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Geh nicht nach Jerusalem, Jesus!

3 bis 5 Zeilen Vorspann

Von Friedrich Prüfer

Du müsstest es doch besser wissen, Galiläer! Sie würden Dich auch heute nicht verstehen, die Leute in Jerusalem! Der wankelmütige Pöbel auf den Straßen ebenso wenig wie die taktierenden Mächtigen, um ihre Privilegien bedacht. Selbst Deine engsten Vertrauten und Freunde werden Dich im Stich lassen. Hättest Du das wissen können? Dabei kommt Dein Einzug in Jerusalem eigentlich gut an! So wird es auch heute von Führungspersönlichkeiten erwartet: Kein luxuriöses, nobles Streitross, sondern ein einfacher Esel. Klassisches Understatement! In Zeiten der Krise nicht protzen, sich mit Luxusbadewannen und prächtige Residenzen präsentieren. Aber musst Du es gleich übertreiben und die Händler und Wechsler aus dem Tempel treiben? Zugegeben, der Tempel soll ein Haus des Gottesdienstes und des Gebetes sein! Aber etwas mehr Feingespür wäre schon angebracht gewesen! Die Versorgungslage muss gesichert sein! Handel und Wohlstand sind wichtig. Das musst Du wissen. Und auch Deine angebliche Zukunftsvision Gottes für diese Welt, aus Friedfertigkeit und Gewaltlosigkeit.

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Jede Woche ein neuer Messias

Jerusalem, geradezu Sinnbild der Welt, ist ein Pulverfass. Jede Woche ein neuer Messias, der den Thron besteigen soll und das Land von den Feinden befreien soll. Da werden Kontinuität und Beständigkeit erwartet. Eine ruhige Hand. Wenn es sein muss eine starke Hand, die zupacken kann. Eine Autorität, die den Leuten sagt, wo es lang geht. Jesus, also mal ehrlich, Dein Freundeskreis als politisches Leitmodell einer Gemeinschaft von Gleichen, in der auch Frauen und Fremde, ja sogar Feinde einen Platz finden! Und außerdem: Barmherzigkeit und Vergebung ist was für Schwächlinge! Mit realpolitischem Sachverstand hat das wenig zu tun!

Nimm Dir doch mal ein Beispiel an der ausgeklügelten Sicherheitspartnerschaft. Das haben die damaligen Mächtigen schon ganz gut hinbekommen. König Herodes, der Fuchs hatte den Dreh raus: Lieb Kind mit den Besatzern und mit den Juden, kurzen Prozess mit Thronkonkurrenten und politischen Unruhestiftern. Auch das hättest Du wissen müssen, Jesus: Kritik kann die Macht nie vertragen! Immerhin hattest Du schon unglaubliches Glück, dass die messianische Ovation oder Demonstration, die Dir von Deinen Anhängern bei Deinem Einzug in Jerusalem bereitet wurde, von den politischen Behörden nicht bemerkt worden ist! Stell Dir doch nur mal vor, die allgegenwärtige Tempelpolizei oder die römische Garnison hätten den Willkommensteppich aus Zweigen und Kleidern bemerkt? Dann wärst Du nicht mal hineingekommen in die Heilige Stadt, Du „Armeleute-Messias“! Du hättest es wissen müssen! Auf der Schädelstätte wirst Du am Kreuz sterben, den grausamsten und qualvollsten Tod eines Verbrechers, einer Spezialität der römischen Besatzer für politische Aufrührer. Du hast Dich nicht versteckt und Deinen Tod in kauf genommen! Bis heute gibt es Menschen, die um deinetwillen ihr Leben aufs Spiel setzten und behaupten: Du bist lebendig und Deine Sache geht weiter! Ist das nicht ein Wunder?