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Geduldet. Auf Zeit.

Jamal aus Marokko wünscht sich nichts mehr, als in Deutschland zu leben. Asyl gibt es für ihn nicht – aber Arbeit.

© René Meinig

Von Franz Werfel

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Dippoldiswalde/Dresden. Der junge Marokkaner, der in diesem Text Jamal heißen soll, beschließt 2014, von zu Hause aufzubrechen. Da ist er 19 Jahre alt. Zu Hause, das ist ein Dorf, eine Stunde von der früheren Hauptstadt Marrakesch entfernt. Dort hat er bisher sein ganzes Leben verbracht. Mit seinen Eltern, die als Bauern einen kleinen Hof betreiben, mit Ziegen, Schafen, Kühen, Oliven – und seinen vier Geschwistern. Nach neun Schuljahren hat er eine Ausbildung zum Maler gemacht, danach war er arbeitslos. „Es gibt in Marokko nicht genug Arbeit für uns junge Leute“, sagt er.

Wenn Jamal von seiner Heimat berichtet und warum er sie verlassen wollte, zählt er neben der hohen Arbeitslosigkeit noch viele weitere Aspekte auf: „Korruption und Schmiergeldzahlungen sind an der Tagesordnung, zum Beispiel, wenn man einen Führerschein ohne Fahrschule haben will“, sagt er. Die Bildung sei nicht gut, ein funktionierendes Sozialsystem mit Kranken- und Rentenkasse gebe es nicht. Für die Uni brauche man reiche Eltern, sagt Jamal.

Also macht er sich auf den Weg. Mit dem Startkapital seines Vaters kommt er bis nach Libyen. Europa ist jetzt sein Sehnsuchtsort. An der libyschen Küste sucht er sich ein Schleuserboot und landet nach schwerer Überfahrt, bei der vier Menschen sterben, auf der italienischen Insel Lampedusa. „Nach 24 Stunden wurden wir von den Behörden mit einem Flugzeug nach Sardinien gebracht.“ Nahe der sardischen Hauptstadt Cagliari, ganz im Süden der Mittelmeerinsel, wird Jamal die nächsten neun Monate leben. Er lernt Italienisch und geht in die Schule. „Aber auf Sardinien ist es auch schwer, Arbeit zu finden.“

Die Reise geht weiter, per Fähre, Bus und Zug, über Verona, Innsbruck, München. Seit drei Jahren lebt Jamal nun in Deutschland, die meiste Zeit im Asylheim in Schmiedeberg. Asyl hat er nicht bekommen, weil die rechtlichen Voraussetzungen dafür fehlten. Er lernt Deutsch, geht zur Schule. Als die Polizei ins Heim kommt, um Geflüchtete für die Abschiebung zu holen, ist er gerade nicht da.

Auf keinen Fall zurück nach Hause

In Schmiedeberg nimmt sich das Pfarrerehepaar Lorenz seiner an. Katharina Drese-Lorenz, die für den jungen Mann so etwas wie eine zweite Mutter wird, spricht dabei von einem Gewissenskonflikt: „Wir haben Jamal unterstützt, obwohl er eigentlich nicht hierbleiben dürfte. Aber er gibt sich so viel Mühe und wir sehen für ihn in diesem Land gute Chancen.“ Viele andere Geflüchtete würden sich nicht integrieren. Mit Pfarrer Johannes Lorenz besucht Jamal den Tischtennisclub und nimmt an Festen in der Gemeinde teil. Er will es in Deutschland schaffen, unbedingt. Zurück nach Marokko will er auf keinen Fall. Zu aussichtslos erscheint ihm die Situation in seiner Heimat. „Eher würde ich in einem anderen europäischen Land untertauchen“, sagt er. Auch bei sich selbst hat er schon eine Veränderung bemerkt: „Wenn du eine Zeit lang in Deutschland lebst, mit der guten Organisation hier, der guten Infrastruktur, dem guten Sozialsystem, das sich die Menschen aufgebaut haben – dann willst du nicht wieder zurück.“ Jamal geht noch einen Schritt weiter. „Wenn ich an mein Zuhause denke, komme ich mir mittlerweile wie ein Flüchtling vor.“

In der Zwischenzeit hat sich für ihn eine Perspektive ergeben. Im August 2016 hatte die Bundesregierung im Zuge des neuen Integrationsgesetzes auch die sogenannte Drei-plus-zwei-Regel beschlossen. Sie richtet sich explizit nicht an anerkannte Flüchtlinge, sondern Menschen, die einen Duldungsstatus bekommen haben. Mit dieser Regel dürfen geduldete Flüchtlinge, die eine dreijährige Ausbildung aufnehmen, in dieser Zeit nicht abgeschoben werden. Wenn sie nach erfolgreicher Ausbildung innerhalb von sechs Monaten einen Job finden, dürfen sie noch zwei weitere Jahre in Deutschland bleiben. Diese Chance will Jamal nutzen.

Es gibt genug zu tun

Deshalb hat er vor Kurzem eine Ausbildung zum Kaufmann für Bürokommunikation begonnen – in Dresden. Weil er nicht jeden Tag von Schmiedeberg nach Dresden pendeln will, ist er in einer WG in der Dresdner Neustadt untergekommen. Flüchtlingshelfer aus Schmiedeberg und anderen Heimen berichten, das sei eine gängige Praxis. Nie seien alle vor Ort, die dort offiziell wohnen würden. Es gibt zwar in Sachsen die Auflage, dass Menschen aus dem Landkreis, in dem sie registriert sind, in den ersten drei Jahren nicht wegziehen dürfen. Es gibt für diese sogenannte Wohnsitzauflage aber auch Ausnahmen. Ausbildungen gehören dazu.

Seine erste Ausbildung hat Jamal nicht geschafft. Obwohl er so gut Deutsch spricht, dass er sich fließend unterhalten kann, ist er an der Sprache gescheitert. Die Berufsschule in Chemnitz ist ihm schwergefallen. Vielleicht war die Bürokommunikation auch einfach nicht das Richtige für ihn. Nun will er bei einer großen Firma in Dippoldiswalde neu starten. Jeder, der die Drei-plus-zwei-Regel für sich in Anspruch nimmt, hat zwei Versuche.

Wie Jamal geht es vielen Migranten, die nach Deutschland gekommen sind. Seine Geschichte legt nahe, dass Deutschland ein Einwanderungsgesetz helfen könnte. Dass das Land in den kommenden zwei Jahrzehnten mehr Arbeitskräfte braucht, wenn die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen, gilt mittlerweile als Konsens. Katharina Drese-Lorenz sagt: „Schon jetzt hören wir oft, dass Firmenchefs nicht genug Mitarbeiter finden. Ich verstehe nicht, warum wir den jungen Menschen, die nun schon mal hier sind, keine Chance geben.“ Technisierte Abläufe können die dann fehlende Arbeitskraft nicht kompensieren. Das gilt gerade auch für einfachere Hilfsjobs oder körperlich besonders anstrengende Arbeiten. Jamal sagt auch: „Ich will arbeiten, ich will etwas mit meinen Händen tun.“ Deutschland muss sich überlegen, ob es ihm eine Chance geben will.