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Gegen den Strich

Ronny Scholz steht selten im Rampenlicht. Doch als Dramaturg prägt er seit sieben Jahren das Musiktheater.

Von Frank Seibel

Frechheit und Fingerschnipsen. Wenn Ronny Scholz mal ein Buch über sein Leben schreibt, könnte es vielleicht so heißen: Wenn er so richtig am Erzählen ist, stößt Ronny Scholz immer wieder die Hände nach vorn, mal rechts, mal links, und lässt Finger und Daumen ineinander knallen. Neugier, Begeisterung, Lebensfreude. Ronny Scholz lacht dabei wie ein Junge, der das Leben groß, bunt und wild findet.

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Das erste Kapitel seines Berufslebens könnte die Überschrift „Frechheit“ tragen. Man könnte auch „Naivität“ schreiben, aber das ist nicht wirklich schmeichelhafter und viel weniger interessant. Ronny Scholz war ein Student in Leipzig, gerade 22 Jahre alt, als er auf die verrückte Idee kam, dem neuen Generalmusikdirektor in Görlitz, Eckehard Stier, einen Brief zu schreiben. „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“, schrieb er oben drüber und weiter: „Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich einmal Ihr Orchester dirigiere?“ Damals stand gerade die Ouvertüre zur Bernstein-Oper „Candide“ auf dem Spielplan der Neuen Lausitzer Philharmonie. Und von Leonard Bernstein versteht er was. Das wagte er schon mit Anfang zwanzig selbstbewusst von sich zu sagen. „Alles, was ich über Musik weiß, weiß ich durch Bernstein“, sagt er, weil die Musik, schnips, einfach was hat. Schwung, Pep und eine gewisse Unbändigkeit. Eckehard Stier war damals etwa so alt wie Ronny Scholz heute, aber immerhin ein Künstler von Rang: Generalmusikdirektor … „Ich habe mir damals keine großen Gedanken darüber gemacht, wie man so jemandem gegenübertritt“, erzählt Scholz. Vielleicht konnte er so unbefangen sein, weil der GMD ja das Orchester seiner Heimatstadt leitete, an dem Theater, in dem Ronny Scholz seit der Kindheit die Welt der Musik entdeckt hatte. „Kommen Sie doch einfach mal zu einer Probe vorbei“, habe Stier geantwortet. Der angehende Musik- und Theaterwissenschaftler ließ sich nicht zweimal bitten, kam zur Probe mit dem Bernstein-Stück und folgte dann ganz unbefangen einer weiteren Einladung: Was denn seine Meinung sei, sollte er sagen. „Ich war enttäuscht, es war einfach nicht gut“, erzählt Scholz und grinst vergnügt. Schlecht musiziert und lasch dirigiert, sagt er, und er kreist mit den Armen durch die Lüfte, beschreibt liegen gelassene Melodiebögen und fehlende Dynamik. In seiner Erinnerung sieht er ein ziemlich mürrisches Gesicht des sonst so freundlichen Herrn Stier. Und er hört den geblafften Satz: „Wie alt sind Sie eigentlich. - 22? - Weiter so, Sie gefallen mir.“

Wer nichts wagt, der nichts gewinnt – die freche Schlaumeierei brachte dem jungen Studenten damals so etwas wie einen Lottogewinn ein. Aus dem Studium heraus engagierte ihn das Theater Görlitz als Musikdramaturgen. Ronny Scholz wurde zum wichtigen Partner des Generalmusikdirektors. Sein Gesicht ist in der Öffentlichkeit wenig bekannt, aber im Hintergrund prägt er seit sieben Jahren die Arbeit der Neuen Lausitzer Philharmonie und des Musiktheaters entscheidend mit.

Ronny Scholz ist zu jung, um sich dauerhaft in seiner kleinen Heimatstadt einzurichten. Bald muss er weiterziehen, das weiß er. Manche machen das in seinem Alter alle drei, vier Jahre. „Aber dann hätte ich nicht mehr mitbekommen, ob meine Konzepte wirklich aufgehen.“ Denn alles, was mit Wagnissen verbunden ist am Theater, braucht seine Zeit, um beim Publikum anzukommen. Dass Konzertbesucher jetzt jeden Monat mit Wagnissen, mit Experimenten, manchmal mit deutschen Erstaufführungen konfrontiert werden, darauf hat Ronny Scholz immer Wert gelegt. Es sind nicht weniger Abonnenten geworden, sondern mehr. „Das Publikum merkt, wenn etwas gut ist“, sagt er. Und wenn etwas gut ist, darf es auch neu und ungewohnt sein. „Ich wollte nie BBB-Konzerte machen: Bach, Beethoven, Brahms.“ Denn das, hört er immer wieder von Konzertbesuchern, können Musikfans immer auch in Top-Qualität zu Hause auf CD hören. „Aber was Sie mir hier bieten, habe ich auf keiner CD.“ Neulich hat Ronny Scholz einen Brief erhalten, in dem ein Satz steht, der ihn stolz macht: „Zum Glück haben wir in Görlitz kein Provinztheater.“ Dass der frische Wind durchs Theater und in den Orchestergraben weht, sieht er als eine seiner wichtigsten Aufgaben an. Damit er selbst nicht in stickiger Luft stehen bleibt, geht er immer wieder auf Entdeckungsreisen. Bayreuth, Berlin, Hamburg, Amsterdam– an den großen Opernhäusern und in den großen Konzertsälen holt sich Ronny Scholz Anregungen für seine Arbeit.

Und er lässt sich selbst auf Experimente ein. Seit einigen Jahren wechselt er gelegentlich die Rollen, wird vom Dramaturgen zum Regisseur. An der Grundschule Schöpstal hat er begonnen und kürzlich das Stück „Geggies“ von Mira Lobe zugunsten der leukämiekranken Mitschülerin Hannah aufgeführt. In den vergangenen zwei Wochen ist er einen Schritt weitergegangen. Mit Schülern und Lehrern des Augustum-Annen-Gymnasiums hat Ronny Scholz das Stück „Exploring Insu Pu“ von Sebastian Ripprich nach einer Vorlage von Mira Lobe auf die Bühne gebracht. „Das ist viel mehr als Schülertheater“, betont er und ist stolz auf die zehn Jugendlichen, die im Stück als Teilnehmer einer Reality-Show auf einer einsamen Insel stranden und an die Grenzen ihrer Existenz gehen. Jeden Tag in den Herbstferien haben die Jugendlichen sechs Stunden im Apollo geprobt. Sanft, aber klar und fordernd hat Ronny Scholz den Mädchen und Jungen bühnenreife Gestik und Mimik beigebracht, hat ihnen Melodik und Rhythmik der Sprache vermittelt. „Ich bin stolz auf die Truppe“, sagt er und schwärmt davon, dass die Jugendlichen wirklich ihr Innerstes nach außen kehren, alle Eitelkeiten vergessen und sich ganz in den Dienst des Stückes stellen. Da spürt er das Feuer, das so wichtig ist, wenn ein Theater nicht provinziell sein will. Innerhalb von zwei Wochen hat der Regisseur mit den Jugendlichen ein Probenprogramm durchgezogen, für das Profis am Theater sechs Wochen Zeit haben – von der ersten Sprechprobe bis zur Premiere. „Natürlich kamen anfangs Fragen, ob einer nicht doch noch am Nachmittag zum Reiterhof oder ins Schwimmbad gehen kann“, erzählt Scholz. „Aber ich habe ihnen gesagt: ganz oder gar nicht – und alle ziehen mit.“

Ronny Scholz freut sich über die Theater-Begeisterung der Schüler. Aber er weiß, dass er die meisten von ihnen nicht als Gäste in der Oper oder bei einem Konzert sehen wird. Auch er war mit 14 Jahren ganz allein mit seiner Liebe für Klassik, Klassik, Klassik. „In ein Philharmoniekonzert sind noch nie die Jungen, Flippigen gegangen. Das war schon zu Beethovens Zeit so.“

Dabei öffnet er die Konzertprogramme bewusst für ein jüngeres Publikum – und die Älteren lassen sich drauf ein. Andere Konzerthäuser kämpfen gegen Publikumsschwund, weil sie nur auf eingefahrenen Gleisen unterwegs sind und keine Zumutungen wagen, sagt Scholz. Und er ist davon überzeugt, dass in der Oberlausitz die Abonnentenzahlen nicht trotz, sondern wegen der Experimente steigen. Für die Konzerteinführungen reichten vor einigen Jahren noch zehn Stühle aus – jetzt ist das Theaterfoyer regelmäßig voll. Er ist auf das sechste Konzert der laufenden Spielzeit gespannt. Da stehen Liebeslieder von Franz Schubert neben düsteren Klangbildern zu harten Texten von Rammstein. „Das hat etwas Albtraumhaftes. „Aber wir werden nicht mit Steuermitteln finanziert, damit wir die Menschen einlullen.“ Die Gefahr, betulich zu werden, ist in einer gediegenen Stadt wie Görlitz größer als in Berlin. „Weil die Stadt ist, wie sie ist, muss sie ab und zu gegen den Strich gebürstet werden.“

„Exploring Insu Pu“ in der Regie von Ronny Scholz ist

an folgenden Terminen im Apollo zu erleben: 2.11., 19.30 Uhr; 9.11., 19.30 Uhr; 10.11., 15 Uhr; 23.11.,

19.30 Uhr; 24 .11., 17.00 Uhr; 28.11., 19.30 Uhr.