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Geh Gegengedenken

Erfrischend aufmischend: Wie junge „Dresdner_innen“ sich an der Erinnerungstradition des 13. Februar heißreiben.

Von Oliver Reinhard

Schon der Titel knallt als zackiges Statement ins Ohr: „Gedenken abschaffen“, titelt fordernd der Sammelband eines Dresdner „Autor_innenkollektivs ,Dissonanz‘“, der heute erscheint. Klar, es geht um den Umgang mit dem 13. Februar in der Elbestadt. Ebenso klar macht der Titel: Hier sind antifa-nahe und geschlechterdebatten-bewegte Menschen am Werk, die die seit Jahren geführte und inzwischen auch festgefahrene Diskussion um Gedenk-Gegenwart und -Zukunft aufmischen wollen. Mit den Dissonanz-Instrumenten Provokation und Polemik.

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Auf größeren Respekt für Anders-Gedenkende oder deren Argumente sollte man also besser nicht hoffen; außer Nadelstiche ins „traditionelle Gedenken“ verteilen diverse Autoren auch mal Tritte. Wer das nicht aushält, lasse die Finger vom Buch. Was indes schade wäre, weil trotz allem „Gedenken abschaffen“ die inspirierendste Publikation zum Thema seit Jahren ist. Auch wegen des multiperspektivischen Ansatzes: Ein Zeitzeugen-Gespräch findet sich darin, eine Abhandlung über NS-Zeit-Erinnerungsfilme wie „Dresden“, die Dramen-Farce „Dresden Christ Superstar“ ...

Problematische Mahnmale

Bei einem Sammelband solchen Inhalts, mit einer solchen Stoßrichtung und einer dennoch recht heterogenen Autorenschaft muss man natürlich diverse Dinge in Kauf nehmen. Etwa, dass zur Herstellung einer möglichst großen Abarbeitungs- und Reibungsfläche eine „Gegnerschaft“ konstruiert wird, die es derart monolithisch, geschlossen und starr gar nicht gibt: Das „bürgerlich-konservative Gedenken“ ist in Wahrheit erheblich vielfältiger und obendrein selbst intern umstritten. Doch immerhin, es existiert ja, jenes seit Jahrzehnten Dresden beherrschende Selbstbild der Opfer-Stadt, in dem Täter- und Mittäterschaften eher unterbelichtete oder gar keine Rollen spielen. Darüber sollte und muss man streiten können. Und darf auch mal dagegen anschreien, wie dieses Buch.

Besonders laut tun das diverse Beiträge im Kapitel „aktivistisch“, eine Art Austobefläche für einige der heftigsten Polemiken. Zwar findet sich dort manch unausgereifter Text. Wie der sich erkenntnistheoretisch gebende Essay über Geschichtsrevisionismus der „Gruppe Keine Versöhnung mit Deutschland“, der wohl erfrischend zünftig, aber auf tönernen Füßlein argumentiert. Zum Beispiel wenn er behauptet: „Eine Inszenierung nationaler Identität, wie regelmäßig in Dresden vorgeführt, ist notwendigerweise geschichtsrevisionistisch, da sie die historische Realität des Nationalsozialismus ausblenden, relativieren oder verweigern muss.“ Und warum muss sie das so zwingend tun, werte Keineversöhnungmitdeutschländer_innen? Statt einer Fundierung dieser steilen These liest man weiter: „Jedes ,geläuterte‘ Eingeständnis oder Einräumen von Schuld ist lediglich als Unterpfand für den vermeintlichen neuen Nationalismus zu verstehen.“ Das ist also gefälligst so zu verstehen! Willkommen bei der Ideologie-Klippschulung.

Doch derlei inhaltliche und tonale Missgriffe sind unterm Strich ein erträglicher Preis für den Erkenntnisgewinn, den „Gedenken abschaffen“ aufgeschlossenen Lesern mit Einstecker-Qualitäten bietet. Das gilt auch für das traditionell bestens über die Rechte Szene informierte Antifa-Recherche-Team Dresden. Es verantwortet kritische Beiträge über das Neue Sächsische Versammlungsgesetz sowie über die Genese der Instrumentalisierung des 13. Februar durch Nazis und deren Sympathisanten, die aus Dresden über Jahre hinweg nahezu ungestört von anderen Gedenkern ihren Haupt-Aufmarschplatz machen konnten. Dass sich aus Wut darüber diverse Gegengedenker zu zynischen Sprüchen wie „Mach’s noch einmal, Bomber-Harris“ oder „Keine Tränen für Krauts“ hinreißen lassen; es mag überprovokant sein und reichlich daneben, ist aber wenig verwunderlich, sogar nachvollziehbar.

Überhaupt lauern starke Beiträge unter den Kapitelüberschriften „fokussiert“ und „chronologisch“. René Haase, Sophie Abbe und Andrea Hübler schildern die Geschichte Dresdens in der NS-Zeit, stellen die Historie der ideologischen Gedenk-Ausrichtung in SBZ und DDR analytisch dar sowie deren weiteren „Werdegang“ im vereinten Deutschland. Nachgerade bemerkenswert, obschon nicht völlig sachfehlerfrei sind die beiden Essays von Philipp Klein und der von Swen Steinberg. Klein nahm sich die Frauenkirche vor und weitere Gedenkmale, Steinberg den Heidefriedhof. Beide tasten ihre Untersuchungsgegenstände auf deren memoriale Kernaussagen ab und legen mit überwiegend schlüssigen Argumenten die Fallstricke frei: Wie das Tränenmeer-Mädchen auf dem Heidefriedhof – ein Kind, so unschuldig und wehrlos wie das mythische Dresden – bestätigt das Gros der Mahnmale eben jenes eindimensionale und mittlerweile überholte Selbstbild der Stadt als Ort unsäglicher Opfer-Leiden.

Ja doch, immer mal wieder ist die Lektüre von „Gedenken abschaffen“ einigermaßen nervig. Das liegt zuvörderst am tendenziell blasierten und rumpelstilzchenhaften Tonfall vereinzelter „Autor_innen“. Die meisten aber kommen ausgewogener, fairer, klüger und ihrem Anliegen daher letztlich dienlicher zur Sache und verleihen diesem Buch sein ernsthaftes Gewicht.

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Übrigens geht es, anders als der Haudrauf-Titel suggeriert, vielen der Dissonanz-Kollektivisten mitnichten um eine Totalentsorgung des Gedenkens. Was stattdessen zu tun wäre, dazu hat unter anderem Henning Fischer in seinem Buchbeitrag eine Idee: „Möglichst bald aufhören mit dem öffentlich inszenierten Selbstmitleid ... und dem formelhaften Versöhnungsgerede. Das ließe vielleicht Raum sowohl für eine kritische Untersuchung der Geschichte in Dresden in allen ihren Momenten als auch für eine politische Zuwendung zu dem, was die deutsche Gesellschaft des Nationalsozialismus war.“ Auch Provokationen können bereichernd sein.

Autor_innenkollektiv „Dissonanz“: Gedenken abschaffen – Kritik am Diskurs zur Bombardierung Dresdens 1945. Verbrecher-Verlag, 344 S., 15 Euro