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Sebnitz

Geht das Bienensterben weiter?

Die milden Temperaturen und blühenden Felder machen den Bienen zu schaffen. Manche fliegen sich tot.

Die Bienen vom Imker Karl Ludecke sind für Mitte Oktober noch sehr agil. Anderen Insekten geht es schlechter.
Die Bienen vom Imker Karl Ludecke sind für Mitte Oktober noch sehr agil. Anderen Insekten geht es schlechter. © Daniel Schäfer

Ziemlich traurig blickt Imker Karl Lüdecke auf die wunderschön aussehenden Felder rund um seinen Wohnort Rückersdorf. „Ja, es sieht schön aus, doch eigentlich sollte um diese Jahreszeit nichts mehr blühen“, sagt er und befürchtet: „Dadurch fliegen sich meine Bienen tot.“

Wieso sterben die Honigbienen durch die Blühpflanzen?

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„Wenn diese Kulturen, wie gelber Senf, Phacelia und Lein, als Zwischenfrüchte verwendet werden, werden sie nach der Getreideernte angebaut und blühen dann entgegen ihrem Entwicklungsrhythmus im September und Oktober. Bei entsprechend milden Temperaturen auch bis in den November hinein“, erklärt er. Nun tun die Bienen das, was sie ihrer Veranlagung nach tun müssen: Sie fliegen und sammeln, denn die Blüten suggerieren ihnen, es sei Frühling. Doch wenn die Honigbienen im Spätherbst eine Quelle entdeckt haben, fliegen sie diese auch noch an, nachdem die Temperaturen schlagartig kühler geworden sind. 

Sie kommen am Bienenstand erschöpft an und setzen sich erst einmal auf das Dach oder an die Wand des Bienenstocks. Fliegen sie nicht gleich wieder auf, kühlen sie ab, erstarren und sterben schließlich.“ So geschehen sei ihm das bereits in den vergangenen fünf Jahren. „Von den insgesamt 24 Bienenvölkern, die ich habe, sind jedes Jahr zwischen 10 und 15 gestorben“, sagt er und fürchtet: „In diesem Jahr ist es aber so warm und es blüht so viel, dass sicherlich keine meiner Honigbienenvölker überleben werden.“ Etwa 50 Hektar Blühfelder gibt es derzeit rund um seine Bienenstöcke. Die kleinen Tiere fliegen rund drei Kilometer weit auf der Suche nach Pollen und Nektar.

Wer ist Urheber der Blühfelder im Herbst?

Imker Karl Lüdecke sieht die Landwirte in der Pflicht. Diese werden seit Anfang 2015 von der EU durch sogenannte „Greening-Vorschriften“ dazu verpflichtet, einen Teil ihrer Äcker zeitweise in Blühflächen zu verwandeln. Mit dieser zwingenden Maßnahme wollten die Europäische Union und Deutschland die aussterbende Wildinsektenpopulation wieder erhöhen. Landwirte erhalten dafür rund 800 Euro pro Hektar. Von diesem Geld kaufen sie das sehr teure Saatgut, was mit etwa 400 Euro zu Buche schlägt, und finanzieren vom Rest unter anderem die Traktoren, die die Samen in die Erde bringen, Treibstoff sowie das Vorbereiten der Äcker und spätere Mulchen.

Imker Karl Lüdecke vor einem Phaceliafeld. Seine Bienen sammeln weiter Honig, obwohl sie „Winterruhe“ halten sollten.
Imker Karl Lüdecke vor einem Phaceliafeld. Seine Bienen sammeln weiter Honig, obwohl sie „Winterruhe“ halten sollten. © Daniel Schäfer

Wie reagiert der sächsische Landesbauernverband?

„Ich sehe die Blühflächen auch als Problem“, sagt der Geschäftsführer des sächsischen Landesbauernverbandes, Manfred Uhlemann, fügt aber hinzu: „Aber es liegt vor allem an den zu milden Temperaturen und nicht zuletzt am Imker selbst“, erklärt der Hobby-Imker, dessen Vater und Großvater bereits Honigbienen züchteten.

 „Unter acht Grad Celsius fliegen Honigbienen nicht mehr. Hummeln hingegen fliegen bis zu 5 Grad noch los“, sagt er und appelliert an seine Imkerkollegen:  „Wenn die Bienen rechtzeitig genug Winterfutter, zum Beispiel in Form eines Rübenzucker-Wassergemisches erhalten, dann fliegen zumindest nicht so viele Bienen raus zu den blühenden Wiesen.“ Diese Flüssignahrung würden die Tiere in ihre Waben einarbeiten. Wenn die Waben voll sind, würden sie nur noch losziehen, um Pollen für die neue Brut im Frühling zu bunkern. Außerdem sieht er die Imker in der Pflicht, ihre Völker bei der Tierseuchenkasse anzumelden.

Was gefährdet die Honigbienen außerdem?

Vor allem die Milben würden die Honigbienen töten, sagt Manfred Uhlemann: „Die Varroa-Milbe, die eigentlich aus Asien kam, setzt sich hier auf unsere Honigbienen und saugt ihnen die Lymphflüssigkeit aus. Daran sterben die Bienen. Von diesen Milben sind tatsächlich alle Bienenvölker inzwischen betroffen“, sagt der Experte. 

Gegensteuern könnten Imker nur, in dem sie zeitig das Winterfutter eingeben, möglichst bis Ende Juli. Direkt danach müsse die Bekämpfung der Milben beginnen, sagt er: „Ich mache das bereits ab dem 1. August mit Ameisensäure oder ätherischen Ölen. Beides reduziere die Population der Varroa-Milben stark. Je später diese Gegenmaßnahme beginnt, umso mehr Milben sind im Bienenstock und tötet somit das Volk.“ Während der Honigproduktion könne die Milbenbekämpfung nicht erfolgen, da sonst der Honig geschmacklich darunter leiden würde.

Welche Möglichkeiten haben Imker um Bienen zu schützen?

Ein Bienenvolk bräuchte rund 15.000 Bienen, um den Winter zu überleben. Die Bienen müssen eine Temperatur zwischen 33 und 36 Grad Celsius halten. Das können sie nur, wenn die Bienen sich um die Königin drängen, wie in einer Traube. Wenn zu wenige Bienen vorhanden sind, kann die Wärme nicht gehalten werden. Sie sterben. Er selbst habe noch nie so einen großen Verlust bei seinen Bienenvölkern erlebt, sagt Uhlemann: „Ich habe sieben Völker. Fünf für die Honiggewinnung und zwei als Ablegerbrutraum, also zur Zucht neuer Stämme. Von diesen sieben habe ich meistens alle durch die Winter gebracht.“

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Viel könnten also die Imker selbst unternehmen. Die frühe Zufütterung sei wichtig, damit die Bienen keinen Grund sehen, noch im Herbst loszufliegen, um Nahrung zu suchen, und die rechtzeitige Bekämpfung der gefährlichen Varroa-Milben. „Ein Verlust über den Winter von etwa zehn Prozent ist normal, alles was über zwanzig Prozent geht, sollte mit der Tierseuchenkasse besprochen werden“, rät der Experte. Die Honigbiene ist übrigens das drittwichtigste Nutztier überhaupt. Dadurch, dass sie die Blüten bestäubt, sichert sie die Entstehung der Früchte und somit unsere Nahrung.

Informationen zwischendurch aufs Handy gibt es hier.