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Dresden

Geheimniskrämerei ums Narrenhäusel?

Warum die Initiative Stadtbild dem Baubürgermeister „Theater“ vorwirft und was jetzt passiert.

Zwei von drei Narrenhäusel-Entwürfen kamen in die engere Wahl: Der von Martin Trux (rechts) aus Dresden und der von Pontus Falk aus Berlin.
Zwei von drei Narrenhäusel-Entwürfen kamen in die engere Wahl: Der von Martin Trux (rechts) aus Dresden und der von Pontus Falk aus Berlin. © Visualisierung: arte 4D, privat

Beim Wiederaufbau des Narrenhäusels geht es längst nicht mehr nur darum, wie hoch das Gebäude einmal werden soll oder wie das Dach geformt sein wird. Investor Frank Wießner hatte die Entwürfe am Montag veröffentlicht, bevor ein städtisches Gutachtergremium darüber beraten konnte, und damit auch Baubürgermeister Raoul Schmidt-Lamontain (Grüne) verärgert. Er sagte seine Teilnahme an der Gutachtersitzung kurzerhand ab. Was die Frage aufwirft, weshalb Entwürfe für Häuser, die derart im öffentlichen Fokus stehen, überhaupt hinter verschlossenen Türen diskutiert werden. Die Baukultur-Initiative „Stadtbild Dresden“ wirft dem Bürgermeister jedenfalls „Theater“ und ein fehlendes Gespür für die Belange der Dresdner vor. Sie wendet sich mit einem offenen Brief an Schmidt-Lamontain.

Was wirft die Bürgerinitiative dem Baubürgermeister genau vor?

„Es wird uns hier eine bühnenreife Darstellung geboten, die Auskunft darüber gibt, wie es um das demokratische Verständnis eines Volksvertreters bestellt ist“, heißt es in dem Schreiben. Wießner, der die Kosten des von der Stadt gewünschten Architektur-Wettbewerbs selbst bezahle, pflege beim Narrenhäusel einen beispielgebenden basisdemokratischen Stil gegenüber allen Dresdnern. Sicher stehe die Einhaltung formaler Modalitäten außer Frage, aber sie dürften nicht derart einseitig und restriktiv angewandt werden, wie es seitens des Stadtplanungsamtes praktiziert werde. „Mit dem jüngsten Vorfall sehen wir den Zweifel an Ihren nach außen getragenen Motiven in puncto Bürgerbeteiligung bestätigt. Der Bürger-Dialog scheint Ihnen offenbar nur als Theater dienlich, wenn es darum geht, sich positiv der Presse gegenüber zu präsentieren.“ Die Bürgerinitiative hoffe, dass Schmidt-Lamontain in Zukunft Möglichkeiten der konstruktiven Zusammenarbeit mit allen Investoren und besonders mit den Dresdnern suche.

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Wie rechtfertigt der Baubürgermeister seine Absage?

Einem wettbewerblichen Verfahren, an dessen Ende ein Gutachtergremium eine Empfehlung ausspricht, sei grundsätzlich von Wertschätzung und Achtung für die Entwurfsverfasser und die Gutachter geprägt, so Raoul Schmidt-Lamontain. „Die Gutachter bringen ihre Expertise ein, reisen in der Regel extra für die Gutachtersitzung an.“ Sie würden die Entwürfe unabhängig beurteilen und sowohl der Stadtverwaltung als auch dem Bauausschuss beziehungsweise dem Stadtrat ihr Votum an die Hand geben. „So ist es Usus.“ Ein Bauherr, der mit der Behörde ein wettbewerbliches Verfahren vereinbare, lasse sich darauf ein und bringe den Entwurfsverfassern und dem Gutachtergremium Achtung entgegen. „Das braucht nicht vereinbart zu werden, es ist so.“

Wie wird der Baubürgermeister jetzt seine Meinung einbringen?

Diese Frage beantwortet er leider nicht sehr konkret. „Es geht um eine möglichst originalgetreue Rekonstruktion des Gebäudes. Grundsätzlich soll die historische Fassadenansicht, die es zum Zeitpunkt der Zerstörung gegeben hat, wiederaufgebaut werden“, so Schmidt-Lamontain. Zeitgenössische Nutzungsansprüche und Normen erforderten jedoch Abweichungen vom Original. Vor allem größere Öffnungen für den optimalen Betrieb einer gastronomischen Einrichtung oder die Berücksichtigung der DIN-Norm zur Belichtung von Aufenthaltsräumen würden Veränderungen mit sich bringen. „Außerdem muss die Nordfassade neu interpretiert werden, denn in der ursprünglichen städtebaulichen Konstellation schlossen an das Narrenhäusel in Teilen andere Gebäude beziehungsweise Gebäudeteile und eine Treppenanlage an. Dort stand also eine geschlossene Wand“, sagt der Baubürgermeister.

Zwei Männer, zwei unterschiedliche Meinungen: Investor Frank Wießner (rechts) und Baubürgermeister Raoul Schmidt-Lamontain. 
Zwei Männer, zwei unterschiedliche Meinungen: Investor Frank Wießner (rechts) und Baubürgermeister Raoul Schmidt-Lamontain.  © Christian Juppe, privat

Was sagt der Investor zum bisherigen Verfahren?

Er finde die Absage des Baubürgermeisters bedauerlich, so Wießner. Es sei nicht seine Absicht gewesen, die Gutachter zu beeinflussen. „Ich dachte, es gehört sich, die Öffentlichkeit zu informieren.“ Er halte es nicht für gut, die Entwürfe ausschließlich hinter verschlossenen Türen diskutieren zu lassen. Deshalb habe er sich entschieden, die Pläne am Tag der Gutachtersitzung an die Medien zu geben. „Die Stimme des Baubürgermeisters hätte das Patt zwischen den beiden Entwürfen, das es am Montag zur Gutachtersitzung gegeben hat, entschieden“, sagt Wießner. Nun müsste an den Entwürfen von Martin Trux und Pontus Falk weitergearbeitet werden. „Die beiden Mitglieder der Gestaltungskommission, Professor Jörg Sulzer und Thomas Kaup, haben den Entwurf von Pontus Falk favorisiert, weil er die Brüche zeige, denen das Gebäude in der Zeit, in der es stand, unterlag“, sagt Wießner. Diese Herangehensweise finde er interessant. „Ich hoffe, dass wir jetzt schnell zu einer Entscheidung kommen, ich möchte zeitnah anfangen zu bauen“, sagt Wießner. Immerhin würde es viele ältere Dresdner geben, die im Narrenhäusel bald einen Kaffee trinken wollen.

Wie geht es jetzt mit dem Narrenhäusel weiter?

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Der Ausschuss für Stadtentwicklung, Bau, Verkehr und Liegenschaften wird am 6. November über das Votum der Gutachtersitzung informiert, sagt der Baubürgermeister. „Bei beiden Entwürfen sahen die Gutachter noch Überarbeitungsbedarf, vor allem im Sockelbereich und beim Dach. Zudem muss noch erörtert werden, welche bauliche Fassung rekonstruiert werden soll.“ Der Stadtrat hätte beauftragt, diejenige Fassung zu rekonstruieren, die vor der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg stand, sagt Schmidt-Lamontain. Eine der beiden Fassungen greife jedoch eine frühere Zeitepoche auf und lehnt sich an ein barockes Palais an. Deshalb müsse jetzt unter Beteiligung eines Gutachtergremiums von Architekten, Kunsthistorikern, Denkmalpflegern ein Entwurf identifiziert werden, der dem Original möglichst nahekommt, mit fachlich begründeten Interpretationen für die Fassadenbereiche, bei denen das Original nicht rekonstruiert werde.

So sah das Narrenhäusel um 1935 aus. 
So sah das Narrenhäusel um 1935 aus.  © Sammlung Holger Naumann

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