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„Gefahr, positiv getestet zu werden, ist riesengroß“

Der Chef des Kreischaer Antidopinglabors wundert sich über den Fall Sachenbacher-Stehle – gleich mehrfach.

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© dpa

Zur olympischen Bilanz von Sotschi gehören sechs Dopingfälle. Bisher. Die 2 667 Proben könnten weitere verräterische Inhalte haben. Für zehn Jahre werden sie nun eingefroren und könnten erneut durchforstet werden, wenn neue Analysetechniken präsent sind. Darüber und über die Falle Nahrungsergänzung sowie die Aufregung zum Edelgas Xenon sprach Detlef Thieme, Chef des Instituts für Dopinganalytik und Sportbiochemie in Kreischa, im Interview mit der Sächsischen Zeitung.

Dr. Detlef Thieme (54), Chemiker und Toxikologe, leitet seit 2008 das Antidoping-Institut in Kreischa.
Dr. Detlef Thieme (54), Chemiker und Toxikologe, leitet seit 2008 das Antidoping-Institut in Kreischa. © Robert Michael

Herr Thieme, heute schon gedopt, also zum Energieriegel gegriffen?

Wenn der verbotene Substanzen enthalten würde, wäre es Doping. Diese strenge Definition trifft aber nur auf die kleine Gruppe der Spitzensportler zu, die Dopingkontrollen unterliegen. Diese Athleten sind verantwortlich dafür, was sie im Körper haben. Sie sind aber auch ausreichend darüber belehrt worden, dass es Probleme mit Nahrungsergänzungsmitteln geben kann. Sie müssen genau hinschauen, was sie nehmen. Beim Breitensportler stellt sich die Frage meist gar nicht.

Muss man davon ausgehen, dass die handelsüblichen Müsliriegel mit Dopingmitteln verseucht sind?

Nein. Das Problem schien überwunden zu sein. In den späten 90er-Jahren gab es kontaminierte Präparate. Im Graubereich oder bei Zulieferern wurde unsauber gearbeitet. Selbst renommierte Firmen verarbeiteten verunreinigte Zwischenprodukte. Heute geht es eher darum, dass vorsätzlich Substanzen beigemischt werden. Typisch dafür ist das Methylhexanamin, das angeblich aus Geranienextrakten stammt.

Also ist das etwas Biologisches, ein Naturprodukt?

Dem Anschein nach. Natürliche Rohstoffe enthalten diese Substanz aber nicht. In Wirklichkeit wird dann oft ein Pseudo-Naturprodukt hergestellt, was mit chemischen Substanzen angereichert wird. Aber damit die wirken können, reichen keine geringen Konzentrationen.

Was bewirkte das bei Sachenbacher-Stehle gefundene Mittel?

Es ist ein mildes Stimulanz. Das gab es früher als Arzneimittel, als Tonikum, als moderaten Muntermacher. Das hat im Sport Missbrauchspotenzial. Aber erst dann, wenn es in auffälligen Konzentrationen auftaucht, durch Beimischung. Von geringfügigen Verunreinigungen kann dann keine Rede sein. So wird ein Dopingfall daraus.

Ist denn durchgesickert, um welche Konzentrationen es sich handelt?

Nein. Es gibt Fälle, da reichen schon Spuren für einen Dopingbefund – zum Beispiel bei Anabolika, die körperfremd sind, die keine Medikation darstellen. Da versteht die Weltantidopingagentur Wada keinen Spaß. Da ist jede noch so kleine Konzentration strafwürdig. Bei Stimulanzien gibt es Schwellwerte.

Wieso gab es in Sotschi neben dem deutschen noch weitere Fälle mit solchen Substanzen?

Das wundert mich, auch, dass in den vergangenen Jahren gehäuft solche Fälle auftraten. Die Gefahr, positiv getestet zu werden, ist riesengroß. Dafür ist der Nutzen nur gering. Solche Stimulanzien sind wegen ihres ungünstigen Risiko-Nutzen-Verhältnisses enorm undankbar. Ich vermute deshalb nicht, dass es sich beim Fall der deutschen Biathletin um das Komplott einer gut organisierten Doping-Mafia handelt. Offenbar ist es immer noch ein Problem des Marktes.

Wenn es ähnlich wirkt wie Koffein, dann könnte es doch auch von der Dopingliste verschwinden? Beim Kaffeewirkstoff war es doch so.

Das Potenzial ist ähnlich. Koffein ist aber ein Nahrungsbestandteil, aus dem Alltag eines Mitteleuropäers nicht wegzudenken. Dagegen hat Methylhexanamin in der normalen Nahrung nichts verloren. Deshalb kann man seinen Gebrauch leicht sanktionieren. Ich halte es für absurd, Methylhexanamin als Nahrungsergänzungsmittel zu bezeichnen. Damit ergänzt doch wohl niemand seine Nahrung.

Das macht den Sachenbacher-Stehle-Fall doch immer wunderlicher.

Unüberlegt, schlecht beraten, fahrlässig – ich weiß nicht, was da alles zusammenkam. Ich hätte es kaum für möglich gehalten, dass es so einen Fall geben könnte. Deutsche Sportler sind so gut informiert, wie man es sich nur wünschen kann. Dass jemand aus diesem Athletenkreis in so eine Falle gerät, hätte ich mir nicht vorstellen können.

Nun sagt sie, dass sie ihre Mittel getestet habe. Hatte sie zu viel Vertrauen?

Wenn es ein seriöses, zertifiziertes Präparat war, dann sollte es einheitlich sein. Aber wenn es sich um ein mutmaßlich biologisches Produkt handelt, könnte es sich auch verändern, schon wenn ein Zulieferer wechselt. Wenn beim Labortest eine Charge sauber ist, dann gilt das Zertifikat nur für diese. So ein Test gibt also nur bedingte Sicherheit. Die Warnungen an Sportler sind mehr als zehn Jahre alt, solche Mittel auf ein Minimum zu beschränken.

Haben Sie schon solche Riegel getestet?

Die Wada hatte davon mal abgeraten aus Furcht vor Interessenskonflikten. Es ist tatsächlich nicht gut, wenn man als Gutachter für beide Parteien arbeitet. Inzwischen ist die Auffassung moderater. Nahrungsergänzungsmittel spielen in Kreischa eine untergeordnete Rolle. Wir untersuchen häufiger Schwarzmarktpräparate, Nachahmermedikamente, Schmuggelgut und die Produkte aus illegalen Giftküchen.

Wird mit Kanonen auf Spatzen geschossen, wenn im Fall Sachenbacher-Stehle jetzt ermittelt wird?

Ermittlungen ergeben immer Sinn, sie sind zur Rechtsfindung da. Wenn jemand bei Olympischen Spielen als Dopingtäter in Erscheinung tritt, dann gibt es einen Anfangsverdacht. Man tut gut daran, den aufzuklären. Was ich eher hinterfrage, ist, ob das mit so viel Vorverurteilung und Öffentlichkeit nötig ist.

Wie kam es denn, dass vor Sotschi so viele alte Dopingproben positiv getestet werden konnten?

Durch neue Kontrollmethoden, die in mehreren Labors gefunden wurden. So entdeckten die Kollegen in Moskau neue Methoden zum Langzeitnachweis des Anabolikums Oral-Turinabol. Sie wiesen Zerfallsprodukte nach, die beim Abbau von anabolen Steroiden entstehen. Mit solchen Methoden war man in eingelagerten Proben von zurückliegenden Spielen fündig geworden. Es kann niemand sicher sein, der manipuliert. Alle IOC-akkreditierten Labore forschen, das gehört zur Bringepflicht. Und es gibt einen Austausch darüber.

Russische Sportler sollen bei der Olympiavorbereitung Edelgase verwendet haben. Ist das eine neue Doping-Form?

Der Hintergrund ist plausibel: Wenn der Körper zu wenig Sauerstoff bekommt, dann versucht er gegenzusteuern. Er transportiert den wenigen Sauerstoff besser – zum Beispiel durch mehr rote Blutkörperchen. Die bekommen Sportler durch Training, durch Höhenbelastung, durch Unterdruckkammern – oder durch das verbotene Epo. Das geht aber auch durch Edelgase wie Xenon. Für mich ist es eine andere Variante des Höhentrainings.

Ist das nun eine verbotene Methode?

Der Prozess muss extrem lange dauern, Edelgas ist schwer nachweisbar. Wie die Methode praktisch umgesetzt wird, ist für mich spekulativ. Das dürfte ein Fall für Juristen sein. Die müssen sich fragen, ob diese konkrete Form vom bestehenden Verbot der Blutmanipulation erfasst wird. Höhentraining steht auch nicht auf dem Index. Aber vielleicht ist die Xenon-Methode jetzt zu viel des Guten. Ich finde sie überspitzt, halte sie für problematisch – und ähnlich gelagert wie Training in Unterdruckkammern.

Gibt es in Kreischa Neuigkeiten?

Wir haben angebaut für Asservate, um die Untersuchungen für die Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft München bewältigen zu können. Da geht es um den Kampf gegen Panscher, Drogenhändler und Zollvergehen. Und wir haben seit 2013 als An-Institut eine Kooperationsvereinbarung mit der TU Dresden. Das ist eine erfreuliche Entwicklung.

Das Interview führte Jochen Mayer.