Friedrich-Ebert-Stiftung. Kreutziger fände es „bedauerlich, wenn die Erinnerung an diesen Tag eingestellt wird, nur weil keiner dafür Zeit hat.“

So sieht es auch BfG-Chef Andreas Teichert. „Der Mut und die Entschlossenheit der Menschen, 1953 für die Demokratie einzutreten, muss auch in Zukunft gebührend gewürdigt werden“, sagt er und nennt auch einen ganz persönlichen Bezug: „Als Sechsjähriger war ich Zeuge vom Wilhelmsplatz aus, als sich sowjetische Panzer über den Postplatz bewegten. Das werde ich nie vergessen.“ Nicht nachzulassen im Gedenken an jene, die 1953 für Freiheit ihr Leben eingesetzt haben, unterstreicht der Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Schlesische Oberlausitz, Thomas Koppehl. Auch er beobachtet aber seit einigen Jahren, dass „die Beteiligung der Gedenkenden sinkt“. Die Erfahrungen der Kirche aber lehren, dass „das Durchhalten einer Gedächtniskultur, die unser Leben menschlicher macht, als ein lang anhaltender, aber verheißungsvoller Kampf gegen das Vergessen angesehen werden muss.“

Andere haben profanere Fragen im Umgang mit den Gedenkfeiern. Die Görlitzerin Helga Zeuner zum Beispiel fragte schon voriges Jahr in der Stadtverwaltung an, ob es nicht andere Möglichkeiten als Blumengebinde und Kränze gäbe. Schnell verwelken sie und kehren so die gute Absicht in ein unschönes Bild.

Die Verwaltung indes weiß darauf keine Antwort. „Plastekränze sind irgendwie unangemessen“, überlegt Stadtsprecherin Sylvia Otto. Auf eine andere Frage nach dauerhaften Koniferen neben der Gedenktafel aber muss sie abwinken: „Diese Fläche gehört dem Freistaat, da können wir nicht einfach pflanzen.“