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Geheimrezept gegen Flugangst

Peter Bertram ist Fluglehrer auf dem Flugplatz Bautzen. Dort erfüllt der 60-Jährige so manchen Traum – auch Menschen, die nicht gern in große Höhen steigen.

© Uwe Soeder

Von Jana Ulbrich

Bautzen. Am Rande des Rollfelds weht Christine Sebele der Wind in die langen Haare. Die 52-Jährige blinzelt in die Sonne. Sie hat sich schnell noch einen Kaffee geholt. Heute wird sie zum vierten Mal alleine in die Luft steigen. Sie gibt gerne zu, noch immer ein bisschen nervös zu sein. Wie jedes Mal, wenn sie hier am Rollfeld steht, spürt sie dieses ungeduldige Kribbeln. Gleich wird sich die Erzgebirglerin hier auf dem Flugplatz in Bautzen wieder ihren großen Traum erfüllen. Schon als Kind, erzählt Christine Sebele, hat sie vom Fliegen geträumt, davon, einfach abzuheben und über allen Dingen zu schweben. Die Welt von oben zu sehen. Sich ganz frei und schwerelos zu fühlen.

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Gleich hebt sie ab: Nach 100 Stunden Theorie folgt die Praxis. Mehr als 250 Schülern hat Peter Bertram in Bautzen schon das Fliegen gelehrt.
Gleich hebt sie ab: Nach 100 Stunden Theorie folgt die Praxis. Mehr als 250 Schülern hat Peter Bertram in Bautzen schon das Fliegen gelehrt. © Uwe Soeder

Nie im Leben hätte sie geglaubt, dass sie es eines Tages tatsächlich schaffen würde, sich ihren großen Kindheitstraum zu erfüllen. Christine Sebele hat große Flugangst. Oder besser gesagt: hatte. Wer Flugangst hat, muss selber fliegen, hat ihr Peter Bertram geraten. Und deshalb steht die freiberufliche Pianistin jetzt wieder hier, in festen Schuhen, Jeans und Bikerjacke, und wartet auf ihren Fluglehrer. Peter Bertram ist ein Mann mit viel Erfahrung. Vor der Wende, als der Bautzener Flugplatz noch zur Offiziershochschule gehörte, hat der heute 60-Jährige hier Jagdflieger ausgebildet. 1993, als die Armee nach ihrem Abzug die Start- und Landebahnen zurückgelassen hatte, hat er sich kurzerhand mit einem Partner selbstständig gemacht und eine Flugschule gegründet.

Ein unbeschreibliches Gefühl

250 Hobbypiloten haben bei ihm mittlerweile schon das Fliegen von Kleinflugzeugen gelernt. Manche auch, um ihre Flugangst zu überwinden. Christine Sebele muss lächeln. „Das erste Mal dort oben, das war ein Gefühl – einfach unbeschreiblich“, sagt sie. „Aber vor lauter Angst habe ich überhaupt nicht nach unten gesehen.“

Inzwischen hat sie gelernt, der Technik zu vertrauen. Das ist das Wichtigste. „Je besser man die Technik kennt, je mehr man in der Theorie über das Fliegen lernt, umso größer wird das Vertrauen in das Flugzeug und in sich selbst“, sagt sie. Ein preiswertes Hobby ist das Fliegenlernen aber nicht. Rund 10 000 Euro kostet es im Durchschnitt, bis man den Pilotenschein in der Tasche hat, sagt Peter Bertram.

Die Theorie hat Christine Sebele hinter sich: 100 Stunden, Aerodynamik, Luftrecht, Meteorologie – neun verschiedene Fächer insgesamt. Sie hat ganz schön büffeln müssen. Außerdem noch für die Funklizenz.

Jeder muss jedem vertrauen

Peter Bertram kommt übers Rollfeld gelaufen. „Ich fliege heute erst noch mal mit, Christine“, ruft er schon von Weiten. „Wir haben starken Ostwind heute.“ Auf dem Flugplatz reden sich alle mit Du an. Weil jeder hier jedem unabdingbar vertrauen muss. Christine hat das mit dem Ostwind schon mitbekommen. „Ist machbar“, murmelt sie vor sich hin.

Bei Ostwind kann sie direkt gegen den Wind starten. Schlimmer ist es, wenn es von der Seite bläst und die leichten Maschinen aus der Bahn geraten. Peter Bertram gibt ihr die Kopfhörer mit dem Sprechfunkgerät. Sie holt die Landkarte und ihre Tauglichkeitszeugnisse, die muss sie mitnehmen auf jeden Flug. Dann geht sie mit festen Schritten auf ihr Flugzeug zu, eine Katana, Baujahr ’97, eines der heute noch modernsten Schulflugzeuge auf dem Markt. 20 000 Starts und Landungen hat die Katana schon hinter sich.

Christine streicht der kleinen Zweisitzer-Maschine beinahe liebevoll über die Flügel. Das gehört dazu vor jedem Flug. Sie hat eine Checkliste in der Hand, die abzuarbeiten Pflicht ist: Alle Klappen bewegen, alle Teile checken, Öl, Benzin und Kühlwasser kontrollieren. Erst dann klettert sie hinters Steuer.

Sie weiß, Peter Bertram legt jetzt 200 000 Euro in ihre Hände. Aber das Wohl und Wehe des Flugzeugs ist in so einem Moment zweitrangig für den Chef der Flugschule. Viel wichtiger ist es, dass die Pilotin heil und unversehrt wieder runterkommt. Darin vor allem muss Peter Bertram sich sicher sein, wenn er seinen Flugschülern eine Maschine in die Hand gibt. Vor allem, wenn der Punkt kommt, an dem er nicht mehr daneben sitzt. Das ist ganz allein seine Verantwortung. Eine große Verantwortung. „Es braucht viel Vertrauen“, sagt der Fluglehrer. „Vertrauen in die Technik, vor allem aber in den Menschen, mit dem ich es zu tun habe.“

Keine Zeit für Flugangst

Christine kann er heute guten Gewissens fliegen lassen. Vor drei Wochen hatte sie ihren ersten Soloflug. Sie hatte im Flugzeug so viel zu tun, erzählt sie, dass sie überhaupt keine Zeit hatte, den Flug so richtig zu genießen. Überhaupt hätte sie niemals gedacht, dass Fliegen so viel Arbeit macht. „Beim Starten und Landen muss man so viel tun und machen und sich so auf die Technik konzentrieren, dass man gar nicht dazu kommt, Flugangst zu haben“, schmunzelt sie.

Fluglehrer Peter Bertram schmunzelt auch. „Christine hat sich freigeflogen“, sagt er anerkennend. So sagt man das unter Piloten. Und gleich wird die Erzgebirglerin wieder abheben und erst einmal ein paar „Platzrunden“ drehen, also immer wieder starten und landen. Starts und Landungen fliegt sie ja ohnehin am liebsten. Und vielleicht fliegt sie später dann auch noch mal über die Sächsische Schweiz.

Fluglehrer Peter ist für die erste Runde neben sie in die Maschine gestiegen. Sie soll die ersten Starts und Landungen noch mal in seinem Beisein üben. Sie schnallen sich an und schließen die Haube. Eine kurze Anweisung noch. Dann beginnen sich die Rotorblätter zu drehen, die Maschine rollt. Und gleich wird sie abheben.

Mit dem traditionellen Anfliegen wird an diesem Sonnabend ab 10 Uhr wieder die Flugsaison auf dem Bautzener Flugplatz eröffnet. Interessenten sind willkommen.

www.flugplatz-bautzen.com