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Gedenkstätte erinnert an die Toten des Gelben Elends

Zahllose Opfer wurden an dem heutigen Bautzener Gefängnis verscharrt. Für ihre Angehörigen wurde ein Wunsch wahr.

© Uwe Soeder

Von Christoph Scharf

Der Nebel hängt zwischen den Bäumen. Schlanke Birken tragen das letzte Herbstlaub. Gelb wie die Blätter ist auch die Klinkerwand, die jetzt auf dem Bautzener Karnickelberg entstanden ist. „Hier haben die an Kraft Erschöpften Ruhe“, heißt die Aufschrift auf dem Mauerstück. Sie soll an die Toten erinnern, die nach 1945 auf dem Areal neben dem Gefängnis verscharrt wurden. Bis 1956 diente die heutige JVA als sowjetisches Speziallager. Nacht für Nacht wurden die Leichen mit dem Karren vor die Klinkermauern gefahren, die dem Ort den Namen „Gelbes Elend“ verpassten. Namenlos kamen die Opfer unter die Erde. Den Angehörigen blieb kein Ort, wo sie um ihre Männer, Väter und Freunde hätten trauern können – Jahrzehnte lang.

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Das änderte sich erst in den vergangenen Jahren. Eine Probegrabung der Bundeswehr kurz nach der Wende brachte auf dem Karnickelberg die Gebeine von 248 Opfern ans Tageslicht. Laut den Unterlagen des Bautzen-Komitees kamen im Gelben Elend aber mehr als zehnmal so viele ums Leben – exakt 3 132 Menschen. Gern hätte man alle sterblichen Überreste geborgen. Weil dafür ein aufgeschütteter Berg umzugraben wäre, entschloss man sich, die Suche nach den anderen einzustellen. Laut Reinhard Pappai vom Bautzen-Komitee ist das nicht die schlechteste Lösung. „Die Toten haben ihre letzte Ruhe längst gefunden. Man muss sie nicht umbetten, sondern einen würdigen Ort schaffen!“

Das gelang zu einem Teil bereits im Jahr 2000: Damals wurde auf dem Areal der früheren Hundezwinger ein Gräberfeld angelegt und die Gedenkkapelle errichtet. Der größere Teil des Massengrabs aber blieb vorerst eine Brache, auf der Unkraut gedieh und Rehe grasten. Dem Opferverband fehlte schlicht das Geld, das Areal weiter zu untersuchen oder zu gestalten.

Das änderte sich im Frühjahr mit einer überraschenden Nachricht: Ein einzelner Mann spendete eine Viertelmillion Euro für das Projekt. Professor Reinfried Pohl, Gründer und Vorstandsvorsitzender der Deutschen Vermögensberatung, einer der reichsten Unternehmer Deutschlands. Das Familienschicksal verbindet den gebürtigen Sudetendeutschen mit Bautzen. Sein Vater starb 1946 im Speziallager.

Mit der Spende ließ sich in den vergangenen Monaten das verwilderte Areal gestalten und ein Rundweg samt Treppenanlage und Sichtgraben anlegen. Dort können Besucher einen Blick auf die verschiedenen Erdschichten werfen. So bekommen sie einen Eindruck, unter welchen Bedingungen die Häftlinge verscharrt wurden. Außerdem wurde eine Wand aus gelben Klinkersteinen errichtet. An der Mauer können Angehörige trauern und Blumen ablegen, sagt Alexander Latotzky, Vorsitzender des Bautzen-Komitees. „Das Mauerstück als Gedenken ans Gelbe Elend ist umso wichtiger, weil der größte Teil der historischen Außenmauer durch Beton ersetzt wird“, sagt der 65-Jährige.

Zur feierlichen Eröffnung der Gedenkstätte feierlich eingeweiht wird. Dafür findet am Ewigkeitssonntag fand eigens ein ökumenischer Gottesdienst in der Anstaltskirche statt, an dem auch Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) und Justizminister Jürgen Martens (FDP) teilnahmen. Dabei sang ein Männerchor aus Mitgliedern Bautzener Chöre mehrere Stücke, die seinerzeit der Gefangenenchor des Gelben Elends aufgeführt hat – von Schubert, Gallus und Arcadelt. „Für frühere Häftlinge wird es bewegend sein, sich wieder an ihren alten Platz in der Anstaltskirche zu setzen“, sagt Alexander Latotzky. Vor knapp zwei Wochen wurde das Gräberfeld am Karnickelberg eingeweiht.