merken
PLUS Großenhain

Geflohen aus einem der schönsten Länder

47 Venezuelaner leben mittlerweile im Landkreis Meißen. Reina Corti und Tochter Maria Cristina gehören dazu. Warum sie ihre Heimat im Niedergang sehen.

Die Architektin Reina Corti (r.) und ihre Tochter Maria Cristina sind aus Venezuela geflohen. In Deutschland wollen sie sich eine neue Existenz aufbauen. Maria Christina will auch Architektin werden.
Die Architektin Reina Corti (r.) und ihre Tochter Maria Cristina sind aus Venezuela geflohen. In Deutschland wollen sie sich eine neue Existenz aufbauen. Maria Christina will auch Architektin werden. © Anne Hübschmann

Großenhain. Venezuela sei eines der schönsten Länder in Lateinamerika, sagt Reina Corti bei ihrem Vortrag zum Internationalen Café der Migrationsberatung. Sie zeigt attraktive Bilder und spricht von Gold, Diamanten und Erdölvorkommen. Vom "Tor nach Südamerika".  

Doch dann stockt ihr die Stimme, und man merkt, dass es der Architektin schwerfällt, weiterzusprechen. Reina Corti musste aus der Stadt Zulia in der Region Maracaibo fliehen, ohne sich lange vorbereiten zu können. Es war eine Flucht vor Gewalt, vor einem repressiven Regime. Ausführlich schildert die attraktive Frau auf Spanisch mit Übersetzung durch ihre Tochter das "Terrorregime", das ihrer Ansicht nach ihr wunderschönes Land beherrscht. 

Anzeige
Palais Sommer wird immer beliebter!
Palais Sommer wird immer beliebter!

Am kommenden Freitag startet Dresdens beliebtes eintrittsfreies Festival für Kunst, Kultur und Bildung bereits in sein viertes Wochenende.

Es gäbe kriminelle Gruppen, die sich wie einst die Gestapo aufführen. Und sogenannte "collectivos", die Corti der Folter, Vergewaltigung und sogar des Mordes bezichtigt. Hier bringt sie den Vergleich zur Stasi. Ein ehemaliges Kaufhaus in der Hauptstadt Caracas sei zu einer großen Haftanstalt für Regimegegner umfunktioniert worden. 

Dass Reina Corti auch ein Regimegegner ist, daraus macht sie keinen Hehl. Sie erzählt von der Bürgerbewegung "Buenosdias", die sich um eine demokratische Alternative für Venezuela bemüht. Reina Corti ist deutlich auf einem Foto zu erkennen. Diese Gruppe der Zivilgesellschaft suche die politische Beteiligung außerhalb der Parteien, weil nur das sinnvoll sei. Man trainiere technische und menschliche Methoden für eine künftig demokratische Führung des Landes. Dass das der jetzigen Regierung nicht gefalle, sei ein Grund, warum viele Venezuelaner ins Exil gehen, das Land verlassen. 

Reina Corti und ihre jetzt 18-jährige Tochter kamen 2018 nach Deutschland. Dass Reinas Schwester in Düsseldorf verheiratet ist, war der Ausschlag für die weite Reise. Außerdem habe Reinas Mutter italienische Wurzeln, Reina wurde deshalb europäisch erzogen. Die Venezuelanerin arbeitet derzeit im Informations- und Kommunikationszentrum der Diakonie Großenhain in der Veranstaltungsorganisation. Maria Cristina besuchte einen Sprachkurs im Berufsschulzentrum und ist jetzt schon so gut, dass sie am Beruflichen  Gymnasium weiterlernen kann. Auch sie will Architektin werden, erzählt sie. 

Weil man sich in ihrer Heimat nicht frei ausdrücken kann, haben Mutter und Tochter Asyl in Deutschland beantragt, das Verfahren läuft noch. Sie setzen ihre Hoffnung zwar auf den Alternativ-Präsidenten Juan Guaido. Und auch auf stärkeren Einfluss der USA in Venezuela. Doch haben sie wenig Vertrauen darin, dass sich die Lage bald bessert. 

„Eine Woche Stromausfall ist normal“, schildert Reina Corti. 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung hätten keinen Zugang zu Trinkwasser. Autobenzin werde verschoben, die Krankenhäuser seien teuer und schmutzig, ein Lebensmittelmangel stehe unmittelbar bevor. Das Schlimmste aber sei der moralische Zusammenbruch im Land, der immer mehr Menschen in die Flucht dränge.  

Weiterführende Artikel

Neuer Look für alte Orgel

Neuer Look für alte Orgel

Migranten haben in Großenhain den nostalgischen Pfeifen im Pfarrhof am Kirchplatz eine bunte Dekoration verpasst.

100 Tage mit 100 Chinesinnen

100 Tage mit 100 Chinesinnen

Beim nächsten Internationalen Café der Großenhainer Migrationsberatung erzählt Yang Li, eine in China geborene Künstlerin und Musiktherapeutin.

www.buenosdias-bdz.org        

Die Migrationsberatung der Diakonie für den Landkreis betreut in Großenhain derzeit 116  Asylsuchende und 127 anerkannte Flüchtlinge. Im Asylverfahren sind aktuell vor allem alleinreisende Männer. 

Mehr zum Thema Großenhain