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Wo Athleten hinter Stacheldraht trainierten

Geheimsache Rabenberg: Zu DDR-Zeiten war das Areal im Erzgebirge ein abgeschotteter Ort für den Spitzensport. Jetzt kann sich dort jeder fit machen.

Von Daniel Klein
 6 Min.
Die Anlage liegt gut versteckt oberhalb von Breitenbrunn im Erzgebirge – umgeben von ganz viel Wald.
Die Anlage liegt gut versteckt oberhalb von Breitenbrunn im Erzgebirge – umgeben von ganz viel Wald. © kairospress

Einen Straßennamen gibt es nicht. Mitten im Nichts wäre das auch ungewöhnlich. Ein schmaler, asphaltierter Weg führt vom Ort Breitenbrunn vier Kilometer durch einen Tannenwald, dann öffnet sich plötzlich ein riesiges Areal. Zwölf Hektar groß ist der Sportpark Rabenberg, das entspricht einer Fläche von 17 Fußballfeldern. Wer zufällig hier vorbeikommt, dürfte überrascht sein, was er sieht.

Fußballplatz, Schwimmhallen, Beachplätze, Kraftraum, Mountainbike-Strecken, Tanzsaal, Kletterparcour, Wurfplatz mit Überdachung, Gewichtheberhalle, Rollerstrecken, Kunstrasenplätze – gibt es überhaupt etwas für Sportler, was es hier, mitten im Wald, nicht gibt? Andreas Decker überlegt kurz, dann fällt ihm ein: „Ein Landeplatz für Segelflugzeuge.“

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Der große Mann mit grauen Haaren und festem Händedruck hat viel erlebt in seiner Laufbahn, war 1976 und 1980 Olympiasieger im Rudern, Gründungspräsident des Landesportbundes Sachsen und Vize-Präsident des Deutschen Sportbundes. Sein größtes Abenteuer hat er aber hier erlebt, als Geschäftsführer hoch oben auf dem Rabenberg.

Nach 1990 musste aus einem Areal, das 22 Jahre lang allein den Spitzenathleten vorbehalten war und komplett vom Staat finanziert wurde, ein wirtschaftlich gesundes Sport- und Freizeitunternehmen entstehen. Eine Mammutaufgabe.

Keine Relikte aus DDR-Zeiten

Wer heute übers Gelände streift, findet kaum noch etwas, das an die Vergangenheit erinnert. „Die Gebäude stehen zwar noch am gleichen Ort, aber sonst ist alles neu“, sagt Decker. Insgesamt wurden mehr als 50 Millionen Euro investiert, davon kamen allein rund 30 Millionen vom Freistaat. 

Ohne die Unterstützung des Landes gäbe es den Sportpark nicht mehr. „Die Lage in der Wendezeit war sehr prekär. Alle 14 Tage kam jemand mit einer neuen Idee. Mal sollte alles platt gemacht werden, mal ein Sanatorium entstehen. Es hat zwei Jahre gedauert, bis klar war, dass es hier weitergeht“, erinnert sich Decker.

Die Schwimmer haben vier Bahnen in einem 50- und vier Bahnen in einem 25-Meter-Becken zur Verfügung.
Die Schwimmer haben vier Bahnen in einem 50- und vier Bahnen in einem 25-Meter-Becken zur Verfügung. © kairospress

Die Sportler durften bleiben. Die Ersten auf dem Berg waren sie jedoch nicht. Nach dem 2. Weltkrieg entstanden Baracken für Bergleute, die Uran abbauten. Anfang der 1950er-Jahre wurde die Wismutsiedlung erweitert. Konsum, Sparkasse, Post, Kindergarten, Friseur, Ambulatorium und Polizeiposten kamen dazu, zu Spitzenzeiten lebten 5.000 Menschen auf dem Berg. Ein eigener Ort quasi – allerdings nur für knapp zehn Jahre. Mit dem Ende der Erzförderung wurde eine neue Nutzung gesucht.

Das Komitee für Körperkultur und Sport mit Sitz in Berlin übernahm das Gelände samt der Immobilien, machte daraus zwischen 1963 und 1968 einen Internat- und Sportkomplex. Die Funktionäre hofften, dass sich die Olympiakader hier gezielt auf die Spiele 1968 in Mexiko vorbereiten können.

Die Wettkämpfe wurden auf einer Höhe von 2.300 Metern über dem Meeresspiegel ausgetragen – und damit unter besonderen Bedingungen. Auf dem Rabenberg sollten die simuliert werden, ein wenig zumindest. Der Hügel liegt auf 900 Metern, ein richtiges Höhentraining ist also unmöglich.

Nachfolger und Vorgänger: Bis 2016 leitete Ruder-Olympiasieger Andreas Decker (r.) den Komplex auf dem Rabenberg, danach übernahm Ex-Rodler Sven Röber die Verantwortung.
Nachfolger und Vorgänger: Bis 2016 leitete Ruder-Olympiasieger Andreas Decker (r.) den Komplex auf dem Rabenberg, danach übernahm Ex-Rodler Sven Röber die Verantwortung. © kairospress

Um den Ort ranken sich einige Mythen, die Entstehungsgeschichte gehört sicher dazu. Sven Röber, seit 2016 Geschäftsführer, zweifelt ein wenig an dieser Version, die man im Internet detailliert nachlesen kann. „Sagen wir mal so: Ich würde das unter Legende einstufen“, erklärt der 46-Jährige. Doch egal, ob hier nun Mexikos Höhenlage nachgeahmt wurde oder nicht – der Komplex war allein für die Spitzensportler gedacht.

„Der Stacheldraht führte ums ganze Areal, es gab einen Schlagbaum und einen Pförtner“, erzählt Decker, der das deshalb so genau weiß, weil er als Ruderer zu DDR-Zeiten auf dem Rabenberg trainierte und der Stacheldraht das erste war, was er zur Wende als neuer Chef entfernen ließ.

„Es war abgeschirmt, aber nicht wirklich geheim, weil viele Mitarbeiter aus dem Ort oder der Region kamen“, sagt der 67-Jährige. 124 Planstellen gab es damals, allein 20 für die Kohleheizung. Heute sind es insgesamt 80. Wenn Einheimische früher über die Anlage sprachen, war von „denen da oben auf dem Hügel“ die Rede. Das klang ein wenig geheimnisvoll und ein wenig neidisch. „Hier gab es Bananen, in Breitenbrunn nicht“, erklärt Decker. Und das sprach sich natürlich rum.

Für die Gewichtheber gibt es zwölf Hantelplätze.
Für die Gewichtheber gibt es zwölf Hantelplätze. © kairospress

Die Liste der Athleten, die hier trainierten, ist prominent wie lang: Rad-Legende Täve Schur, Kugelstoßerin Margitta Gummel, die Skispringer Hans-Georg Aschenbach, Jens Weißflog und Harry Glaß sowie der erst kürzlich verstorbene Schwimm-Olympiasieger Roland Matthes waren hier sowie ganze Nationalmannschaften.

Insgesamt sollen es bis zum Mauerfall 100.000 Athleten gewesen sein. Nicht nur die Höhenlage machte die Sportschule besonders, sondern auch ihre Abgeschiedenheit. Nichts lenkte vom Training ab. „Bis zur nächsten Kaufhalle oder Gaststätte waren es fünf Kilometer Fußmarsch. Das hat keiner gemacht“, erklärt Decker.

Die Lage ist auch heute noch ein Pluspunkt, wenn man vom etwas wackeligen Handynetz absieht. „Für viele ist die Ruhe ein Grund, warum sie zu uns kommen“, erzählt Röber. „Und das sogenannte Waldbaden ist gerade total angesagt, da liegen wir voll im Trend.“ Früher hätte man dazu einfach Wandern gesagt.

60 Prozent der Gäste sind Sportler

Auch sonst stellt sich der Sportpark auf Trends ein. Vor sechs Jahren wurde ein Mountainbike-Park eröffnet, der 50 Kilometer durch den Wald führt, 20 davon auf einem sehr schmalen Pfad. Kletterwände stehen sowohl in einer Halle als auch im Freien.

Olympiakader kommen nun eher selten hierher, am häufigsten die Ruderer. Die Volleyball-Frauen des Dresdner SC waren da, die Gewichtheber sind es regelmäßig, aber nicht mehr so zahlreich, weil die Besten am Stützpunkt im weit entfernten Leimen konzentriert werden. Heute sind Freizeit-, Nachwuchs- und Breitensportler die größte Besuchergruppe. „Sie machen mehr als 60 Prozent aus“, erklärt Röber.

Daneben kommen Firmen, die ihren Angestellten nicht nur Seminare bieten wollen, Schulklassen sowie Touristen. Eine vierköpfige Familie muss für eine Übernachtung zwischen 130 und 150 Euro zahlen, die Nutzung fast aller Sportanlagen ist im Preis inbegriffen, nur für Sauna, Kegel- und Bowlingbahn gibt es Gebühren.

An die DDR-Vergangenheit des Objektes erinnern zwei Judoka aus Bronze vor dem Haupteingang.
An die DDR-Vergangenheit des Objektes erinnern zwei Judoka aus Bronze vor dem Haupteingang. © kairospress

400 Betten stehen derzeit zur Verfügung, die Auslastung liegt laut Röber bei 67, 68 Prozent. „Damit sind wir zufrieden“, sagt er. Damit das so bleibt, soll weiter investiert werden. „Der Standard der Zimmer muss zeitgemäß sein“, erklärt der Ex-Rodler. 1992 war das erste Haus saniert worden, das ist nun an der Reihe. „Daneben soll ein Neubau entstehen“, erzählt Röber. „Geplant ist auch eine dritte Multifunktionshalle.“ Die Ideen, so scheint es, gehen nicht aus. Fertig wird es nie sein.

Auch am Bekanntheitsgrad wird gearbeitet. „85 Prozent der sächsischen Sportvereine kennen uns“, schätzt Röber. Beim Rest dürfte der Wert deutlich darunter liegen. Der Rabenberg soll zwar weiter mit seiner Abgeschiedenheit und Ruhe punkten, doch kein Geheimtipp sein. Eine Geheimsache ist er längst nicht mehr.

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