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Geduldet in der Fremde

Wer sind die Menschen, die bei uns Asyl suchen? Und wie leben sie?

Von Jana Ulbrich

Das Herz tut weh. Dagurkhan hat Tränen in den Augen, als sie das sagt. Sie nimmt Tabletten. Aber das Herz weint trotzdem. Dagurkhan sieht aus wie das alte Mütterchen aus russischen Märchen. Kopftuch, langer Rock, nackte Füße in Filzpantoffeln. Ihr Gesicht ist von Falten zerfurcht, ein paar Zähne fehlen. Dabei ist sie gerade erst 65 geworden. Wie verloren sitzt sie auf der Bank im tristen Hof vor dem Asylbewerberheim in Bischofswerda, die Hände im Schoß. Was sollen sie auch tun? Dagurkhan hat keinen Garten mehr zum Umgraben und kein Haus, in dem es Arbeit gibt. Sie hat ein Bett in einem kleinen Zimmer.

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Das kleine Zimmer teilt sie sich mit ihrer 28-jährigen Tochter und ihrem 20-jährigen Sohn. Sie muss über einen langen Gang laufen, vorbei an anderen Zimmern, um zur Toilette zu gehen. Sie muss im Gemeinschaftswaschraum neben fremden Menschen duschen. Sie muss in der Gemeinschaftsküche neben Fremden kochen. Das alles belastet sie, auch wenn Dagurkhan selbst nicht darüber spricht. Sie beklagt sich nicht. Sie ist dankbar, dass sie hier sein darf, sagt sie. Sie spricht Russisch. Deutsch kann sie nicht.

Dagurkhan kommt aus Tschetschenien. Es herrscht immer noch Krieg gegen die, die nicht auf Russlands Seite stehen, sagt sie. Ihren Mann haben sie umgebracht und den ältesten Sohn. „Wenn Du nicht willst, dass wir auch sterben, müssen wir weg“, haben ihre anderen Kinder gesagt. Sie ist mit ihnen auf die Ladefläche eines Lkw gestiegen. Ohne ihre Kinder wollte sie nicht bleiben. Über ein Jahr ist das her.

Elly und ihre beiden Töchter sind schon vor zweieinhalb Jahren aus dem Iran gekommen. 20 000 Dollar haben sie einem Schlepper für falsche Pässe und einen Flug nach Kanada bezahlt. Statt in Toronto sind sie jetzt in Kamenz. „Der hat uns voll betrogen“, erzählt Ellys Tochter Laleh* in erstaunlich gutem Deutsch. „Wir wussten zuerst gar nicht, wo wir sind. Wir kannten die Sprache nicht, wir kannten die Menschen nicht. Es war schrecklich.“

Die 18-Jährige und ihre 13-jährige Schwester Rosa* haben schnell gelernt. Laleh geht in Kamenz zur Oberschule und büffelt wie ihre deutschen Mitschüler gerade für die Abschlussprüfungen. Rosa lernt am Gymnasium in Hoyerswerda. Ihre richtigen Namen wollen die Mädchen nicht nennen. „In der Schule wissen sie nicht, dass wir Asylbewerber sind“, erklärt Rosa. Sie möchte auch nicht, dass es jemand erfährt. Als ob sie sich schämt dafür.

Zu Hause im Iran war die Familie gut situiert. „Wir hatten ein großes Haus, wir hatten ein Auto, wir hatten Geld, wir sind in den Urlaub gefahren“, erzählen die Mädchen. Der Vater, der eine Exportfirma leitet, ist in Teheran geblieben. Übers Internet hält die Familie Kontakt. „Für Frauen ist das kein Leben im Iran“, sagt Laleh. „Frauen haben dort überhaupt keine Freiheiten, nicht einmal als Kinder durften wir ohne Kopftuch auf die Straße. Aber wir sind Christen. Wir tragen keine Kopftücher!“

Elly hat ihre Töchter zu Selbstbewusstsein erzogen. Sie selbst wirkt scheu, wie sie da auf dem Hocker in ihrer kleinen Stube sitzt. Doch sie ist glücklich, dass sie diese Stube hat, sagt sie. Ihr Deutsch ist noch schlecht. Aber jetzt, nach acht Monaten in Kamenz, kann sie endlich an einem Sprachkurs teilnehmen. Und danach, hofft sie, kann sie vielleicht arbeiten. Im Iran hat sie Schüler am Computer ausgebildet.

Elly und ihre Töchter haben das Glück, als Asylbewerber in einer eigenen Wohnung leben zu können. Die ist klein, aber gemütlich. „Es ist viel, viel besser als im Heim“, sagen die Mädchen. Nur 27 Asylbewerber-Familien im Kreis Bautzen sind auf diese Weise untergebracht. Sie leben in preiswerten Wohnungen in Bautzen, Hoyerswerda, Kamenz, Wiednitz und Königswartha. „Da sollte man schon Deutsch können und sich alleine zurechtfinden“, sagt Laleh, „sonst wird das schwierig.“

Im Heim ist es aber auch schwierig. Sagt Hassan. Der 19-Jährige aus Afghanistan teilt sich in Kamenz ein Zimmer mit seinem Landsmann Saqiy. Die beiden Junggesellen haben noch Glück, dass sie nicht zu dritt sind auf den 21 Quadratmetern. Mit sechs Quadratmeter Wohnraum muss ein Asylbewerber normalerweise auskommen. Im Zimmer von Hassan und Saqiy stehen eine gebrauchte Couchgarnitur mit Kacheltisch, zwei Betten mit Eisengestell, ein Schrank aus Spanplatten und zwei alte Blechspinde, sicher aus der Umkleide einer stillgelegten Fabrik. Hassan und Saqiy sind zufrieden damit. Jetzt bekommt das Heim auch noch Wlan. Da sind sie per Computer oder Handy mit der Heimat verbunden. „Ich – liebe – Deutschland“, sagt Hassen. Der erste und ziemlich einzige Satz auf Deutsch, den er gerne wiederholt. Mit dem Deutschkurs haben die beiden ja auch gerade erst angefangen. Auf dem Kacheltisch liegt eine Bibel auf Persisch. Stolz erzählt Saqiy, dass er Christ ist. Und wie zum Beweis zeigt er ein Foto, das ihn mit dem Pfarrer in der Kirche zeigt. Er geht hier oft in die Kirche, sagt er. Und ins Fitnessstudio.

Das Kamenzer Heim ist riesig. Vier Etagen. Unendlich lange Gänge. Fast alle der 400 Plätze sind belegt, auch die der Notunterkunft. Menschen aus 22 Nationen hocken hier auf engstem Raum. Da gibt es schon mal Konflikte. Aber weniger als anfangs befürchtet, versichert der Heimleiter. Man muss eben aufpassen, wer mit wem sein Zimmer teilen muss.

Die meisten Asylbewerber im Kreis werden kein dauerhaftes Aufenthaltsrecht in Deutschland bekommen. Sie leben hier als Geduldete, solange sie aus verschiedenen Gründen nicht abgeschoben werden können. Im Durchschnitt dauert ein Asylverfahren in Deutschland neun Monate. Manche sind schon jahrelang geduldet.

Hassan und Saqiy aus Afghanistan haben gute Chancen auf Asyl in Deutschland. Für Elly aus dem Iran und ihre Töchter sieht es eher schlecht aus. Und Dagurkhan und ihre Familie aus Tschetschenien? „Ich weiß es nicht“, sagt die alte Frau, die noch immer einsam auf der Bank vorm Bischofswerdaer Heim sitzt. „Ich möchte nur, dass es meinen Kindern gutgeht.“