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Geflüchtet, vertrieben und ausgesiedelt

Zodel. 60 Jahre nach der wilden Vertreibung über die Neiße erinnert einGedenkstein an dasUnrecht von damals.

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Von Steffen Gerhardt

Ein großer Granitstein mit einer in Metall gefassten Tafel erinnert seit gut einer Woche an ein dunkles Kapitel deutsch-polnischer Nachkriegsgeschichte. Dort, wo einst die Straße von Zodel über die Neiße-Brücke nach Lissa, dem heutigen Lasow, führte, steht an der Doppeleiche dieser Gedenkstein. Jene Stelle, an der fast auf den Tag genau vor 60 Jahren der elfjährige Siegfried Bunzel mit seinen Eltern und Großeltern stand. „Im Februar 1945 mussten wir wegen der herannahenden Front flüchten. Nur ein Ochsenfuhrwerk hatten wir für unser Hab und Gut, mit dem wir unser Gehöft bei Bunzlau verlassen mussten“, ist Siegfried Bunzel noch gut in Erinnerung.

Zwischenstopp war in Lissa an der Neiße, das zum Kreis Görlitz gehörte. „Dort wurden wir dann total befreit“, sagt Bunzel sarkastisch. Denn Ochse und Wagen konfiszierten die neuen Herrscher am Ostufer der Neiße. Doch damit nicht genug, der Flucht im Februar folgte die wilde Vertreibung im Juni. „Die Polen jagten uns über die Neiße, noch ehe das Potsdamer Abkommen unterzeichnet war“, entrüstet sich Siegfried Bunzel auch nach 60 Jahren noch. Doch das war schließlich auch den Sowjets zu viel. Sie sammelten im Juli 1945 die Vertriebenen ein und schickten sie vom Güterbahnhof Horka aus in Militärzügen zurück über die Neiße. „Wir waren wieder dort, wo wir schon einmal waren. Erst ein Jahr später wurden wir offiziell ausgesiedelt, so wie es im Potsdamer Abkommen festgeschrieben war. Somit bin ich nicht nur ein Flüchtlingskind, sondern auch ein Vertriebener und ein Ausgesiedelter“, fasst Siegfried Bunzel seine Odyssee in den Jahren 1945/46 zusammen.

Gegen das Vergessen

Heute wohnt der inzwischen 71-Jährige in Ringenhain bei Neukirch. So wie ihm ist es vielen Deutschstämmigen im Sommer 1945 gegangen. Also fanden sich schnell weitere Vertriebene, die nicht nur das Schicksal des damals Elfjährigen teilten, sondern auch sein Vorhaben, einen Gedenkstein gegen das Vergessen aufzustellen. Das ist nun geschehen.

„Das Kriegsende vor 60 Jahren wurde groß gewürdigt, aber dieses finstere Kapitel, dass sich unmittelbar anschloss, fand bisher kaum eine Erwähnung. Wir wollen aber die Erinnerung daran wach halten“, so Bunzel. Jene Wochen, in denen „Unrecht mit Unrecht vergolten wurde“ und „nur polnisches Faustrecht galt“. So steht es auf der Tafel am Gedenkstein. Eine provokante Formulierung, aber „sie ist bewusst so gewählt, denn ich habe es nicht allein so erlebt“, sagt Siegfried Bunzel als Initiator.