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Gefangener nimmt sich in JVA das Leben

Nach einem Suizid erheben die Insassen schwere Vorwürfe gegen die Anstaltsleitung. Die aber kann keine Fehler erkennen.

Hinter den Mauern der JVA Zeithain kam es Ende Juni zu einem Zwischenfall: Ein Gefangener wurde in seiner Zelle tot aufgefunden. Nach bisherigen Erkenntnissen nahm sich der Mann das Leben.
Hinter den Mauern der JVA Zeithain kam es Ende Juni zu einem Zwischenfall: Ein Gefangener wurde in seiner Zelle tot aufgefunden. Nach bisherigen Erkenntnissen nahm sich der Mann das Leben. ©  Sebastian Schultz

Glaubitz. Der handgeschriebene Brief ist vier Seiten lang und zeichnet ein Bild des Versagens in der Justizvollzugsanstalt Zeithain: zu wenig Personal, Fehlentscheidungen bei der Zusammenlegung von Gefangenen – und zuletzt auch noch ein Suizid. Das alles behauptet zumindest ein Insasse der hiesigen JVA in einem Schreiben an die Sächsische Zeitung. Sechs Mitgefangene haben den Brief unterzeichnet und somit bezeugt, „dass die geschilderten Dinge der Wahrheit entsprechen“. Doch was sagt die Anstalt zu den massiven Vorwürfen?

Auf Anfrage der SZ räumt man in der JVA Zeithain ein, dass es Ende Juni einen Zwischenfall gegeben habe. Am Freitag, 28. Juni, sei ein Gefangener tot in seinem Haftraum aufgefunden worden. „Nach jetzigem Kenntnisstand handelt es sich bei der Todesursache um einen Suizid“, so JVA-Sprecher Benno Kretzschmar. 

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Weitere Angaben zu den Todesumständen macht die Anstalt nicht. Im Schreiben des JVA-Insassen heißt es zu dem Vorfall, der Gefangene habe sich in seiner Zelle erhängt.

War der Suizid vorhersehbar?

Der Mitgefangene ist sich zudem sicher: Die Anstaltsleitung hätte den Tod des Mannes verhindern können. „Es war sehr wohl bekannt, dass dieser Gefangene Probleme mit Mitgefangenen hat“, heißt es in dem Brief. Regelmäßig habe der Mann, der von vielen als Opfer betrachtet worden sei, niedere Arbeiten für andere verrichten müssen, beispielsweise Toilette putzen oder Zigaretten stopfen. 

„Es stellt sich (...) die Frage, warum jemand, der als ‚Opfer‘ bekannt ist, von Gemeinschaftsunterbringung in die Einzelunterbringung verlegt wird, wo er durch den Personalnotstand kaum gesehen wird“, so die Insassen. Außerdem habe der Mann hohe Schulden bei Mitgefangenen gehabt. Auch das könnte ihn psychisch belastet haben.

Eine Mitschuld am Suizid weist die Anstalt aber von sich. „In einer JVA sind auf den voneinander abgegrenzten Stationen auf engstem Raum Personen untergebracht, von denen viele persönliche Probleme – auch hinsichtlich des sozialen Miteinanders – aufweisen“, erklärt JVA-Sprecher Benno Kretzschmar. 

Grundsätzlich seien Probleme und Konflikte unter den Gefangenen nicht vermeidbar. „Nur sehr selten kann man hierbei einzelnen Gefangenen eine Täterrolle und anderen Gefangenen eine Opferrolle zuschreiben“, so Kretzschmar. Vielmehr präge es die Biografien vieler Gefangener, dass sie in der einen Situation als Täter und in einer anderen als Opfer auftreten würden.

Dass jener Gefangene, der sich am 28. Juni bisherigen Erkenntnissen nach in der Anstalt das Leben nahm, in einer Einzelzelle lebte, sei laut JVA gängige Praxis. Generell hätte nach Paragraf 11 des sächsischen Strafvollzugsgesetzes jeder Gefangene einen Anspruch auf Einzelunterbringung. 

„Im konkreten Fall waren keine Gründe ersichtlich, die gegen eine Einzelunterbringung gesprochen hätten“, so JVA-Sprecher Benno Kretzschmar. Zudem sei diese Form der Unterbringung nicht mit der Trennung von allen anderen Gefangenen, der sogenannten Absonderung, zu verwechseln. Die sei in diesem Fall nicht verfügt gewesen.

Der Verfasser des Briefes ist indes überzeugt, dass auch die personelle Situation in der hiesigen JVA ihren Teil zum Suizid des Gefangenen beigetragen hat. In dem Schreiben heißt es, die Anstalt sei „ständig unterbesetzt, was bedeutet, dass ein Beamter zwei Stationen zu betreuen hat.“

Fing die Anstalt einen Brief ab?

Vonseiten der Anstalt wird das Problem grundsätzlich bestätigt. Im sächsischen Justizvollzug komme es derzeit zu personellen Engpässen, insbesondere in Zusammenhang mit zusätzlichen und nicht planbaren Belastungen, wie beispielsweise kurzfristig notwendigen Vorführungen von Gefangenen bei Gericht oder medizinisch bedingten Ausführungen von Gefangenen. 

„Das kann dazu führen, dass ein Bediensteter zwei Stationen beaufsichtigt“, so JVA-Sprecher Kretzschmar. Die personelle Situation solle sich aber schon bald spürbar verbessern, heißt es. Denn mit den Doppelhaushalten 2017/18 und 2019/20 seien dem Justizvollzug seitens der Landesregierung 225 Planstellen und 88 Anwärterstellen zusätzlich zur Verfügung gestellt worden.

Ob dem Verfasser des Schreibens diese Antwort genügen dürfte? In seinem Brief an die Sächsische Zeitung äußert er, dass es ihn bereits freuen würde, wenn es zu den Problemen in der Justizvollzugsanstalt „einen Artikel geben könnte, um endlich etwas an dieser Situation zu ändern“. 

Dies sei ihm auch deshalb wichtig, weil er zu den Geschehnissen in der JVA schon einmal einen Brief an die SZ geschrieben habe, dieser aber von der Anstaltsleitung abgefangen worden sei, da er „die Sicherheit und Ordnung gefährden“ würde.

Laut JVA-Sprecher Benno Kretzschmar steht es dem Anstaltsleiter nach Paragraf 35 des sächsischen Strafvollzugsgesetzes unter bestimmten Voraussetzungen zu, Schreiben von Gefangenen anzuhalten. „Beispielsweise, wenn Inhalte von Schreiben die Erreichung des Vollzugszieles oder die Sicherheit und Ordnung in der Anstalt gefährden würden“, so Kretzschmar. 

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„Oder wenn die Schreiben grob unrichtige oder erheblich entstellende Darstellungen von Anstaltsverhältnissen oder grobe Beleidigungen enthalten.“ Ob der Anstaltsleiter in diesem konkreten Fall von seinem Recht Gebrauch machte, kann seitens der hiesigen JVA nicht beantwortet werden, „da der Verfasser des Leserbriefs hier nicht bekannt ist.“

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